Alternative Schlachtung

Allgäuer Weideschuss GmbH: Auf der Weide ist Schluss

Herbert Siegel

Bio-Landwirt Herbert Siegel will, dass seine Tiere in Würde sterben – dort, wo sie gelebt haben.

Bild: Martina Diemand

Bio-Landwirt Herbert Siegel will, dass seine Tiere in Würde sterben – dort, wo sie gelebt haben.

Bild: Martina Diemand

Um seinen Rindern den Schlachthof-Transport zu ersparen, erstritt Bauer Herbert Siegel die Genehmigung, sie in ihrer angestammten Umgebung zu schießen.
11.09.2021 | Stand: 05:00 Uhr

Wer ein gegrilltes Steak vor sich auf dem Teller hat oder in eine Leberkässemmel beißt, denkt voller Vorfreude an eines bestimmt nicht: wie das Tier getötet wurde. Schlachten gilt als eines der letzten Tabuthemen in unserer Gesellschaft. Zumindest unter Fleischessern. Herbert Siegel (55) würde daran am liebsten etwas ändern.

„Jeder, der Fleisch isst, sollte einmal einen Schlachthof besucht haben und sich damit auseinandersetzen“, sagt der Bio-Landwirt aus Missen (Oberallgäu), der als „Schlachtrebell“ bekannt wurde. Siegel kämpfte jahrelang dafür, dass seine Rinder von einem Jäger auf der Weide getötet werden dürfen. Vor fünf Jahren erhielt er schließlich die Genehmigung des Landratsamtes Oberallgäu. Mittlerweile hat Siegel mit den Bio-Landwirten Franz Berchtold und Günther Rauch sowie Chefkoch Alfred Fahr die Allgäuer Weideschuss GmbH gegründet.

Eine regionale Wertschöpfungskette aufbauen

Die Idee: gemeinsam eine regionale Wertschöpfungskette für Bio-Kälber und -Rinder aufzubauen. „Die Tiere werden kuhgebunden aufgezogen und haben ein glückliches Leben. Später werden sie auf der Weide geschossen, dann verarbeitet und vermarktet“, sagt Herbert Siegel, der seinen 60 Rindern bis zum Schluss ein gutes Leben ermöglichen will. Dazu gehört auch, dass seine Kühe Hörner tragen und die Stierkälber nicht kastriert werden.

Kritiker einer herkömmlichen Schlachtung monieren, dass der Stress bereits beginne, wenn die Rinder aus ihrer Herde herausgerissen und im Viehwagen zum Schlachthof transportiert werden. Dort angekommen, im sogenannten Treibgang, hörten sie die Schreie der anderen Tiere und würden ihr Blut riechen.

Einmal fuhr Siegel einen Bullen 20 Kilometer zum Schlachthof nach Kempten. Das Tier zitterte, schwitzte – und griff ihn schließlich an. „Da hab ich mir geschworen, das passiert mir nie wieder.“ Als er von einem Bio-Bauern aus Balingen (Baden-Württemberg) hörte, der das Recht erstritten hatte, seine Tiere auf der Weide zu schießen, überzeugte ihn die Idee. Für Siegel ist es die „ethisch vertretbarste Methode“ der Schlachtung. „Die Tiere sterben in Würde dort, wo sie gelebt haben – in der Herde.“ (Lesen Sie auch: Eine Familie ernährt sich ein Jahr lang von Allgäuer Lebensmitteln)

Erst Schlachtbox, dann Schlachthaus

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Als ihm die Behörden 2016 grünes Licht für die Weideschlachtung - jeweils im Beisein eines amtlichen Tierarztes - gaben, schaffte er mit den befreundeten Bio-Bauern Berchtold und Rauch eine sogenannte mobile Schlachtbox an. Darin blutet das erlegte Rind aus, ehe es ins nahe gelegene Schlachthaus gefahren wird. Dort wird das Rind dann ausgenommen, enthäutet und halbiert gekühlt. (Lesen Sie auch: Neue Jagdsaison bringt viel Wild auf die Teller- so klappt die Zubereitung)

Koch Alfred Fahr übernimmt die handwerkliche Verarbeitung zu küchenfertigen Gerichten, wie Gulasch, Rouladen oder Böfflamot, die in Gläser abgefüllt werden. Dabei wird darauf geachtet, das komplette Rind zu verarbeiten. Über gedankenlosen Fleischkonsum ärgert sich Siegel.

Die Weideschuss-Produkte finden laut Siegel reißenden Absatz. Anders als viele andere Unternehmer hofft er, dass sein Modell kopiert wird. „Ich wäre froh um jeden Nachahmer. Zum Wohl der Tiere.“

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