Bad Hindelang

Allgäuer Bergbauer (87) vor dem Aus: „Des sind miine letschte Kieh – die Lôndwirtschaft rentiert sich numma"

"Des sind alls gônz liebe, dô hinna im Schtaal. Wenn i Zit hô, nô schwätz i mit deana.“ Bergbauer Kaspar Weber aus Bad Hindelang zwischen seinen letzten verbliebenen Kühen.

"Des sind alls gônz liebe, dô hinna im Schtaal. Wenn i Zit hô, nô schwätz i mit deana.“ Bergbauer Kaspar Weber aus Bad Hindelang zwischen seinen letzten verbliebenen Kühen.

Bild: Ralf Lienert

"Des sind alls gônz liebe, dô hinna im Schtaal. Wenn i Zit hô, nô schwätz i mit deana.“ Bergbauer Kaspar Weber aus Bad Hindelang zwischen seinen letzten verbliebenen Kühen.

Bild: Ralf Lienert

Kaspar Weber (87) ist einer der ältesten Bergbauern im Allgäu. Doch nun will er seine letzten Kühe verkaufen. Eine Geschichte über Tradition, Trotz und Tränen.
11.01.2022 | Stand: 15:15 Uhr

Die Schwielen an den Fingern stammen von harter Arbeit. Doch noch immer verfügen die faltigen Hände über jenes Feingefühl, das einen alten Allgäuer Bergbauern auszeichnet. Behutsam streicht Kaspar Weber seiner Kuh Marli im Holz-Stall seines Bauernhofes in Bad-Hindelang (Oberallgäu) über den Kopf. „Riebeg“, raunt er ihr ins Ohr. „Gônz riebeg.“ Zufrieden schnaubt Marli aus und senkt die Hörner. Es gibt keinen Menschen, dem sie mehr vertraut als dem 87 Jahre alten Landwirt, der sich in seinem Stallhäs – kariertes Hemd, blauer Pollunder, verwaschene Hose, große Pantoffeln - an sie schmiegt. „Die Marli“, sagt Kaspar Weber. „Des isch a gônz a liebe.“ Dann macht er eine kurze Pause und hebt mit einem verschmitzten Lächeln den Kopf auf seinem von Arbeit gekrümmten Rücken. „Des sind alls gônz liebe, dô hinna im Schtaal. Wenn i Zit hô, nô schwätz i mit deana.“

(Diese Version ist im Hindelanger-Dialekt geschrieben, an der der Hindelanger Buchautor Christian Heumader mitwirkte. Den Text auf Hochdeutsch lesen Sie hier)

Der alte Mann mit dem von Arbeit krummen Rücken wird sie vermissen. Im Herbst will Kaspar Weber schweren Herzens seine drei Milchkühe Marli, Lily und Tanja verkaufen. Schon vorher werden die Kälbchen Susi und Christkindle (geboren am 25. Dezember 2020) den Stall verlassen. Damit verschwinden die letzten Rinder auf seinem über 380 Jahre alten Allgäuer Bauernhof und es bleiben nur noch sieben Katzen übrig. „Die Lôndwirtschaft“, sagt Kaspar Weber resigniert, „des rentiert sich numma fier mii.“ Jeweils zehn Liter Milch geben seine drei Kühe jeden Abend. Nach dem Melken gehen von den drei gefüllten Kübeln zwei an die hungrigen Kälber. Da bleibt nicht mehr viel übrig für den Milchlaster, der alle zwei Tage den von Bergen umgebenen Hof an der Ostrach ansteuert. Wenn Landwirt Kaspar Weber, dessen beiden Söhne anderen Berufe ergriffen haben, mit seiner zweiten Ehefrau Marika (66) den Stall aufgibt, stirbt ein weiteres Stück Allgäuer Geschichte.

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So lebt und arbeitet Bergbauer Kaspar Weber auf seinem Hof in Bad Hindelang

In seiner Jugend, so erinnert sich der frühere Vorsitzende der Wald- und Weidegenossenschaft Bruck, gab es allein im Hindelanger Ortsteil Hinterstein 52 Bergbauern. Heute seien es nur noch sechs. Man kann das als Verdrängungswettbewerb betrachten, wie er in zig Branchen stattfindet.

