Verdi im Allgäu

Verdi wird 20 Jahre alt: So sieht die Arbeit der Gewerkschaft im Allgäu aus

Verdi Streik in Kempten

Meistens geht es um höhere Löhne, manchmal auch um bessere Arbeitsbedingungen, wenn Gewerkschaftsmitglieder demonstrieren oder streiken, so wie hier im Juli 2017 in Kempten. Vor 20 Jahren ist in der Stadt die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft (Verdi) Allgäu gegründet worden.

Bild: Ralf Lienert (Archivfoto)

Meistens geht es um höhere Löhne, manchmal auch um bessere Arbeitsbedingungen, wenn Gewerkschaftsmitglieder demonstrieren oder streiken, so wie hier im Juli 2017 in Kempten. Vor 20 Jahren ist in der Stadt die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft (Verdi) Allgäu gegründet worden.

Bild: Ralf Lienert (Archivfoto)

Vor 20 Jahren wurde die Gewerkschaft Verdi gegründet. Meist wird sie nur bei Warnstreiks wahrgenommen. Doch das ist nur ein kleiner Teil der täglichen Arbeit.
12.05.2021 | Stand: 08:00 Uhr

Krankenschwestern, städtische Bauhofmitarbeiter, Notariatsgehilfen, Friseure, Bankangestellte, Busfahrer, Journalisten, Soldaten, Briefträger: Passt das alles zusammen? „Ja“ sagten vor zwei Jahrzehnten die Verantwortlichen von fünf verschiedenen Gewerkschaften und gründeten Anfang 2001 die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft (Verdi). In den Monaten darauf erfolgten auf regionaler Ebene die Zusammenschlüsse. Im Kemptener Fasskeller fand am 12. Mai 2001 die Gründungsveranstaltung für den Verdi-Bezirk Allgäu statt, zu dem auch die Landkreise Weilheim-Schongau und Garmisch Partenkirchen gehören.

Anfangs habe es durchaus Bedenken gegeben, ob das Zusammenwürfeln der früher selbstständigen Gewerkschaften der Post, des öffentlichen Dienstes, des Handels, des Verkehrs, der Medien und der Angestellten wegen der unterschiedlichen Kulturen nicht zu Spannungen führen könnte, sagt Werner Röll. Der 58-Jährige ist seit 2009 Verdi-Bezirksgeschäftsführer Allgäu. Erster Verdi-Chef in der Region bis 2009 war Christian Betz.

Wie sollen bei Verdi im Allgäu Jubilarehrungen ablaufen?

„Wir waren aber positiv überrascht, wie gut das im Allgäu funktioniert hat“, blickt Röll zurück. Bezeichnenderweise habe damals die größte Frage einen vergleichsweise unbedeutenden Aspekt betroffen: Wie sollen in Zukunft die Jubilarehrungen über die Bühne gehen? Die Postler feierten das immer sehr üppig, andere so gut wie nie.

Was waren nun die wichtigsten Themen in den vergangenen Jahren? „Das war der Kampf um den Mindestlohn“, sagt Röll. Mindestens 30 Aktionen seien da in den letzten Jahren gelaufen. Und er nennt auch ein Beispiel, warum das so wichtig gewesen sei: In einem Oberstdorfer Hotel wurden einem Zimmermädchen 90 Cent für das Herrichten eines Zimmers gezahlt. Die Frau schaffte pro Stunde in der Regel drei Zimmer. Da kam ein Stundenlohn von 2,70 Euro zustande. Das sei kein Einzelfall gewesen.

Auch bei den Wach- und Schließmannschaften hätten manche Arbeitgeber viel Schindluder getrieben: schlechte Bezahlung, kein Urlaubs- oder Weihnachtsgeld. Als der Mindestlohn dann 2017 endlich zum Gesetz wurde, „war das schon ein wahnsinniger Erfolg auch für uns an der Basis“, freut sich Röll noch immer. Stolz ist der Bezirksgeschäftsführer auch, dass Verdi zweimal die Schließung der Reha-Klinik im Ostallgäuer Buching habe verhindern können. „Da mussten wir viel Lobbyarbeit bei den Politikern leisten. Es ging um 80 Arbeitsplätze.“ Verdi habe da eine ausgezeichnete Position gehabt, weil 90 Prozent der Belegschaft gewerkschaftlich organisiert war. Da habe sich der alte Spruch wieder mal bewahrheitet: „Gemeinsam sind wir stark.“

