Psychiatrie

BKH Kaufbeuren: Mit Strom gegen Depression

BKH Kaufbeuren EKT Therapieangebot

Über Elektroden, die Oberarzt Dr. Stefan Brai (links) und der stellvertretende Oberarzt Boris Schmalz auf der Kopfhaut des Patienten platzieren, wird das Gehirn stimuliert.

Bild: Mathias Wild

Über Elektroden, die Oberarzt Dr. Stefan Brai (links) und der stellvertretende Oberarzt Boris Schmalz auf der Kopfhaut des Patienten platzieren, wird das Gehirn stimuliert.

Bild: Mathias Wild

Jahrzehntelang war die Therapie mit Elektroimpulsen verpönt, jetzt wird sie wieder eingesetzt. Wie die Behandlung abläuft und wer davon profitiert.
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Von Katharina Gsöll
20.09.2021 | Stand: 08:42 Uhr

„Es hat sich angefühlt, als hätte jemand eine verstaubte Stelle in meinem Hirn freigerüttelt“, erinnert sich eine Allgäuerin an ihre Behandlung im vergangenen Frühjahr. „Wahrscheinlich war ich schon als Kind depressiv, nur hat man es damals nicht so genannt“, vermutet die Frau, die anonym bleiben möchte. Zu häufig habe sie die Erfahrung machen müssen, „dass es wenig Verständnis für meine Krankheit gibt“. Mittlerweile ist sie fast 60, hat einen Suizidversuch überlebt und war in den vergangenen zehn Jahren mehrmals stationär im Bezirkskrankenhaus (BKH) Kaufbeuren.

Weder Psychotherapie noch Medikamente hatten bei ihr langfristig Erfolg, „es ging mir phasenweise besser, aber die Depression kam immer wieder zurück“. So habe sie sich für einen Behandlungsversuch mit Elektrokonvulsionstherapie, kurz EKT, entschieden: „Irgendwann hatte ich einen derart hohen Leidensdruck, dass mir praktisch jedes Mittel recht war.“ Schon nach der ersten Sitzung habe sie eine Veränderung gespürt, „nach acht Mal hatte ich plötzlich wieder Antrieb wie zuvor jahrelang nicht“, erinnert sie sich.

Film führt zu Skepsis

„Wir sind die einzige Klinik im Allgäu, die EKT anbietet“, sagt Dr. Albert Putzhammer, Ärztlicher Direktor der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik am BKH Kaufbeuren. Seit April werde das Verfahren dort eingesetzt. Doch die Methode war jahrzehntelang verpönt. Der Film „Einer flog über das Kuckucksnest“, in dem Jack Nicholson mit Elektroschocks eher gefoltert als geheilt wird, habe womöglich dazu beigetragen, vermutet Putzhammer. Doch mit dieser Darstellung habe die heutige Anwendung nichts gemein, erläutert Anästhesistin Petra Pohlmeyer. Zusätzlich zur Narkose bekämen die Patienten ein Medikament, sodass die Muskeln durch die Stromimpulse nicht zucken.

„Bei Schwerstdepressiven sehen wir gute Behandlungserfolge“, sagt Dr. Stefan Brai, Oberarzt am BKH: Sogar bei Patienten, die auf Psychopharmaka kaum bis gar nicht ansprechen oder die Medikamente nicht vertragen. Deshalb sei die EKT gerade bei älteren Menschen sinnvoll. „Meist zeigt sich schnell eine Verbesserung, auch bei Patienten, die als therapieresistent gelten“, ergänzt der stellvertretende Oberarzt Boris Schmalz. Die Wirksamkeit der EKT sei durch Studien gut belegt. 80 bis 90 Prozent der schwer Depressiven ohne Vorbehandlung sprächen darauf an, bei den mehrfach erfolglos Vorbehandelten seien es immerhin noch 50 bis 60 Prozent. Brai spricht sich für einen früheren Einsatz der EKT aus – „nicht erst, wenn alle anderen Therapieversuche gescheitert sind“. Die Behandlung wirke schnell und nebenwirkungsarm. Darauf solle man Patienten hinweisen. Wenn sich jemand dagegen entscheide, müssten an zweiter Stelle Medikamente und Psychotherapie angeboten werden. Eine „Zwangs-EKT“ gebe es nicht.

Patienten sind nie allein

Nebenwirkungengingen meist schnell vorüber: „Einige Patienten sind vorher aufgeregt, unmittelbar danach klagen manche über Kopfschmerzen oder Schwindel“, sagt die Medizinische Fachangestellte Nicole Nick, die die Patienten auch während des Aufwachens aus der Kurznarkose betreut. „Mir hat es geholfen, dass nach der Behandlung jemand bei mir war“, sagt eine Patientin. Vor einiger Zeit habe sie in einer anderen Klinik den Versuch, sich via EKT behandeln zu lassen, abgebrochen: „Ich habe mich dort hilflos und alleingelassen gefühlt.“

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Von der Vorbereitung bis zum Aufwachen dauere eine EKT-Behandlung nur 25 Minuten, die Stromimpulse selbst nur 30 bis 60 Sekunden. Die Therapie werde zunächst stationär durchgeführt – acht bis 15 Mal mit jeweils einigen Tagen Abstand. „Einige kommen nach der Entlassung noch alle zwei Wochen zur Erhaltungs-EKT, um den Behandlungserfolg zu stabilisieren“, erläutert Putzhammer.

So funktioniert die EKT

  • Die EKT ist laut Max-Planck-Institut für Psychiatrie aktuell das wirksamste Verfahren zur Behandlung schwerer depressiver und psychotischer Erkrankungen. Sie hilft oft, wenn Psychotherapie und Medikamente nichts bewirkt haben.
  • Behandelt wird unter Kurznarkose. Über Elektroden auf der Kopfhaut wird das Gehirn für wenige Sekunden mit elektrischen Impulsen angeregt. Dies bewirkt eine starke Ausschüttung von Botenstoffen, Nervenwachstumsfaktoren und Hormonen – die Bildung neuer Nervenzellen wird angeregt.
  • Zur Sicherheit werden vor der EKT die Blutwerte des Patienten untersucht sowie ein EKG und ein MRT des Gehirns erstellt.
  • In Kaufbeuren führen Fachärzte für Psychiatrie des BKH und Anästhesisten des Klinikums Kaufbeuren die EKT gemeinsam durch.

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