Allgäu

Alle fünf Minuten ein Einsatz

PI Kempten

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Bild: Martina Diemand

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Polizei Die Zentrale des Präsidiums in Kempten koordiniert über 120 000 Fälle pro Jahr. Leiter Sven-Oliver Klinke erklärt anhand eines Raubüberfalls, wie ein Großeinsatz abläuft
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Von von Klaus Kiesel
15.10.2019 | Stand: 16:32 Uhr

Drei Männer überfallen ein Juweliergeschäft in Oberstaufen (Oberallgäu). Einer von ihnen bedroht die Mitarbeiter mit einer Pistole, ein anderer schlägt mit einem Hammer eine Vitrine ein. Die Täter stehlen daraus Rolex-Uhren und flüchten. Kaum haben sie das Geschäft verlassen, gehen bei der Einsatzzentrale des Polizeipräsidiums in Kempten drei Notrufe ein: Der per Knopfdruck ausgelöste Alarm des Juweliers sowie zwei Anrufe – von einem Passanten und von einem Nachbarn, die das Geschehen beobachtet haben. Wie genau so ein Großeinsatz wie Ende Juli 2016 abläuft, erklärt Sven-Oliver Klinke.

Der Leiter der Einsatzzentrale der Polizei stellt an diesem Dienstag die Arbeit seiner Mannschaft vor – so wie viele seiner Kollegen im Rahmen des Sicherheitstags in Schwaben(siehe Infokasten). 2018 hat die Zentrale exakt 120 615 Einsätze in ihrem Zuständigkeitsbereich abgewickelt – von Lindau über Oberstdorf und Füssen bis nach Neu-Ulm und Günzburg, sagt Klinke. Das seien von Jahr zu Jahr in etwa 2,5 bis 3 Prozent mehr als im Vorjahr. Ursache für den stetigen Anstieg seien etwa das Plus an Einwohnern, vor allem in Städten, oder die Zunahme an zugelassenen Fahrzeugen. Diese beiden Faktoren bescherten der Polizei freilich auch mehr Arbeit.

Auf den Tag heruntergerechnet sind das im Schnitt 330 Einsätze. „Quasi alle fünf Minuten einer“, sagt Klinke. An „besonderen Tagen“ – wie Silvester, der 1. Mai, Sommertage oder generell von Donnerstag bis Samstag – zählt die Polizei zwischen 450 und 500. Während außerdem bei der Einsatzzentrale der Polizei (Telefon: 110) pro Jahr etwa 108 000 Notrufe eingehen, sind es bei der Integrierte Leitstelle Allgäu (Telefon: 112) gut 230 000.

Sechs der insgesamt 50 Beamten sind in der Einsatzzentrale laufend im Dienst. Zwei von ihnen nehmen Notrufe entgegen und legen dafür einen neuen Einsatz im sogenannten Leitsystem im Computer an. Und füttern diesen Eintrag mit Antworten auf die wichtigsten Fragen, auf die die involvierten Kollegen Zugriff haben. Zudem bekommt der Eintrag ein Schlagwort.

„Raubüberfall“ lautet diese Parole beim Beispiel Juweliergeschäft in Oberstaufen, bei der sofort die Alarmglocken bei allen Beteiligten schrillen. Noch während die sogenannten Einsatzdisponenten mit den Anrufern sprechen, schicken sie die Einsatzkräfte vor Ort mit ersten Infos los. Und zwar die Streifen, die am nächsten dran sind. In dem Fall reichen die Kräfte der Polizeistation Oberstaufen aber nicht aus. Der Funker fordert daher Unterstützung von der Polizeiinspektion Immenstadt an. Wie auch einen Hubschrauber vom Fliegerhorst Kaufbeuren. Zudem informiert er Führungskräfte, den Kriminaldauer- und Rettungsdienst, die Bereitschaftspolizei, die Kollegen im benachbarten Österreich sowie Spezialkräfte aus München.

Wer als erster vor Ort ist, muss unbedingt sicherstellen, ob es sich auch tatsächlich um einen Raubüberfall handelt, sagt Klinke. Bei einem Fehlalarm gebe der Beamte ein vereinbartes Zeichen – und die Einsatzzentrale sofort an alle Entwarnung. Doch in diesem Fall sind die Räuber bereits auf der Flucht. Der Funker lässt alle Zufahrtswege abriegeln und Kontrollstellen einrichten. Der Hubschrauber liefert inzwischen erste Luftbilder, die in der Einsatzzentrale live auf dem Bildschirm zu sehen sind. Weitere Aufnahmen können Verkehrsüberwachungskameras oder private Kameras liefern, auf die die Polizei zugreifen kann.

In Oberstaufen ist das aber nicht nötig: Im Rahmen der Fahndung nehmen die Beamten zwei Täter am Busbahnhof fest. Der dritte Räuber geht der Polizei im Ortsteil Weißach ins Netz. Wie sich herausstellt, hatte der Drahtzieher bereits einen Monat zuvor ein Juweliergeschäft in Heidenheim an der Brenz überfallen.