Andererseits haben die Bergbauern im Allgäu eine besondere Funktion, die weit über die Viehhaltung hinausgeht: Sie erhalten und pflegen die Landschaft, an der sich Einheimische und um die vier Millionen Touristen pro Jahr erfreuen. „Wennes iis Beargbüüre amôôl numma git, vrbuschet die schiine Beargwiesa“, gibt Kaspar Weber zu Bedenken. Das Leben in und mit der Allgäuer Natur ist für ihn der Grundstein zum Glück.

Mit Sorge betrachtet der alte Bergbauer die Entwicklung in der Landwirtschaft

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Er war Förderer und Vordenker für das heutige Projekt „Hindelang Natur und Kultur“: Über 60 Bergbauern bewirtschaften ihre alpinen Wiesen nach strengen ökologischen Richtlinien. Dazu gehört der Verzicht auf Kunstdünger sowie die Beschränkung auf maximal eine Kuh pro Hektar. Darüber hinaus werden 90 Prozent des benötigten Futters innerhalb des Gemeindegebietes selbst erzeugt. Auf Gentechnik wird komplett verzichtet.

(Lesen Sie auch: Allgäuer Bergbauern: "Der entscheidende Weg führt über die Discounter")

Obwohl Kaspar Weber, der sich seit seiner Jugend mit Naturheilkunde beschäftigt, die ökologische Landwirtschaft besonders am Herzen liegt, bereitet ihm auch die generelle Entwicklung in der bayerischen Landwirtschaft Sorge.

Ende 2020 gab es laut Statistischem Landesamt nur noch 84.600 Höfe. Zehn Jahre zuvor waren es über 100.000 gewesen, zur Jahrtausendwende sogar noch 150.000. Aufgegeben haben in den vergangenen zehn Jahren vor allem hauptberufliche Bauern - mehr als 12.000. Mittlerweile wird mehr als die Hälfte der verbliebenen bayerischen Bauernhöfe von ihren Besitzern im Nebenerwerb geführt.

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Der Milchpreis, der im Vorjahr in Bayern durchschnittlich bei 34,30 Cent pro Kilo konventioneller Milch lag, trägt zur Beschleunigung des Höfesterbens bei, meint Kaspar Weber: „Die Büüre brüüchtet mindeschtns 50 Cent! So trüüreg des isch, abr ich versschtônd anjede vu deana Jünge, wô ündr deana Umschtänd numma witrmache went.“

"Groaß Urlöüb hobba als Beargbüür it“

Als Jungbauer konnte Kaspar Weber er mit rund 25 Milchkühen und Kälbern eine Familie ernähren. Doch im Laufe der Jahrzehnte wendete sich das Blatt – zu Gunsten der Großlandwirtschaft, die an steilen Bergwiesen wie im Oberallgäu nahezu unmöglich ist. Weber war schlau genug, um die Zeichen der Zeit zu erkennen. Nach und nach baute er das Anwesen seiner Familie um. Vier Ferienwohnungen auf dem Bauernhof sichern ihm heute seine Existenz.

Die Anpassung an die wirtschaftliche Realität und an den Bedarf des Tourismus ist das eine. Auf der anderen Seite ist er tief verwurzelt in der Tradition der Vorfahren, die seit jeher Bergbauern waren und sich um die saftigen Hänge ihrer Heimat kümmerten.

In einer globalisierten Welt erinnert das Schicksal von Kaspar Weber ein wenig an einen betagten Mittelmeer-Fischer: Notgedrungen vermietet er ein paar Zimmer in seinem Häuschen am Strand – und kann sich dennoch nichts schöneres vorstellen kann, als im Morgengrauen, wenn alle Gäste schlafen, allein mit seinem Kutter aufs offene Meer zu schippern.

