Psychische Gesundheit

Wie die Seele junger Allgäuer unter der Pandemie leidet

Bei vielen Menschen, die an Depression erkrankt sind, hat sich der Zustand durch die Corona-Maßnahmen verschlechtert.

Bei vielen Menschen, die an Depression erkrankt sind, hat sich der Zustand durch die Corona-Maßnahmen verschlechtert.

Bild: Marijan Murat, dpa (Symbolbild)

Bei vielen Menschen, die an Depression erkrankt sind, hat sich der Zustand durch die Corona-Maßnahmen verschlechtert.

Bild: Marijan Murat, dpa (Symbolbild)

Psychologinnen und Einrichtungen im Allgäu haben seit Beginn der Krise mehr Anfragen erreicht als je zuvor. Was ein Buchloer Therapeut rät.

28.08.2021 | Stand: 17:30 Uhr

Die Pandemie hat vielen Menschen aufs Gemüt geschlagen. Bei rund der Hälfte der Menschen, die an Depression erkrankt sind, hat sich der Zustand durch die Corona-Maßnahmen verschlechtert – bis zum Suizidversuch. Das geht aus den Daten der Stiftung hervor. So wundert es nicht, dass Therapeutinnen und Therapeuten eine erhöhte Nachfrage verzeichnen – auch in Buchloe. Ein Vertreter des Bezirkskrankenhauses (BKH) Kaufbeuren befürchtet sogar jahrelange Spätfolgen.

Keine freien Plätze in den Praxen

Seit Beginn der Pandemie habe er mehr Anfragen bekommen, bestätigt der Buchloer Psychotherapeut Heinz Gruber. Doch freie Plätze habe er in seiner Praxis schon lange nicht mehr. „Zudem gehe bald in den Ruhestand und hätte auch deshalb keine neuen Patienten mehr aufnehmen können“, sagt der Diplompädagoge. Auch seine Kolleginnen und Kollegen in der Stadt seien voll ausgelastet, die Wartezeit auf einen Therapieplatz liege bei mehreren Wochen, oft sogar Monaten. „Wer während der Coronazeit eine psychische Störung entwickelt hat, hatte in der Regel schon vorher Probleme“, hat Gruber beobachtet. Und bei vielen Patienten, die bereits bei ihm in Behandlung sind, haben sich etwa durch die Einsamkeit während des Lockdowns Depressionen verstärkt oder alte Ängste seien zurückgekommen. Manche hätten auch psychosomatische Symptome entwickelt und dann Angst bekommen, an Covid-19 erkrankt zu sein.

Junge Menschen trifft es besonders

Vor allem Jugendliche und junge Erwachsene litten unter der Isolation. „In diesem Alter ist es wichtig, Grenzen auszutesten“, erklärt der Psychotherapeut. Wenn junge Menschen gegen Corona-Maßnahmen verstoßen, geschehe das selten aus böser Absicht, sondern aus Unbedarftheit, die in dieser Lebensphase ganz normal sei. Wichtig sei es, Verständnis zu zeigen. „Zuhören und darüber reden, ihnen die Chance geben, ihre Befindlichkeiten mitzuteilen“, rät Gruber.

Mehr Rückfälle, aber auch Erstanfragen hat Andreas Pfeifer, Psychotherapeut bei der Suchtfachambulanz Kaufbeuren, verzeichnet. Er befürchtet, dass viele Abhängige sich gar nicht gemeldet haben und die Dunkelziffer um einiges höher ausfällt. Pfeifer vermutet, dass viele Menschen im Lockdown süchtig geworden sind, da sie den Aktivitäten, die ihnen sonst Halt gaben – Freunde treffen und ins Fitnessstudio gehen zum Beispiel – nicht mehr nachgehen konnten. Hinzu kam wohl die Angst um den Arbeitsplatz und zusätzliche Belastungen durch Home-Office und Home-Schooling. Andererseits hätten die Lockdowns manchen Süchten den Garaus gemacht – so konnten Spielabhängige keine Casinos mehr besuchen.

„Die Klinik in Kaufbeuren war nicht mehr belegt als vor der Pandemie“, sagt Prof. Dr. Alkomiet Hasan, Vorstand der Krankenversorgung der Bezirkskliniken Schwaben. Das Kaufbeurer Bezirkskrankenhaus hätte jederzeit noch neue Patientinnen und Patienten stationär aufnehmen können. Trotzdem ist Hasan alarmiert. „Wir wissen aus anderen Krisen wie der Wirtschaftskrise 2008, dass während solcher Zeiten Depressionen zunehmen.“ Oft zeige die Erkrankung sich jedoch nicht sofort, sondern erst im Lauf der Zeit.

Mehr Suizidversuche

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Während der Pandemie hat Hasan bereits vermehrt Suizidversuche von Menschen über 65 beobachtet: „Aus Verzweiflung wegen der Einsamkeit“, vermutet er. Nicht zu unterschätzen sei auch die psychische Belastung, unter der die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Klinik stünden. Viele lebten mit der permanenten Sorge, sich anzustecken und die Krankheit dann an ihre Lieben weiterzugeben.

Kurz vor Ende des Lockdowns hätten sie vermehrt Anfragen erreicht, sagt Sabine Andris, Leiterin der Beratungsstelle für psychische Gesundheit in Kaufbeuren. Deren Angebote richten sich auch an Erwachsene aus dem nördlichen Landkreis Ostallgäu. Diejenigen, die sich zurückgezogen hatten, hätten dann Schwierigkeiten gehabt, wieder mit anderen in Kontakt zu treten, vermutet Andris. Manche hätten sogar Zwangserkrankungen entwickelt und Probleme, das Haus zu verlassen, ohne zum Beispiel immer wieder alle Lichtschalter zu kontrollieren. In akuten Notsituationen können sich Betroffene und Angehörige seit dem Frühjahr an den Krisendienst Schwaben wenden.

Hier finden Betroffene Hilfe:

  • Unter der kostenfreien Rufnummer 0800/6553000 bietet die Leitstelle des Krisendienstes Schwaben rund um die Uhr Hilfe in Krisen und bei psychischen Problemen jeder Art. Reicht die telefonische Beratung nicht aus, kann ein mobiles Team die Betroffenen aufsuchen.
  • Die Suchtfachambulanz Kaufbeuren ist für Betroffene und Angehörige unter der Nummer 08341/971217 Montag bis Donnerstag von 8 bis 17 Uhr und Freitag von 9 bis 13 Uhr erreichbar.