Musik in Waal

Herr über 972 Pfeifen und 20 Register

In- und auswendig kennt Franz Barta „seine“ Waaler Kirchenorgel in der Pfarrkirche St. Anna. 50 Jahre lang begleitete er mit dem Instrument den Gesang der Gemeinde und gab zahlreichen Gottesdiensten einen passenden musikalischen Rahmen.

In- und auswendig kennt Franz Barta „seine“ Waaler Kirchenorgel in der Pfarrkirche St. Anna. 50 Jahre lang begleitete er mit dem Instrument den Gesang der Gemeinde und gab zahlreichen Gottesdiensten einen passenden musikalischen Rahmen.

Bild: Karin Hehl

In- und auswendig kennt Franz Barta „seine“ Waaler Kirchenorgel in der Pfarrkirche St. Anna. 50 Jahre lang begleitete er mit dem Instrument den Gesang der Gemeinde und gab zahlreichen Gottesdiensten einen passenden musikalischen Rahmen.

Bild: Karin Hehl

Nach 50 Jahren beendet Franz Barta seine Zeit als Kirchenmusiker in Waal. Warum sich der Organist nun einen neuen Platz suchen muss.
26.08.2020 | Stand: 19:30 Uhr

Wirklich bequem schaut sie nicht aus, die schmale, braune Sitzauflage auf der Holzbank der Waaler Kirchenorgel. Organist Franz Barta hat sie jahrzehntelang genügt. Er ist viele Stunden darauf gesessen. Nach 50 Jahren beendet er seinen Dienst als Kirchenmusiker in der Waaler Pfarrei St. Anna. „Ich muss nicht hier oben umfallen“, meint der 76-Jährige augenzwinkernd.

Nach einer Hüftoperation schnauft Barta inzwischen schwerer als früher die 32 Stufen hinauf zur zweiten Empore. Von dort oben hat er den besten Blick auf das schmucke neugotische Gotteshaus. Überblick und den direkten Blickkontakt zum Pfarrer brauche man als Organist, erklärt er, ehe er sich an die Orgel setzt und die hölzerne Abdeckung nach oben schiebt.

Barta schlägt Notenblätter auf, setzt sich die Brille auf die Nase und greift in die Tasten. Ein feierlicher Coral erfüllt das Kirchenschiff. Zielsicher greift der Organist ein ums andere Mal nach Registerknäufen, zieht daran, drückt sie wieder zurück. „Lieblich-gedeckt“, ist die Klangfarbe, die ihm selbst am besten gefällt. Lediglich die Fußpedale bedient er nicht. „Das E-Pedal heult, es muss gerichtet werden.“

Kann schon mal vorkommen, bei einem so betagten Instrument. 1887 wurde es von der renommierten Orgelbauwerkstätte Georg Friedrich Steinmeyer in Oettingen gebaut und von Joannis Baptistae Horn gestiftet – daran erinnert eine schnörkelige Inschrift hinter der Orgelbank. Man merkt Franz Barta den Stolz, aber auch die Dankbarkeit an, mit der er 50 lange Jahre diese Orgel spielen durfte. Mit einer Ehrenurkunde, der Goldenen Bistumsnadel und einer Cäcilia-Plakette dankte ihm die Pfarrei kürzlich bei der offiziellen Verabschiedung für den unermüdlichen Einsatz.

Ein Freund lindert das Heimweh

1944 im südmährischen Dürnholz geboren, kam Franz Barta 1946 zusammen mit seiner Mutter nach Waalhaupten. „Wir wurden vertrieben und wie es damals üblich war, bei einem Bauern einquartiert.“ Als er vier Jahre alt war, kam der Vater 1948 aus französischer Kriegsgefangenschaft nach Waalhaupten. Doch schon zwei Jahre später starb er bei einem Unfall. Mit der Arbeit auf dem Bauernhof und mit Heimarbeit erwirtschafteten Mutter und Großmutter fortan den Unterhalt für die kleine Familie.

Die Mutter schickte den zehnjährigen Franz schließlich aufs Gymnasium nach Bad Wurzach. „Dort war ich mit meinem Freund, dem späteren Pfarrer Reinhold Gumbiller, zusammen und das Heimweh war nicht mehr so groß.“ Im Internat lernte er auch das Klavierspielen.

