Christbaumwald Bronnen

Kult-Christbaumverkäufer Simon Stempfel: Von drauß’ vom Walde kommt er her

Christbaumwald

Der 75-jährige Simon Stempfel vor den schneebedeckten Christbäumen in seinem Waldstück zwischen Bronnen und Erpfting. Die Adventszeit ist für ihn das schönste – leider fehlt dieses Jahr die Geselligkeit.

Bild: Alexandra Hartmann

Der 75-jährige Simon Stempfel vor den schneebedeckten Christbäumen in seinem Waldstück zwischen Bronnen und Erpfting. Die Adventszeit ist für ihn das schönste – leider fehlt dieses Jahr die Geselligkeit.

Bild: Alexandra Hartmann

Simon Stempfel verkauft seit 40 Jahren Christbäume. Im Wald erzählt er von seinen Erlebnissen - und warum er einen Baum vor den Augen der Kunden zersägt hat.
11.12.2020 | Stand: 21:37 Uhr

„Ohne mich wäre Weihnachten nur halb so schön“, steht auf Simon Stempfels Jacke. Der 75-Jährige stapft – wie jeden Tag in der Adventszeit – mit dicken Gummistiefeln im Schnee durch seinen Christbaumwald in Bronnen. Unter der Krempe seines Filzhuts blinzelt er in die tief stehende Sonne, die auf die schneebedeckten Bäume strahlt und den Himmel orange färbt.

Seit über 40 Jahren betreibt Stempfel den 40 000 Quadratmeter großen Christbaumwald zwischen Bronnen und Erpfting. „Oh, was ist denn hier vorbeigekommen?“, fragt Stempfel und deutet auf Tierspuren im Schnee. „Das hier ist ein Dorado für Tiere. Hier sagen sich wirklich Fuchs und Has’ gute Nacht“, sagt er lachend. Damit es auch ein Paradies für Insekten ist, werden in dem Familienbetrieb Klee und Blumen zwischen die Bäume gepflanzt. Darum hat der befreundete Imker Sven Fichtner seine Bienen dort im Wald.

Ohne ihn wäre Weihnachten nur halb so schön.
Ohne ihn wäre Weihnachten nur halb so schön.
Bild: Alexandra Hartmann

Simon Stempfel bleibt vor einer kleinen Bude zwischen den Bäumen stehen und erzählt: „Normalerweise kommen unsere Kunden bis von Augsburg und München. Die treffen sich mit Freunden zum Baumkauf und bleiben im Stadel bei Glühwein, Stollen oder Zwiebelbrot.“ Über diese Geselligkeit freue er sich riesig und die Kunden sind für ihn inzwischen schon zur „Christbaum-Familie“ geworden.

Wegen Pandemie gibts im Wald keinen Glühwein

Das ist heuer im gewohnten Umfang nicht möglich. Damit der Baumkauf auch dieses Jahr ein Erlebnis wird, wollten die Stempfels eigentlich ein paar Hütten im Wald verstecken, bei denen es Heißgetränke und Speisen zum Mitnehmen geben sollte. Aufgrund der verschärften Corona-Maßnahmen ist das allerdings kurzfristig verboten worden. Es gibt jedoch ein Nikolaus-Haus, an dem Familien ein Gedicht oder ein Lied vortragen können. Simon Stempfel sei es insgesamt sehr wichtig, dass sich die „Christbaum-Familie“ an die Hygienevorschriften halte. Aber für Verliebte gelten die Abstandsregeln selbstverständlich nicht, betont er mit einem Zwinkern.

Vor Wut den Baum zersägt

Während dem Waldspaziergang erzählt der 75-Jährige von einem Ereignis aus dem Jahr 1998, das ihm besonders in Erinnerung geblieben ist. „Ein Ehepaar in edlen Klamotten ist vorbeigekommen und wollt einen riesigen und perfekten Baum haben.“ Bei strömendem Regen sei er stundenlang mit seiner Frau Finni durch die Wälder gestapft – auf der Suche nach einem besonders prächtigen Baum. Als sie schon aufgeben wollten, stand das perfekte Exemplar für die Kunden plötzlich vor ihnen. Das Ehepaar Stempfel hat den riesigen Baum klatschnass aus dem Wald gezogen. „38 Mark wollt ich dafür haben. Da ist der Mann komplett an die Decke gegangen und hat gesagt, für den Preis kriegt er ja zwei solche Bäume“, erzählt er entrüstet. Vor lauter Zorn habe Stempfel den Baum vor den Augen der Kunden kurzerhand in zwei Teile zersägt.

