Sexuelle Belästigung bei Volksfesten

Frauen sind "kein Freiwild" in Allgäuer Bierzelten - Was tun bei sexuellen Übergriffen?

Die Stimmung ist gut, das Bier fließt, die Besucherinnen und Besucher stehen eng an eng auf der Bank: All diese Faktoren begünstigen, dass es zu sexuellen Belästigungen kommt.

Die Stimmung ist gut, das Bier fließt, die Besucherinnen und Besucher stehen eng an eng auf der Bank: All diese Faktoren begünstigen, dass es zu sexuellen Belästigungen kommt.

Bild: Ralf Lienert (Archivbild)

Die Stimmung ist gut, das Bier fließt, die Besucherinnen und Besucher stehen eng an eng auf der Bank: All diese Faktoren begünstigen, dass es zu sexuellen Belästigungen kommt.

Bild: Ralf Lienert (Archivbild)

Bei Allgäuer Volksfesten kommt es immer wieder zu Fällen von sexueller Belästigung. Doch welches Verhalten ist überhaupt strafbar? Eine Polizistin gibt Tipps.
02.08.2022 | Stand: 09:36 Uhr

Der Griff an die Brust, der Klaps auf den Po, die Umarmung samt anzüglicher Bemerkung auf der Bierbank: Während vielerorts darüber diskutiert wird, ob der Sommerhit „Layla“ zu sexistisch ist, um in einem Festzelt gespielt zu werden, wird ein anderes Problem oft gar nicht angesprochen: „Wo Alkohol fließt, getanzt wird, es eng ist und gute Laune herrscht, da sind auch die Umstände für eine sexuelle Belästigung besonders günstig“, sagt Tanja Molocher, Beauftragte für Kriminalitätsopfer beim Polizeipräsidium Schwaben Süd/West.

Jährlich verzeichnet die Allgäuer Polizei bei Volksfesten mehrere Anzeigen zu Sexualdelikten

Mit Ausnahme der Corona-Jahre 2020 und 2021 verzeichnete die Polizei im Allgäu in der jüngeren Vergangenheit jährlich mehrere Anzeigen von Sexualdelikten, die in Zusammenhang mit Volksfesten standen, sagt Polizeisprecher Holger Stabik. Bei den meisten Fällen handle es sich um sexuelle Belästigung.

Wie im Juni auf einem Dorffest im Oberallgäuer Sulzberg: Eine 17-Jährige hatte einen 27-jährigen Mann angezeigt, weil er sie auf die Wange geküsst, an Po und Brüsten berührt und ihr zudem ein Nacktbild geschickt haben soll. Heuer nahmen die Beamten bereits drei Anzeigen wegen sexueller Belästigung auf größeren Festen und eine wegen Vergewaltigung auf. In den Jahren 2018 und 2019 gab es jeweils fünf Anzeigen von Sexualdelikten rund um Volksfeste.

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Die Dunkelziffer dürfte laut Stabik und Molocher allerdings weitaus höher liegen. „Manche Geschädigten nehmen die Vorfälle vielleicht selber nicht ernst oder sehen keine Möglichkeit, dass der Täter gefunden wird“, sagt Stabik. „Die ,Toleranz’ der Betroffenen ist da bedauerlicherweise sehr hoch“, bestätigt auch Claudia Fuchs, die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Memmingen.

Rechtsanwalt: "Der Gesetzgeber will deutlich machen, dass sexuelle Belästigung nicht akzeptiert wird

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Der Straftatbestand der sexuellen Belästigung wurde in seiner heutigen Form erst 2016 ins Strafgesetzbuch aufgenommen. In Paragraf 184i heißt es dort: „Wer eine andere Person in sexuell bestimmter Weise körperlich berührt und dadurch belästigt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.“ Früher wurden Vorkommnisse wie beispielsweise der unerlaubte Griff an den Po als „Beleidigung auf sexueller Grundlage“ geführt, sagt der Kemptener Rechtsanwalt Marc Armatage. „Die Neuschaffung zeigt, dass der Gesetzgeber deutlich machen will, dass sexuelle Belästigung nicht akzeptiert wird.“

„Nur weil eine Frau Spaß am Feiern hat, ist sie noch lange kein Freiwild“

„Es ist entscheidend, Aufklärungsarbeit zu leisten und darüber zu informieren, welche Rechte Betroffene haben“, sagt Tanja Molocher. „Nur weil eine Frau Spaß am Feiern hat, ist sie noch lange kein Freiwild.“ Sie rät Betroffenen, sich an die Polizei zu wenden. Das könne über die 110 passieren, oder vor Ort.

Auf der Allgäuer Festwoche gibt es beispielsweise eine Wache, die laut Stabik permanent besetzt ist. Eine Anzeige lohne sich auch, wenn der Täter nicht bekannt ist, beispielsweise wenn es im Gedränge zu unerwünschten Berührungen kam, sagt Molocher. „Es gibt immer Ermittlungsansätze, zum Beispiel über Bilder oder anderen Aufnahmen.“ Laut der Stadt Kempten gibt es auf der Festwoche mehrere Kameras.

Polizisten gibt Tipps: Wie reagiert man auf sexuelle Belästigung?

Und wie kann man reagieren, wenn der Täter vor einem steht? „Betroffene sollten laut und deutlich Nein sagen, sich wenn möglich Unterstützung von Freunden holen und den Täter siezen“, sagt Molocher. So könne allen Umstehenden klar gemacht werden, dass es sich nicht um den Streit eines Pärchens handelt. Auch sollten gezielt andere Personen angesprochen werden. Zum Beispiel: „Sie mit dem grünen Hemd und der Brille, könne Sie mir helfen?“ Molochers Appell an alle ist: „Hinschauen und Hilfe anbieten, ohne sich selbst in Gefahr zu bringen. Das kann dann auch der Anruf bei der Polizei sein.“

Hilfshotlines und Heimwegtelefon können helfen

Wenn Beamte von einer Straftat erfahren, seien zu gezwungen, zu handeln. Wer sich zunächst anonym beraten lassen oder von Vorfällen erzählen will, für den sei auch das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ eine Option. Dort können Betroffene rund um die Uhr unter 08000/116016 anrufen.

Unter dem Motto „Wir bringen dich sicher nach Hause“ ist das Heimwegtelefon von Sonntag bis Donnerstag zwischen 20 und 24 Uhr sowie Freitags und Samstags zwischen 20 bis 3 Uhr erreichbar. Wer sich unterwegs unwohl fühlt, kann über die Nummer 030/12074182 mit Ehrenamtlichen telefonieren, bis er oder sie gut am Zielort angekommen ist.