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Mit einem Hühnermobil fing alles an: So wurden ein Brauer und eine Immobilienmaklerin Hühnerfarmer

Die Hühner bekommen von ihren Haltern Max und Julia Seemüller manchmal Streicheleinheiten.

Die Hühner bekommen von ihren Haltern Max und Julia Seemüller manchmal Streicheleinheiten.

Bild: Helmut Bader

Die Hühner bekommen von ihren Haltern Max und Julia Seemüller manchmal Streicheleinheiten.

Bild: Helmut Bader

Max und Julia Seemüller halten auf ihrem Grundstück in Bad Wörishofen 650 Hennen. Die Eier gibt es am Automaten zu kaufen. So kam das Ehepaar zur Tierhaltung.
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Von Helmut Bader
16.09.2021 | Stand: 06:00 Uhr

Während in Bad Wörishofen inzwischen viele Landwirte ihre Betriebe aufgegeben haben, sind Max Seemüller und seine Frau Julia zuletzt den umgekehrten Weg gegangen. Sie errichteten an der Kirchdorfer Straße mit stattlichem Aufwand ein landwirtschaftliches Anwesen, das sich allerdings auf einen großen Betrieb mit Hühnern beschränkt und in weitem Umkreis so nicht vorkommt. Bis es allerdings so weit war, führte sie das Leben auf ganz andere Pfade.

Max Seemüller ist eigentlich gelernter Brauer und hat es in diesem Fach bis zum Braumeister gebracht. Sein Großvater Leonhard allerdings war Landwirt in der Stadt, und deshalb steckt offenbar noch solches Blut in seinen Adern. „Ich wusste eigentlich immer, dass es mich zu meinen Wurzeln zurückzog, doch lange Zeit ergab sich nicht die Gelegenheit dazu. Aber das Grundstück der Familie an der Kirchdorfer Straße hielt den Wunsch immer aufrecht“, ist seine Begründung für die neue Aufgabe. Zwar ist er im Hauptberuf noch Lebensmittelkontrolleur, doch der Abend und das Wochenende gehören nun den Hühnern.

Angefangen hat er zuerst mit einem Hühnermobil, ehe jetzt ein Unternehmen daraus entstand. Noch erstaunlicher ist der Weg seiner Frau Julia. Sie stammt aus Königsbrunn und hatte mit Landwirtschaft bis dato so gut wie nichts am Hut. Sie war ursprünglich Konditorin und arbeitete danach in der Immobilienbranche. Doch dann kam Max in ihr Leben und sie konnte sich das Leben mit der Hühnerfarm so gut vorstellen, dass sie sich sofort mit dem Gedanken anfreundete und damit – sowie dem kleinen Kind – jetzt völlig ausgelastet ist.

Erweiterung geplant

Rund 650 glückliche Hühner der Rasse „Lohmann braun“ mit einem riesigen Auslauf auf der 1000 Quadratmeter großen Fläche bevölkern mittlerweile das Areal. Vorgeschrieben sind dazu eigentlich vier Quadratmeter pro Huhn, hier haben sie allerdings fünf Quadratmeter zur Verfügung. Geplant ist bereits eine Steigerung der Zahl, allerdings auch dann mit entsprechender Auslauffläche. Gehalten werden sie in zwei getrennten Altersstufen, denn es dauert etwa vier bis sechs Wochen, bis die neu dazugekommenen Hennen zum Legen geeignet sind. Dann allerdings gibt es Eier in ganz unterschiedlichen Klassen nach Gewicht von den Ersteiern bis zu XL-Eiern.

Einen Hahn sucht man allerdings vergebens. „Das führt meist nur zu Streitigkeiten“, begründen die Eheleute. Vermarktet wird alles, bisher circa 600 Eier pro Tag durch den Selbstverkauf am Automaten oder persönlich am „Hühnerstadl“. „Wenn die Zahlen noch steigen, werden wir wohl auch Geschäfte oder Kurheime mit unseren Eiern aus der Bodenhaltung beliefern können“, so der Plan der beiden.

Augenmerk auf artgerechte Haltung

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Tierhaltung

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„Legebatterien wie sie es früher gab, sind heute eigentlich nicht mehr vorhanden und auch nicht mehr erlaubt“, erläutert Julia Seemüller. Dennoch hat die Hühnerhaltung bei den Seemüllers nichts mit den Haltungen in Ställen von mehreren Tausend, ja Zehntausend Hühnern in geschlossenen Betrieben zu tun. Oft gesehene Bilder von zerrupften oder anders angeschlagenen Tieren kommen hier nicht vor. Die Seemüller-Hühner der Rasse „Lohmann-Braun“ machen alle einen gesunden und vitalen Eindruck und können sogar auf den Arm genommen werden.

Bis dies allerdings soweit war, war eine Investition von rund 300 000 Euro erforderlich, um ein zeitgemäßes und modernes Unternehmen auf die Beine zu stellen, bei dem schon ganz viel automatisiert ist, bei der das Tierwohl aber stets im Vordergrund stand. So kommt das Futter im Stall automatisch vom Silo auf eine dreistufige Voliere. „Bereitgestellt wird nur regionales, gentechnikfreies Futter mit Mineralstoffen und Vitaminen und ohne Farbstoffe“, erklären die beiden Hühnerwirte.

Spende für Flutopfer in Westdeutschland

Der anfallende Kot fällt gleich durch ein Gitter, sodass sich der Geruch – auch durch eine Belüftungsanlage – in Grenzen hält. Die Eier werden in ein Nest gelegt, von wo sie in ein Förderband rollen, dessen Ausgang sich bereits im Verpackungsraum befindet. Dort müssen sie in Handarbeit je nach Größe und Gewicht in die Eierschachteln verpackt werden, ehe sie zum Verkauf in das Häuschen an der Straße kommen.

Auch für das Wohlergehen der Tiere ist bestens gesorgt. So gibt es einen Wintergarten, wenn einmal ein Unwetter aufzieht, Heusäcke und Bäder in Sand und Klee für das Gefieder und zur Ablenkung. „Die Hühner müssen auch beschäftigt werden“, sagt Julia Seemüller dazu. Abends, bei Einbruch der Dunkelheit, zieht sich die ganz Schar selbstständig in den Stall zurück, sobald sie hört, dass sich am Futterautomat etwas tut. Die Türchen schließen dann ebenfalls automatisch.

„Bei Corona war der Bedarf erhöht, weil eben viele Menschen mehr zu Hause waren, während jetzt in der Urlaubszeit dieser etwas geringer ist. So entschloss sich die Familie spontan, 3200 Eier in das Flut-Katastrophengebiet zu spenden, was dort großen Anklang fand. Dass die „Hühnerlandwirtschaft“ ähnlich fordert wie eine andere, zeigt sich an der Freizeit. „Mehr als eine Woche im Jahr ist eigentlich nicht möglich“, sagt Max Seemüller dazu.

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