Ob der Vergleich stimmt, mag Kaspar Weber nicht mit letzter Sicherheit zu sagen. Er war noch nie am Mittelmeer. „Groaß Urlöüb hobba als Beargbüür it“, sagt er schmunzelnd. Obwohl er nur selten über seine Heimat hinausgekommen ist, gilt er vielen dennoch als Allgäuer Universal-Genie aussterbender Gattung.

Kaspar Weber ist ein "Mächlar" der alten Schule - mit Theoretikern kann er nicht viel anfangen

Wer kann denn heutzutage noch selbst einen Stadel bauen, all seine Maschinen selbst reparieren, das Wetter lesen, das Vieh verstehen, heimische Heilkräuter erkennen, imkern, schnitzen, sensen, dengeln, am Tisch in der Stube über Gott und die Welt philosophieren? Und das Ganze ohne Handy, Laptop oder Google?

Der Weber Kaspar kann’s. Er ist ein „Mächlar“ der alten Schule. Einer, der mit den selbsternannte Experten und Theoretiker in Ministerien, Verwaltung und Verbänden nicht viel anfangen kann. „Wenn alle bloaß no schtudieret und iisruis Voarschrifta machet, huit die und moan ôndre“, fragt sich Kaspar Weber und fuchtelt plötzlich aufgeregt mit der Heugabel im Stall. „Wea bliibt nôcha no iibreg, um die Arbat zum mache?“

(Lesen Sie auch: "Im Berg dahuim": Ein Blick hinter die Kulissen des Films)

Vermutlich nicht mehr viele, wenn der Herrgott altgediente Schaffer von seinem Schlag eines Tages zu sich ruft. Menschen, die um 5.25 Uhr aufstehen und als erstes, noch vor dem Frühstück, das Vieh im Stall versorgen – und die trotz der vielen Arbeit zufrieden sind. „I hô a reins Hearz und bi zu jedar Schôndtat bereit“, beschreibt der gelernte Maurer und frühere Ansager auf Heimatabenden und in Festzelten sein Lebensmotto. Ihm graut vor dem Tag, an dem er seine letzte Kuh abgeben wird: „Die Viechr simmr aas Hearz gwachse. Des sind Leabewease und kuine Sacha. An Schtock gittes in miinam Schtaal it.“

Nach einem dramatischen Sturz aus drei Metern Höhe verblüffte der alte Bergbauer die Ärzte

Wie sehr er mit ihnen fühlt, zeigte sich bei der Geburt von Kälble Christkindle. Die Mutterkuh Emma erlitt dabei schwere innere Verletzungen und musste eingeschläfert werden. „Des isch a Abschied mit Trääna gwea “, gesteht der zähe Bergbauer wehmütig. Damit kein falscher Eindruck entsteht, fügt er sicherheitshalber an: „A Weichei bini bei Gott abr it.“

Das bewies er vor zwei Jahren bei einem schlimmen Arbeitsunfall: Über drei Meter stürzte er durch eine Luke in der Futterkammer in die Tiefe. Kaspar zog sich einen Wirbelbruch und mehrere Rippenbrüche zu. Dennoch schaffte es der alte Mann, vom Stallgebäude in die Wohnung zu schleppen. Seine Frau fand ihn schwer verletzt auf dem Canapés. Wenig später kam ein Rettungshubschrauber.

Für seine Fitness hat der alte Bergbauer einen „Drei-B-Merksatz“

Die anschließende Operation hat er zum Erstaunen der Ärzte trotz seines Alters gut verkraftet. „Unkhrütt roschtet it“, sagt er mit einem verschmitzten Lächeln. Seine erstaunliche Fitness führt er auf seinen „Drei-B-Merksatz“ zurück: Täglich Bienenhonig, keinen Bohnenkaffee und viel Bewegung. Das soll auch so bleiben, wenn Kaspar Weber, der am 4. April 88 Jahre alt wird, sein Vieh abgegeben hat: „Natiirle, die Kieh und Khälble wearet mier fääle. Des gschpier i iez schu.“

Dann sagt er, wie um sich selbst zu trösten: „Abr wenn i will, hôni allat no a Arbat gfunde.“