Kempten

Als Waigel über die deutsche Einheit verhandelte

Theo Waigel liest in St. Anton aus seinem neuen Buch

Theo Waigel liest in St. Anton aus seinem neuen Buch

Bild: Matthias Becker

Theo Waigel liest in St. Anton aus seinem neuen Buch

Bild: Matthias Becker

Zeitgeschichte Der frühere Bundesfinanzminister erzählt in Kempten aus seinem spannenden Leben: Es geht um die Wiedervereinigung und den Euro, um Kindheitserlebnisse und die Trauer über den frühen Tod seines Bruders
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Von von Helmut KusterMann
06.05.2019 | Stand: 16:27 Uhr

Theo Waigel nutzt die Gelegenheit, um Mut zu machen und der EU-Skepsis etwas entgegen zu setzen: „Wir müssen das Feuer für Europa wieder stärker entfachen und den jungen Leuten sagen, in welch’ toller Zeit sie leben.“ Geboren im Jahr 1939 in Oberrohr (Kreis Günzburg), hat er miterleben müssen, wie sein älterer Bruder Gustl im Zweiten Weltkrieg gefallen ist. Der Ex-Bundesfinanzminister und CSU-Ehrenvorsitzende liest an diesem Abend aus seinem neuen Buch „Ehrlichkeit ist eine Währung“ und spricht mit Uli Hagemeier, dem Redaktionsleiter derAllgäuer Zeitung, über Politisches und Persönliches. Über 500 Besucher sind in die Kemptener Kirche St. Anton gekommen, das Gotteshaus ist voll besetzt.

61 Briefe hat Waigels Bruder Gustl von seinem Kriegseinsatz in die Heimat geschrieben. Er schildert darin seine Hoffnung, bald daheim zu sein. Doch diese Hoffnung erfüllt sich nicht. Damals schießen die Europäer noch aufeinander. Gustl Waigel stirbt an der Westfront – mit 18 Jahren. Sein Bruder Theo sagt: „Diese Briefe sind ein Signal für ein Europa des Friedens. Bitte geben sie bei der Europawahl am 26. Mai ihre Stimme ab.“

Bei einem der wichtigsten Kapitel in der europäischen Nachkriegsgeschichte hat Waigel, der an Ostern seinen 80. Geburtstag feierte, eine entscheidende Rolle gespielt: bei der Einführung des Euro. Ecu war zunächst als Name für die neue Währung im Gespräch. Doch Waigel, dem damaligen Bundesfinanzminister, war diese Bezeichnung nicht griffig genug. Er setzte sich schließlich mit seinem Vorschlag durch, das neue Geld Euro zu nennen. Seither hat er einen Beinamen: „Vater des Euro“. Waigel ist überzeugt, dass es gerade auch für Deutschland der richtige Schritt war, die Europa-Währung einzuführen: „Unser Export wäre mit einer teuren Mark eingebrochen. Wir hätten eine Wirtschaftskrise bekommen. Für das Allgäu als Milchland wäre das eine Katastrophe gewesen.“

Eine Karriere als internationaler Spitzenpolitiker war Waigel nicht in die Wiege gelegt. Er ist auf einem Bauernhof aufgewachsen und erinnert sich noch heute daran, wie er „die Früchte eines alten Pflaumenbaumes als Wegzehrung mitnahm“, wenn er Kühe hüten musste. Und er erzählt, dass als Kind „die Berge das Ziel meiner Wünsche und Hoffnungen waren“. Heute lebt er mit seiner zweiten Frau Dr. Irene Epple-Waigel und Sohn Konstantin an den Bergen: in Seeg im Ostallgäu. Die Liebe zur schwäbischen Heimat hat Waigel ein Leben lang begleitet – genauso wie sein Glaube. „Wenn man weiß, dass jemand hinter einem steht, kann man auch schwierige Entscheidungen treffen“, sagt er an diesem Abend in Kempten.

Große Entscheidungen standen an, als die Bundesrepublik mit der damaligen Sowjetunion über die Wiedervereinigung verhandelte. Bei den legendären Gesprächen im Kaukasus mit dem damaligen sowjetischen Staats- und Parteichef Michail Gorbatschow war Waigel dabei. Er erzählt, wie Bundeskanzler Helmut Kohl seine Vorstellungen vom Wiedervereinigungsprozess ohne Manuskript vortrug und Gorbatschow auf Deutsch antwortete: „Gut.“ Dass es ohne Blutvergießen zur deutschen Einheit kam, ist für Waigel „fast ein Wunder“.

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Der Ex-Finanzminister kann aber auch verstehen, dass viele Menschen in der Ex-DDR mit ihrer wirtschaftlichen Situation unzufrieden sind und sich abgehängt fühlen. „Es war ein Fehler“, sagt Waigel in Kempten, „den Ostdeutschen nicht zu erklären, in welchem Zustand die DDR im Jahr 1989 war. Sie hätte den Lebensstandard um 30 Prozent senken müssen, um die Auslandsschulden bezahlen zu können“.

Noch viel mehr kommt an diesem kurzweiligen Abend zur Sprache. So erzählt Waigel vom Anruf seines Pressereferenten, der ihm eine unangenehme Nachricht überbrachte. Auf der Titelseite des NachrichtenmagazinsDer Spiegel wurde Waigel, der damalige Finanzminister, als Versager bezeichnet. Ihm sei klar gewesen, dass man in diesem Amt nicht populär wird, sagt der 80-Jährige. „Aber ich wollte etwas bewegen. Und ich würde es wieder tun.“ Waigel spricht auch über Privates und sagt über seine Frau Irene: „Ihr verdanke ich Lebensfreude und den Mut zu einem Neubeginn.“

Er sei jetzt in seinem letzten Lebensjahrzehnt angekommen, mutmaßt der CSU-Ehrenvorsitzende. Doch Pläne hat er nach wie vor: Theo Waigel möchte ein weiteres Buch schreiben und die Mädelegabel besteigen. Dieser Berg hat ihn schon fasziniert, als er noch ein Bauernbub in Oberrohr war.

Die musikalische Gestaltung des Abends übernimmt der Cantoni Chor St. Anton unter der Leitung von David Wiesner. Die Spenden der Besucher gehen an die Kartei der Not, das Leserhilfswerk unserer Zeitung.