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Im Christbaumwald

Kurz vor Heiligabend kamen dann andere Kunden, die unbedingt noch einen Christbaum wollten. Sie sahen die obere Hälfte des zersägten Baums und waren begeistert. „40 Mark hab ich dann dafür gekriegt“, sagt Stempfel – immer noch ungläubig. Vor lauter Freude über den positiven Ausgang der Geschichte sei er dann nach Kaufbeuren zum Crescentia-Kloster gefahren und habe das Geld gespendet. Das habe er schon oft gemacht, da er denkt: „Wenn man so viel Glück hat, muss man auch etwas zurückgeben.“

Auf einmal rascheln die Zweige, Schnee rieselt von den Bäumen – ein Bub und ein Mädchen kommen herausgestürmt und stürzen sich mit „Opa, Opa“-Rufen auf Simon Stempfel. „Das sind zwei meiner Enkel“, sagt er stolz, während die Kinder schon wieder im Wald verschwunden sind.

Christbaumwald
Der große Schlitten vor dem Nikolaus-Haus kommt bei Kindern - im Bild Stempfels Enkel Romy und Timo - besonders gut an.
Bild: Alexandra Hartmann

Die Stempfels haben drei Kinder und vier Enkel – Familie sei enorm wichtig. Inzwischen betreibe der Senior den Christbaumwald zusammen mit seinem jüngsten Sohn Robert. Der 42-Jährige habe schon als Kind gerne im Familien-Betrieb geholfen. „Wie er mit den Kunden umgeht, macht mich einfach stolz“, erzählt der Senior- über den Junior-Chef.

Für ein plastikfreies Fest

Der 75-Jährige bleibt neben zwei verpackten Paletten stehen. Plötzlich schaut er sehr ernst unter dem Filzhut hervor. „Mir gehen die Bilder nicht mehr aus dem Kopf, von toten Vögeln, die nur Plastik im Magen haben.“ Auch die Netze für seine Bäume waren früher aus Plastik. „Ich will ein plastikfreies Weihnachten haben“, sagt er. Deshalb sei er auf Netze aus Maisstärke umgestiegen. „Die kosten zwar das dreifache, sind aber kompostierbar.“ Das einzige Problem sei, dass die Mäuse die Maisstärke-Netze anknabbern. „Das haben die mit dem Plastik nie gemacht. Die wissen halt auch, was gut ist“, sagt Stempfel und zeigt auf ein paar Löcher in der Verpackung.

Abendsonne im schneebedeckten Christbaumwald zwischen Bronnen (Ostallgäu) und Erpfting.
Abendsonne im schneebedeckten Christbaumwald zwischen Bronnen (Ostallgäu) und Erpfting.
Bild: Alexandra Hartmann

Bei Stempfels im Kaminzimmer

Auf die Frage, ob er sich selbst schon den schönsten Baum ausgesucht habe, fängt der Wald-Besitzer an zu lachen. „Das fragen die Kunden auch immer, aber wir haben gar keinen spektakulären Baum“, sagt Stempfel. Normalerweise komme eine 1,60 Meter große Nordmanntanne ins Haus. „Die muss perfekt auf den Tisch im Eck in unserem Kaminzimmer passen“, betont der 75-Jährige. Das Schmücken übernimmt dann Ehefrau Finni Stempfel. Glasengel, Strohsterne und Kugeln in verschiedenen Lilatönen hänge die 72-Jährige an den Baum – und das schon seit Jahren. „Das Wichtigste ist, dass man den Baum mit Liebe aussucht“, erklärt Stempfel – denn ohne, wäre Weihnachten nur halb so schön.

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