Alpwirtschaft im Allgäu

"Wir sind hier oben wie eine Familie": Das erleben jugendliche Kleinhirten im Allgäu auf der Alp

Kleinhirten, Pfronten, Alpwirtschaft

Genießen die Freiheit in den Bergen: Die Kleinhirten Robin Dammerboer (links) und Felix Berkthold aus Sonthofen verbringen ihre Sommerferien auf den Alpen Schönkahler und Scheidbach oberhalb von Pfronten (Kreis Ostallgäu).

Bild: Lisa Köhler

Genießen die Freiheit in den Bergen: Die Kleinhirten Robin Dammerboer (links) und Felix Berkthold aus Sonthofen verbringen ihre Sommerferien auf den Alpen Schönkahler und Scheidbach oberhalb von Pfronten (Kreis Ostallgäu).

Bild: Lisa Köhler

Über 150 Buben und Mädchen helfen im Sommer Allgäuer Älplern im Gebirge. Weshalb ihr Einsatz so wichtig ist und sie den Computer nicht vermissen.
12.11.2021 | Stand: 15:51 Uhr

Sobald Felix Berkthold (16) seine Sommerstätte erreicht hat, zählen für ihn nur noch drei Dinge: Berge, Natur und das Vieh. „Das Handy lass’ ich die ganzen Ferien über aus. Das vermisse ich hier oben keinen Tag“, sagt der Sonthofer, der zum vierten Mal in Folge die Sommerferien als Kleinhirte in den Allgäuer Bergen verbringt. Über 150 Buben und Mädchen im Alter von acht bis 16 Jahren helfen laut Alpwirtschaftlichem Verein Allgäu (AVA) derzeit den Älplern auf den insgesamt 700 Alpen mit 30.000 Jungrindern in der Region.

„Sie leisten einen wichtigen Beitrag für den Erhalt der Alpwirtschaft und unserer Tradition“, sagt AVA-Vorsitzender Franz Hage. Oftmals sind Kleinhirten die Kinder von Älplerinnen und Älpern. Mit ihren Eltern ziehen sie im Sommer auf die Berge, wo sie auf das Vieh aufpassen und Hand anlegen beim Hagen (Zäunen) oder Schwenden, bei dem Gebüsche von den Weideflächen entfernt werden. Doch es gibt auch die Möglichkeit, als „externer“ Kleinhirte seinen Traum vom Alpsommer zu verwirklichen.

Wie Felix zum Hirtenbub wurde

Felix Berkthold ist das beste Beispiel dafür. Er hat sich vor vier Jahren mit einem Inserat im AVA-„Alpblätte“ als Hirtenbub beworben. Seither hat er sich als große Hilfe für das Älpler-Ehepaar Flori (31) und Lisa Gögler (27) sowie deren vierjährigen Sohn Chrispin auf den Alpen Schönkahler und Scheidbach oberhalb von Pfronten bewährt. Auf etwa 1500 Metern Höhe sind die Göglers dort für das Wohlergehen von 330 Schumpen verantwortlich.

So vielseitig muss ein Kleinhirte im Allgäu sein

„Er ist sehr fleißig, kann sehr gut mit den Tieren und hilft überall mit“, lobt Lisa Gögler, die als Jugendliche selbst Kleinhirtin war. „Fehla können das genauso“, sagt sie. „Man muss halt gerne laufen, selbstständig sein und man braucht ein gewisses Geschick“, beschreibt sie die Anforderungen. „Wir sind hier oben wie eine Familie“, sagt Felix, der heuer erstmals zusammen mit Robin Dammerboer (15) als weiterem Kleinhirten anpackt. Die beiden Jugendlichen helfen auch rund um die Alpe: Stube fegen oder abspülen gehören mit zum Programm. „Der Felix hat unserem Chrispin sogar schon die Windeln gewechselt“, erzählt Lisa Gögler schmunzelnd. Vielseitigkeit ist also Trumpf im Leben eines Kleinhirten. Unterschätzt werden sollten die Aufgaben nicht. „Nur die Beine hochlegen, geht natürlich nicht“, sagt Franz Hage.

Auch Heimweh kann Kleinhirten Probleme bereiten. Obwohl es Anfragen bis aus dem hohen Norden gibt, nehmen Älpler meist Interessenten aus der Region mit auf den Berg: „Deren Eltern können viel leichter zu Besuch kommen.“ An manchen Schulen dürfen Kleinhirten für ihren Einsatz früher in die Sommerferien starten, so dass sie insgesamt acht Wochen auf der Alpe verbringen. So wie Felix, der bislang die Realschule in Sonthofen besuchte. Weitere Besonderheit: Kleinhirten im Alter von zehn bis 16 Jahren, die mindestens vier Wochen auf einer Alpe im Geschäftsgebiet der Raiffeisenbank Kempten-Oberallgäu tätig sind, können eine Kleinhirtenprämie beantragen. Im Höchstfall sind es 100 Euro.

Die Kleinhirten von heute sind die Älpler von morgen

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Felix Berkthold freut sich über diesen Zuschuss. Viel wichtiger sind ihm jedoch die Freiheit am Berg und die Kuhschellen, die Kleinhirten am Ende des Alpsommers traditionell als Anerkennung von ihren Älplern erhalten. Für die Buben und Mädchen sind sie ähnlich bedeutsam wie Pokale für Sportler. Nach dem Alpsommer beginnt Felix eine Lehre als Zimmerer. Ein Beruf, den viele Alphirten erlernt haben. „Ich will später gerne selbst eine Alpe bewirtschaften“, sagt er und bestätigt damit ein ungeschriebenes Gesetz im Allgäu: Die Kleinhirten von heute sind die Älpler von morgen.

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