Künstlerhaus Marktoberdorf

Autos in einer Kunstausstellung: Ganz schön abgefahren

Künstler Martin Klimas produziert Zusammenstöße: Den Crash inszeniert er mit tiefgefrorenenen Spielzeug-Modellen.

Künstler Martin Klimas produziert Zusammenstöße: Den Crash inszeniert er mit tiefgefrorenenen Spielzeug-Modellen.

Bild: Martin Klimas

Künstler Martin Klimas produziert Zusammenstöße: Den Crash inszeniert er mit tiefgefrorenenen Spielzeug-Modellen.

Bild: Martin Klimas

32 Künstlerinnen und Künstler nehmen in Marktoberdorf das Auto ins Visier: Liebevoll und nostalgisch verklärt, aber auch ironisch-kritisch. Nicht nur für Männer!
22.05.2021 | Stand: 12:26 Uhr

Ausstellungen sind normalerweise was für die Augen, manchmal auch für die Ohren. Das Marktoberdorfer Künstlerhaus bedient in seiner neuen Schau noch ein weiteres Sinnesorgan: die Nase. Sobald Besucher das Erdgeschoss betreten, riechen sie Motorenöl. Und tauchen damit rasant schnell in die Welt der Autos ein. „Abgefahren“ hat Künstlerhaus-Leiterin Maya Heckelmann die neue Schau betitelt und untersucht mit weit über 100 Werken das Verhältnis von Kunst und Automobilen.

Das Auto - der Deutschen liebstes Kind

„Ich hatte schon lange die Idee, dazu mal was zu machen“, sagt Heckelmann. „Das Auto ist in der Kunst ein großes Thema.“ Jetzt, zur Wiedereröffnung ihres Hauses nach langer Lockdown-Schließung ab diesem Samstag, hat sie eine Ausstellung konzipiert, um das, was vielen Deutschen noch immer ihr sprichwörtlich liebstes Kind ist, in Szene zu setzen – vor allem mit Fotografien aus einer bereits bestehenden Schau des Berliner Kurators Matthias Harder, aber auch mit Gemälden, Installationen, und Videos.

Der Titel „Abgefahren“ ist dabei zweideutig zu verstehen: Natürlich wird dem Auto gehuldigt, dem glänzen Chrom, dem ikonischen Design vieler Modelle, den schnittigen Rennwagen. All die Schönheit, Eleganz und auch die Aggressivität des vierrädrigen Fortbewegungsmittels blitzen hier auf, bisweilen mit einem Hauch von Nostalgie. Gleichzeitig wird es infrage gestellt. Denn zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist es längst nicht mehr das gern auf Hochglanz polierte Symbol für Freiheit, Wohlstand und Dynamik, sondern (auch) eine Abgas-Schleuder. In Zeiten des Klimawandels könnte der Zug für das Auto am Abfahren sein – zumindest in der Variante mit Verbrennermotor. Die Verkehrswende sei ja längst eingeläutet, sagt Ausstellungsmacherin Maya Heckelmann. Die Ikone individueller Mobilität verliere an Bedeutung. Deshalb lässt sich die Ausstellung sowohl als Ode als auch als Abgesang verstehen.

Wie gruselig Benzin und Öl sind, das macht Künstlerin Dana Lürken deutlich

Wie gruselig Benzin und Öl eigentlich sind, macht Dana Lürken erfahrbar. Sie erlaubt sich den Spaß, einen fein gedeckten Tisch samt silbernen Kerzenleuchtern in Altöl zu tunken. 80 Liter hat sie auf die Platte und die Teller gegossen. Ein beißend riechender Kommentar zur Frage nach Herkunft und Entsorgung von Öl – und damit verbunden von Reichtum und Armut.

Gleich daneben sind die Auspuff-Fotos von Marc Volk aus Berlin zu sehen. Hier kommt das verbrannte Öl raus. Die dazugehörigen Autos stehen in der Nähe einer Luftmessstation, wo hohe Feinstaubwerte gemessen werden. Das Auto – ein Fluch.

Sehnsucht nach Italien: Der aus Kempten stammende Maler Sven Kroner setzt hier mit dem Pinsel die Europabrücke ins rechte Licht.
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Bild: Nikolaus Steglich

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Aber es kann auch Segen sein. Auf viele Künstler jedenfalls hat es faszinierend gewirkt. Der Autohersteller BMW gewann für sein „Art Cars“-Projekt immer wieder Größen der internationalen Szene, die seine Sportwagen künstlerisch aufmotzten. Kuratorin Heckelmann konnte fünf von Hand gestaltete Originalentwürfe (Maquetten) von München nach Marktoberdorf lotsen. Sandro Chia, David Hockney, Roy Lichtenstein und Andy Warhol haben die Boliden bemalt. Und auch eine Frau ließ sich ködern: Jenny Holzer bedruckte einen Le-Mans-Boliden mit ironisch gefärbten Sätzen wie „What I want“ („Was ich will“). In Filmsequenzen sieht man etwa, wie Andy Warhol 1979 Farbe auf einen nagelneuen BMW M1 pinselt – angeblich sechs Kilo Rot, Grün, Beige in 28 Minuten.

Frauen beim Autowaschen - mal ganz anders wie sonst dargestellt

Es gibt noch eine dritte Frau im Feld der insgesamt 32 Auto-Künstler, die die Faszination für den männlichen Fetisch ironisch aufgreift. Die Schweizerin Sylvie Fleury spielt mit den eigenartigen Carwash-Fotos und -Filmchen, lässt aber in ihrem – deutlich zu lang geratenen – Video die Frauen nicht barbusig mit Schaum hantieren, sondern in feiner Garderobe. Sie sind weder Lustobjekt noch hübsche Ergänzung zum Auto. Sie polieren zwar das Chrom blitzeblank, aber angesichts der Routinearbeit an biederen amerikanischen Modellen wirkt das angenehm unsexy.

Im scharfem Kontrast dazu steuert Sven Kroner ein wenig Poesie bei. Zwei große, grandiose Gemälde des aus Kempten stammenden Düsseldorfer Malers hat Maya Heckelmann in die Ausstellung genommen. Auf einem sieht man die Europabrücke hinter Innsbruck. Breit schlängelt sich das Band der Autobahn durch die Berge, hinten leuchtet verheißungsvoll die Morgensonne. Ein Anblick, den viele Allgäuer kennen dürften: Es ist der Weg nach Italien. Mit dem Auto über die Alpen und dann ans Meer: ein Traum von Freiheit und Dolce Vita. Wäre da nicht dieser penetrante Geruch nach Motoröl ...