Landgericht Kempten

Auftakt im Prozess um getöteten Pflegebedürftigen: Angeklagter sieht sich als Opfer

Weil er einen schwer herzkranken, fast blinden und körperlich stark eingeschränkten Mann gefesselt, geknebelt, ausgeraubt und dabei getötet haben soll, muss sich seit heute ein 29-Jähriger vor dem Kemptener Landgericht verantworten.

Weil er einen schwer herzkranken, fast blinden und körperlich stark eingeschränkten Mann gefesselt, geknebelt, ausgeraubt und dabei getötet haben soll, muss sich seit heute ein 29-Jähriger vor dem Kemptener Landgericht verantworten.

Bild: Martina Diemand

Weil er einen schwer herzkranken, fast blinden und körperlich stark eingeschränkten Mann gefesselt, geknebelt, ausgeraubt und dabei getötet haben soll, muss sich seit heute ein 29-Jähriger vor dem Kemptener Landgericht verantworten.

Bild: Martina Diemand

Ein 29-Jähriger soll einen Pflegebedürftigen in Kaufbeuren gefesselt, geknebelt und ausgeraubt haben, der 50-Jährige stirbt. Der Angeklagte bestreitet die Tat.
30.11.2020 | Stand: 18:10 Uhr

Weil er einen schwer herzkranken, fast blinden und körperlich stark eingeschränkten Mann gefesselt, geknebelt, ausgeraubt und dabei getötet haben soll, muss sich ein 29-jähriger Syrer seit gestern vor dem Kemptener Landgericht verantworten. Die Anklage lautet unter anderem auf gemeinschaftlichen Mord, der heimtückisch und aus Habgier begangen wurde. Ein weiterer Tatverdächtiger, der den Raub laut Staatsanwaltschaft organisiert haben soll, hat sich im Sommer in Untersuchungshaft umgebracht. Die Tat selbst ereignete sich im März diesen Jahres in Kaufbeuren.

Die Anklageschrift liest sich wie das Drehbuch eines Krimis. Der mittlerweile Verstorbene hat das spätere Opfer demnach über die Nachbarschaftshilfe kennengelernt. Mehrmals in der Woche hat der junge Syrer, er war zur Tatzeit 21 Jahre alt, dem Pflegebedürftigen Gesellschaft geleitest und ihn bei seinen täglichen Verrichtungen unterstützt. Daher wusste er auch, dass der 50-Jährige mehrere Tausend Euro Bargeld Zuhause hatte.

Der Pflegebedürftige war bisexuell, der mutmaßliche Drahtzieher hat ihm wohl auch immer wieder geholfen, Sexdates zu organisieren. Daher legte er bei einer Online-Dating-Plattform einen Account an, über den ein Freund von ihm ein Treffen mit dem 50-Jährigen vereinbarte. Dieser Komplize war laut Anklage auch derjenige, der den Pflegebedürftigen fesselte, knebelte und ausraubte, nachdem ihn der arglose Mann in seine Wohnung gelassen hatte.

Letztlich erstickte das Opfer an seiner Zahnprothese. Der Angeklagte soll den im Auto vor der Tür wartenden 21-Jährigen noch angerufen und gesagt haben, dass der Mann sich nicht mehr rühre. Etwa 20 Minuten später soll er die Wohnung mit 3500 Euro und mehreren Schmuckstücken verlassen haben, das Opfer blieb laut Staatsanwaltschaft hilflos zurück. Erst am nächsten Morgen wurde die Leiche des Mannes gefunden.

Polizist: Verstorbener Tatverdächtiger war schockiert über brutales Vorgehen seines Komplizen

Der mutmaßliche Drahtzieher wurde zunächst als Zeuge befragt, erst über die Auswertung von Handy- und Internet-Daten waren die Ermittler auf seine Spur gekommen. Nach Aussage eines Polizeibeamten hat der mittlerweile Verstorbene dann auch zugegeben, den Raub in die Wege geleitet zu haben. Der 21-Jährige sei geschockt gewesen, wie brutal sein Komplize vorgegangen ist. Auch soll er gehofft haben, dass der Pflegebedürftige bis zum nächsten Tag durchhält. In der Nacht habe er kaum geschlafen. Die Staatsanwaltschaft schließt nicht aus, dass der junge Mann den Tod des Opfers nicht geplant hat. Das stand offenbar auch in einem Schreiben, das er vor seinem Selbstmord verfasst hatte.

"Er hat mich benutzt"

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Der Angeklagte stellt die Ausgangslage vor Gericht nun gänzlich anders dar. Er habe lediglich zugestimmt, mit dem Opfer ein Treffen über die Dating-Plattform auszumachen, einen persönlichen Kontakt habe er nie gewollt. Sein Freund habe jedoch ihn und seine Familie bedroht und ihn so gezwungen, ihm zu helfen. „Er hat mich benutzt und ausgenutzt“, sagte der 29-Jährige vor Gericht. Er habe den Pflegebedürftigen auch nicht ausgeraubt oder sei in seiner Wohnung gewesen. Das habe alles der 21-Jährige getan. Auf Rückfrage des Richters, wie dann seine DNA in die Wohnung des Opfers gelangt sei, gab der 29-Jährige an, sein Freund habe seine Handschuhe getragen. Außerdem habe der Drahtzieher die Handys vertauscht und so falsche Spuren gelegt. „Ich bin nicht schuld, ich habe nichts gemacht.“

Dass die DNA des Angeklagten nur über die Handschuhe in die Wohnung gelangte, hielt ein Sachverständiger für „sehr unwahrscheinlich“. Spuren könnten so zwar übertragen werden, aber wohl nicht in der Häufigkeit, wie sie am Tatort gefunden wurden.

Urteil im Laufe der Woche

Am Montag wurden mehrere Zeugen gehört, ein Urteil wird im Laufe der Woche erwartet. Als Motiv vermuten die Ermittler Geldnot. Ebenfalls angeklagt ist der Bruder des 29-Jährigen. Er soll einen Teil der Beute erhalten haben, um diese in seiner Wohnung zu verstecken. Der 23-Jährige legte zu Beginn der Verhandlung ein Geständnis über seinen Anwalt ab und gab an, die Tat zutiefst zu bereuen.

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