Corona im Allgäu

Allgäuer Geistliche fordern: Mehr Religionsunterricht nach den Ferien

Hätte mehr Religionsunterricht Schulkindern besser durch die Krise geholfen?

Hätte mehr Religionsunterricht Schulkindern besser durch die Krise geholfen?

Bild: Jan-Philipp Strobel/dpa

Hätte mehr Religionsunterricht Schulkindern besser durch die Krise geholfen?

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Wegen Corona hat kaum noch Religionsunterricht stattgefunden. Das Problem:  Religionsunterricht macht das Hygienekonzept an Schulen noch komplizierter.
23.07.2020 | Stand: 07:30 Uhr

„In einer Krise gibt es den Reflex, sich an das Allernötigste zu halten“, sagt der Dekan des Evangelisch-Lutherischen Dekanats Kempten, Jörg Dittmar. Danach hätten viele Schulleiter in den vergangenen Monaten gehandelt. Die Folge laut Dittmar: Der Religionsunterricht spielte nur eine untergeordnete Rolle. Doch in der jetzigen Phase der Pandemie könne man reflektieren, was die Menschen wegen Corona aus dem Blick verloren hätten. Dazu zähle auch Religiosität, sagt Dittmar: „Der Mensch lebt nicht von Brot, Mathe und Nudeln alleine, er braucht auch den Blick über sich hinaus zu Gott.“

Schulleiter: Gute Beziehung zu Lehrern ist in Corona-Zeiten noch wichtiger

„Ob die Kinder den Religionsunterricht gebraucht hätten, um besser mit der Krise klarzukommen, weiß ich nicht“, sagt Tobias Schiele, Rektor der Kemptener Sutt-Grundschule. Aus seiner Sicht war eine enge Beziehung zu den Klassenlehrern fast noch wichtiger. Auch, um mit all den Änderungen klarzukommen: „Vieles, was wir den Kindern auferlegen müssen, läuft ihrer Natur zuwider“, sagt der Rektor. So hätten sie zum Beispiel ein Bedürfnis danach, anderen Kindern nahe zu sein. Nicht nur der Religionsunterricht wurde häufig gestrichen, sondern auch Sport, Werken/Gestalten und teilweise die Musikstunden.

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Rektor: Klassen in vier Gruppen aufspalten

Wenn Religion wieder angeboten werde, müsse man die Klassen in vier Gruppen aufspalten, sagt Schiele: Dann gebe es einen eigenen Unterricht für katholische, evangelische und muslimische Kinder, zudem werde dann das Fach Ethik wieder angeboten. Diese Aufteilung widerspreche allerdings den Vorgaben zum Infektionsschutz, die vorsehen, dass die Schüler in möglichst homogenen Gruppen bleiben. Und Eltern vieler Viertklässler hätten sich dafür ausgesprochen, dass ihre Kinder hauptsächlich in Kernfächern wie Mathe und Deutsch unterrichtet werden, damit sie den Übertritt an eine weiterführende Schule schaffen. „Deshalb haben wir entschieden, keinen Religionsunterricht anzubieten“, sagt der Kemptener Grundschul-Rektor Schiele.

Andacht im kleinen Kreis

Am Schuljahresende soll trotzdem ein kurzer Gottesdienst nur für die Viertklässler stattfinden. Die Schüler der ersten bis dritten Klassen bekommen von ihren Religionslehrern einen Besuch, um gemeinsam eine Andacht zu feiern.

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„Die katholische Kirche trägt die Entscheidung, Religionsunterricht ausfallen zu lassen, voll mit“, sagt der Schulbeauftragte des Kaufbeurer Dekanats, Thomas Dressel. Doch im neuen Schuljahr müsse zumindest wieder ein Teil der früheren Stunden stattfinden, fordert er. Zwar hätten viele Religionslehrer während der Pandemie Gesprächsangebote entwickelt oder ein „Wort der Woche“ durch den Lautsprecher verkündet, doch langfristig reiche das nicht aus. Dressel plädiert dafür, für den Religionsunterricht ein konfessionsübergreifendes Konzept zu entwickeln. „Bildung ist mehr als Mathe, Deutsch und Englisch“, resümiert er.

Religionspädagogin macht Seelsorge über WhatsApp

Religionspädagogin Ruth Felßner ist an der Sonthofener Mittelschule unter anderem für Religionsunterricht und Schulseelsorge verantwortlich. Sie hat sich in Zeiten der Krisen auf andere Weise an ihre Schüler gewandt: „Ich habe Seelsorge über WhatsApp gemacht und telefoniert“, erzählt Felßner. Viele Kinder hätten sie kontaktiert und über Ängste der Eltern oder den Tod sprechen wollen. Zusätzlich hat Felßner die Eltern aller Schüler angerufen und gefragt, wie es ihnen geht. „Ich habe auf meine Art versucht, Hoffnung und einen Ausblick zu geben“, sagt die Religionspädagogin. Der klassische Religionsunterricht funktioniere aber am besten auf die herkömmliche Weise: „Es braucht ein Gegenüber.“

Auch Pfarrer Wolfgang Krikkay fordert, dass das Fach wieder zum Zuge kommt: „Religionsunterricht ist nicht nur Vermittlung von Wissen, sondern zum Beispiel auch wichtig für die Entwicklung der Persönlichkeiten“, sagt der Leiter des Schulreferats des Evangelisch-Lutherischen Dekanantsbezirks Kempten.