Bahn fahren im Allgäu

Bahnstrecke zwischen Lindau und Memmingen ist elektrifiziert - doch ein Problem ist noch nicht gelöst

Achtung, Hochspannung: Seit Mitte Dezember fahren Eurocitys und Regionalzüge zwischen Lindau und München elektrisch – allerdings nicht ohne Verspätungen. Dabei spielen offenbar auch die Schweizer Züge eine Rolle.

Achtung, Hochspannung: Seit Mitte Dezember fahren Eurocitys und Regionalzüge zwischen Lindau und München elektrisch – allerdings nicht ohne Verspätungen. Dabei spielen offenbar auch die Schweizer Züge eine Rolle.

Bild: Matthias Becker (Archivbild)

Achtung, Hochspannung: Seit Mitte Dezember fahren Eurocitys und Regionalzüge zwischen Lindau und München elektrisch – allerdings nicht ohne Verspätungen. Dabei spielen offenbar auch die Schweizer Züge eine Rolle.

Bild: Matthias Becker (Archivbild)

Die Bahnstrecke zwischen Lindau und Memmingen ist elektrifiziert – die Pünktlichkeit ist aber noch ein Problem. Liegt das ausgerechnet am Bahn-Vorbild Schweiz?
20.01.2022 | Stand: 08:51 Uhr

Leiser, abgasfrei, schneller – der Start der elektrischen Regionalzüge zwischen Lindau und München weckte Hoffnungen, dass entlang der Bahnstrecke bald Schweizer Verhältnisse herrschen. Denn die Eidgenossenschaft gilt vielen als Vorbild: Dort fahren die Züge elektrisch, sind pünktlich und beliebt. So legte 2019 jeder Einwohner der Schweiz statistisch gesehen 2665 Kilometer auf der Schiene zurück. In Deutschland waren es gerade einmal 1420 Kilometer.

Gleichzeitig ist die Strecke ein kleines Stück Schweiz auf deutschem Boden – denn die kürzlich erfolgte Elektrifizierung des Abschnitts wäre ohne den Einsatz des Nachbarlandes nicht möglich gewesen. Mit dem Fahrplanwechsel Mitte Dezember wurde auch der Regionalverkehr auf der Strecke elektrifiziert, seitdem verkehren dort blau-weiße Züge des Anbieters Go Ahead.

Zugstrecke Lindau - Memmingen: Fahrgäste klagen über Verspätungen und Zugausfälle

Deren Start verlief jedoch eher holprig. So klagten einige Fahrgäste gegenüber unserer Zeitung über Verspätungen und Zugausfälle. Bei Go Ahead gab man sich zerknirscht und verwies auch auf Startschwierigkeiten, wie Pressesprecher Winfried Karg sagte. Man habe Tage, an denen es reibungslos laufe – „an anderen läuft es dagegen gar nicht so, wie es sollte“. Die Verspätungen haben aber offenbar auch eine weitere – durchaus unerwartete – Ursache: Verspätungen der Schweizer Eurocity-Expresszüge. „In Summe liegt die Pünktlichkeit der ECE bei der Ankunft in Lindau-Reutin bei 57 Prozent“, sagt der Allgäuer Bahnexperte Roman Ohmayer. Das sei „unstrittig ein miserabler Wert“. Diese Ansicht teilt Go-Ahead-Sprecher Karg. Der Eurocity „fährt in Reutin oft verspätet los, damit gibt es ein Problem auf der Strecke“.

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So sehen die neuen Züge der Bahn fürs Allgäu aus

Das bestätigten die Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) auf Anfrage. Man sei mit der Situation „nicht zufrieden“. In den ersten Wochen sei nur etwa ein Drittel der Züge pünktlich gewesen. Das hat mehrere Ursachen – was eine Lösung schwierig mache. So führen laut SBB längere Grenzkontrollen in Lindau-Reutin und Bauarbeiten im österreichischen Streckenabschnitt zu Verspätungen der aus der Schweiz kommenden Züge. Gleichzeitig räumt man Engpässe bei den Fahrzeugen ein. Denn das Konzept der SBB sieht einen „dynamischen“ Wechsel der Zugsicherungssysteme an der Grenze vor, dafür mussten die Fahrzeuge vom Typ Astoro aber mit einem neuen System ausgestattet werden. Bisher seien jedoch nicht alle Exemplare umgerüstet. (Lesen Sie auch: Strecke Kempten - Pfronten-Steinach bis Ende Januar gesperrt)

Umgerüsteter Zug wurde bei Rangierunfall stark beschädigt und fällt mehrere Wochen aus

Zu diesem Engpass gesellte sich auch noch Pech. So wurde laut SBB ein umgerüsteter Zug bei einem Rangierunfall Ende Dezember so stark beschädigt, dass er mehrere Wochen ausfalle. Dadurch kommen teilweise Fahrzeuge zum Einsatz, die an der Grenze manuell in das jeweils andere Zugsicherungssystem gebracht werden – was länger dauere als im Fahrplan vorgesehen und somit zu Verspätungen führe, räumten die SBB ein. Die Probleme einfach auf die Schweizer Seite abzuwälzen, wäre aber zu kurz gegriffen. Die alleinige Schuld, schränkt Ohmayer ein, tragen die ECEs nicht. Denn ein Problem kann auch die Elektrifizierung oder das Zugsicherungssystem nicht lösen: „Die Regionalzüge und der Fernverkehr haben zu wenig Punkte, an denen sie sich überholen können“, erläutert Ohmayer. Denn weite Teile der Strecke sind eingleisig, vor allem der Abschnitt von Buchloe bis Hergatz ist hier ein Problem. Stellenweise gibt es auf bis zu 14 Kilometern keine Ausweichmöglichkeit.

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Erster Zug auf elektrifizierte Strecke zwischen München und Lindau

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Bei der Bahn im Allgäu haben nicht nur die Züge Verspätung

Verspätet sich also ein Zug, führt das zu Verspätungen in der Gegenrichtung, die wiederum ihrerseits für weitere Verzögerungen sorgen. „Verspätungen ab drei Minuten“, sagt Ohmayer, „werden direkt auf den Gegenzug übertragen“. Diese Sichtweise teilt Go-Ahead-Sprecher Karg: „Die Strecke ist tagsüber ab Buchloe einfach zu. Dieser Abschnitt ist voll, das ist auf Kante genäht.“ Überholgleise wären eine Lösung – aber keine kurzfristige. „Die Infrastruktur-Engpässe im Allgäu werden sich nicht innerhalb einiger Jahre lösen lassen“, warnt Winfried Karg.

Hier finden Sie die aktuelle Übersicht über Störungen im Bahnverkehr im Allgäu.

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