Schon früh war für Barta klar, dass er Lehrer werden wollte. Und so begann er 1964 nach dem Abitur in Augsburg mit dem Studium. „Da kam dann auch die Orgel dazu“, berichtet er. 1967 trat er seine erste Stelle als Junglehrer an – ausgerechnet in Waal. „Ich konnte es kaum glauben, dass ich hier eine Stelle bekam“, erinnert er sich und erzählt vom maroden Zustand der Klassenzimmer im heutigen Sitzungssaal im Rathaus: „Da hat der Wind durch die Fenster gepfiffen.“ Die Klassen drei und vier unterrichtete er anfangs – und zwar zusammen in einer Klasse. Gleich zu Beginn seiner Lehrertätigkeit kamen der Kirchenpfleger und der Pfarrer, Josef Pfersich, auf ihn zu mit der Bitte, die Orgel in der Kirche zu spielen. „Früher war es normal, dass Lehrer auch Orgel spielten. Doch ich bremste erst einmal, weil ich ja erst mein Erstes Staatsexamen hatte.“

Der Mann und die Königin

Wenige Jahre später war es dann soweit: Als 1970 klar war, dass Barta auch nach dem Zweiten Staatsexamen in Waal bleiben konnte, erhielt er wieder Besuch von Kirchenpfleger und Pfarrer. „Sie legten einfach die Schlüssel für die Kirche und die Orgel auf den Tisch und sagten: Jetzt aber!“ Pflichtbewusst setzte sich Barta fortan an die „Königin der Instrumente“, die es in St. Anna auf sage und schreibe 972 Pfeifen, zwei Manuale und insgesamt 20 Register bringt. Drei- bis viermal pro Woche untermalte er fortan die Waaler Gottesdienste, Frühmessen und Messen im alten Krankenhaus. Barta spielte bei Hochzeiten ebenso wie bei Trauerfeiern, studierte etliche Konzerte ein – jahrein, jahraus. „Das Kirchenjahr bringt automatisch die Abwechslung.“ Urlaub richtete sich immer nach dem Orgelspiel.

Auf der Empore und im Passionstheater lernte Franz Barta auch seine spätere Frau, Annemarie, kennen. Denn neben dem Orgelspiel gehören auch das Singen und die Schauspielerei zu den Hobbys des Organisten. Annemarie Barta sang bereits im Chor, Sopran. Damit hörte sie heuer nach 56 Jahren auf. „Nach einer Stimmbandentzündung komme ich nicht mehr in die hohen Lagen.“ 47 Jahre sind die beiden mittlerweile verheiratet, haben vier Kinder und vier Enkel, denen Barta künftig mehr Zeit widmen möchte – auch wenn er nach wie vor als Bass dem Chor erhalten bleibt.

40 Jahre war Barta Lehrer in Waal, die letzten 21 Jahre Schulleiter. Nach seiner Pensionierung übernahm er für die vergangenen zehn Jahre auch die Leitung des Waaler Kirchenchores; 20 Jahre war er zudem Chorleiter im benachbarten Bronnen. Und obendrein ist Barta seit vielen Jahren zuverlässiger Mitarbeiter derBuchloer Zeitung, für die er aus seiner Heimatgemeinde berichtet

Den Nachwuchs im Blick

In all den Jahren hatte er stets ein waches Auge auf musikalisch begabten Nachwuchs. So freut es ihn umso mehr, mit Julia Lautenbacher in Bronnen eine ehemalige Schülerin für den Chor gefunden zu haben, die in seine Fußstapfen tritt. Dasselbe trifft auch auf Dietmar Ledel zu, der in Waal die Leitung des Chores übernimmt und abwechselnd mit Lucia Kellner und Tobias Schmid an der Orgel sitzen wird. Wo Franz Barta künftig beim Gottesdienstbesuch sitzt, weiß er noch nicht. „Ich muss mir meinen neuen Platz erst suchen“, meint er und grinst dabei wieder schelmisch hinter seiner Brille hervor.

 

Der offizielle Abschied von Franz Barta: https://red.allgaeuer-zeitung.de/index.php?arid=227802&puid=104&pageid=1322