Patientenaufkommen in Allgäuer Arztpraxen

Überraschendes Phänomen in Allgäuer Arztpraxen: Weniger Grippe-Patienten als erwartet

Anders als erwartet: In die Füssener Praxis von Ärztin Katharina Straub (rechts) kommen weniger Grippe-Patienten als in den Vorjahren.

Anders als erwartet: In die Füssener Praxis von Ärztin Katharina Straub (rechts) kommen weniger Grippe-Patienten als in den Vorjahren.

Bild: Benedikt Siegert

Anders als erwartet: In die Füssener Praxis von Ärztin Katharina Straub (rechts) kommen weniger Grippe-Patienten als in den Vorjahren.

Bild: Benedikt Siegert

In Allgäuer Arztpraxen kommen deutlich weniger Patienten mit Grippe-Erkrankungen. Aus Angst, sich mit Corona anzustecken? Es gibt auch noch andere Theorien.
20.11.2020 | Stand: 20:00 Uhr

Ärzte haben während der Corona-Pandemie alle Hände voll zu tun. Neben dem üblichen Tagesgeschäft gilt es reihenweise Abstriche zu machen. Menschen mit und ohne schwere Symptome wollen getestet werden. Und dazu kommt jetzt auch noch die Grippe-Saison. Dennoch zeigt sich in Praxen seit dem Start des zweiten Lockdowns ein überraschendes Phänomen.

Zum Beispiel bei Dr. Sabine Sprich, Hausärztin in Biessenhofen. Bei ihr ist der Andrang von Grippe-Patienten nicht so groß wie sonst in dieser Jahreszeit. Die Medizinerin glaubt, dass manche Menschen Angst haben, bei ihr in der Praxis mit Corona angesteckt zu werden. „Erst kürzlich hat mich eine Patientin mit einer Blasenentzündung angerufen und gefragt, ob sie denn überhaupt in die Praxis kommen könne“, sagt die stellvertretende Vorsitzende des Ärztlichen Kreisverbands Ostallgäu.

Solche Sorgen hält die Medizinerin aber für unnötig: „Unsere Hygienemaßnahmen sind auf dem höchstmöglichen Stand.“ Im Wartezimmer müsse Abstand gehalten werden, Stühle wurden herausgenommen. Auch andere Kollegen machen laut Sprich die Erfahrung, dass die Zahl der Patienten in diesem Herbst geringer ist als erwartet.

Ärzte im Allgäu: Bewusstsein für Hygiene ist stark gestiegen

Sie behandle deutlich weniger Menschen mit Erkältungs- oder Grippe-Symptomen als in anderen Jahren, sagt die Füssener Hausärztin Katharina Straub. Auch sie sieht einen Zusammenhang mit Corona, bringt allerdings noch einen anderen Aspekt ins Spiel: Das Bewusstsein für Hygiene sei durch die Pandemie stark gestiegen. „Die Menschen niesen nicht mehr in ihre Hände, Haltestangen in Bussen und Bahnen werden nicht mehr angefasst und es werden Masken getragen“, sagt Straub. So könne sich auch eine Erkältung deutlich schwerer verbreiten.

Auch der Kemptener Hausarzt Dr. Lutz Menthel sagt, dass in seiner Praxis weniger Patienten Termine vereinbaren als zu erwarten war: Er sieht ein großes Problem darin, dass die Politik die Menschen im Unsicheren lasse. „Die Bürger wissen nicht, wie sie sich verhalten sollen“, sagt Menthel. Wann muss getestet werden und an wen wendet man sich bei leichten Corona-Symptomen? Kaum jemand wisse genau, was zu tun ist. „Die Patienten sind allein gelassen“, kritisiert Menthel.

Keine Maskenmuffel

In seiner Praxis kann man sich testen lassen, allerdings nur unter bestimmten Voraussetzungen: „Wir testen ausschließlich direkte Kontaktpersonen von Infizierten.“ Maskenmuffel tauchten bei ihm nicht auf, sagt Menthel: „99,9 Prozent unserer Patienten verhalten sich absolut spitze.“

Während in der Praxis von Sabine Sprich erstaunlich wenig los ist, sieht es beim Kinderarzt und Vorsitzenden des Ärztlichen Kreisverbands Kempten, Dr. Thomas Potthast, etwas anders aus: Besonders während der Herbstferien in der ersten November-Woche behandelte er vergleichsweise viele Patienten. Einige Eltern „machen sich Sorgen, wenn die Nase ihrer Kinder läuft“. Doch das sei zu dieser Jahreszeit „das Normalste auf der Welt“, sagt der Kemptener Mediziner. Deshalb sei es Kindern mit leichtem Schnupfen auch ohne negatives Testergebnis erlaubt, in den Kindergarten zu gehen.

Umsatz sinkt

Der Ostallgäuer Ärztin Sabine Sprich ist noch etwas anderes aufgefallen: Bei der Abrechnung des zweiten Quartals stellte sich heraus, dass der Umsatz in ihrer Praxis um etwa zehn bis 15 Prozent zurückgegangen war. Dem gegenüber stünden aber ein höheres Arbeitspensum und mehr Ausgaben für Schutzausrüstung wie Masken und Anzüge. „Aber ich will nicht jammern, anderen Branchen, wie zum Beispiel der Gastronomie, geht es deutlich schlechter“, sagt Sprich.

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