Sechs Wochen Warnstreik im Allgäu bei der Post

Lesen Sie auch
##alternative##
Corona und die Folgen

So wirkt sich Home-Office auf die Gesundheit aus: Ein Allgäuer Experte gibt Tipps

Gewerkschaften werden öffentlich meist wahrgenommen, wenn sie zum Streik aufrufen. Auch im Allgäu hat es immer wieder Warnstreiks gegeben, einmal sogar sechs Wochen am Stück bei der Post. Solche Ausstände – manchmal auch begleitet von Kundgebungen mit Trillerpfeifen, Fahnen und sogar Särgen oder Mistwagen – machen aber nur einen ganz geringen Teil der Gewerkschaftsarbeit aus. Zu den täglichen Aufgaben gehöre für Verdi vielmehr die Tarif-Arbeit, sagt Ursula Zwick, die im Allgäu für die sozialen Berufe zuständig ist. Denn bei einem Wechsel von Trägern etwa eines Krankenhauses oder Altenheimes falle nicht selten die Tarifbindung weg. Auch wenn Labore oder Reinigungstätigkeiten outgesourct werden, drohe den Beschäftigten ein schlechterer Lohn bei gleicher Belastung, sagt die 29-Jährige.

Gewerkschaftssekretär Manuel Büttners Ressort ist der öffentliche Dienst. Auch auf diesem Sektor heiße es für Verdi, alle Veränderungen zu begleiten. Beispielsweise sei es wichtig gewesen, beim Übergang der Zuständigkeiten für die Autobahnen von den Ländern auf den Bund einen neuen Tarifvertrag auszuhandeln. Als Erfolg wertet er auch, dass der Standort Kempten mit Unterstützung der Gewerkschaft als Autobahndirektion erhalten werden konnte.

Bei Schlecker-Insolvenz musste Verdi tatenlos zusehen

Es gab in den vergangenen Jahren natürlich nicht nur Erfolge, sondern auch ganz bittere Erlebnisse. So habe man bei der Schlecker-Insolvenz mehr oder weniger tatenlos zusehen müssen, wie schon vorher Mitarbeiter überwacht und gemobbt worden seien. Sorgen machen Röll  &  Co. schon seit einiger Zeit auch die immer wieder aufkeimenden Schließungsabsichten bei Galeria/Karstadt/Kaufhof. „Da schlagen durchaus zwei Herzen in meiner Brust“, sagt Röll. Denn man habe bisher zwar erfolgreich gegen das Dichtmachen der Häuser in Memmingen und Kempten gekämpft, aber den Personalabbau und Einbußen beim Lohn in Kauf nehmen müssen. Wo wird Verdi-Allgäu in 20 Jahren stehen? „Am besten wäre, es bräuchte uns nicht mehr“, lacht Röll. Denn dann wäre ja alles in Ordnung zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern. Aber diese Illusion hat der Bezirksgeschäftsführer nicht wirklich.

Aus fünf mach eins

  • Entstehung: Die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft (kurz Verdi) hat ihren Sitz in Berlin. Sie entstand im Jahr 2001 durch Zusammenschluss von fünf Einzelgewerkschaften, die mit Ausnahme der DAG zuvor alle dem Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) angehörten: Deutsche Angestellten-Gewerkschaft (DAG), Deutsche Postgewerkschaft (DPG), Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen (HBV), IG Medien – Druck und Papier, Publizistik und Kunst (IG Medien) und die Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr (ÖTV).
  • Mitglieder: Verdi hat etwa zwei Millionen Mitglieder, darunter 13 000 im Bezirk Allgäu, zu dem auch die Landkreise Weilheim-Schongau und Garmisch-Partenkirchen gehören. Bei der Gründung am 12. Mai 2001 in Kempten waren es etwa 15 000. Den Rückgang begründet Verdi mit dem Strukturwandel in vielen Bereichen und der Flucht vieler Arbeitgeber aus der Tarifbindung.
  • Organisationsgrad: Etwa 15 Prozent der Arbeitnehmer in den vom Bezirk Verdi-Allgäu vertretenen Bereichen sind gewerkschaftlich organisiert. Wobei diese Zahl innerhalb der Berufsgruppen stark schwankt. So sind bei den Arzthelferinnen nur 0,9 Prozent Mitglied bei Verdi, in manchen Abteilungen der Post dagegen bis zu 90 Prozent.

Lesen Sie auch: Allgäuer Gewerkschafts-Vertreter: „Homeoffice muss besser geregelt werden“