Meinung zur Bundestagswahl 2021

"Die Politik muss aufwachen": Dieses Deutschland wünschen sich junge Journalisten der Allgäuer Zeitung

Am 26. September ist die Bundestagswahl 2021. Was erwarten junge Menschen von der neuen Bundesregierung? Antworten von unseren Volontärinnen und Volontären.
17.09.2021 | Stand: 08:37 Uhr

Ob nun mehr Klimaschutz, Gleichstellung oder Dialog: Die kommende Bundesregierung hat einige Baustellen, die sie in Zukunft bearbeiten muss. Das ist zumindest die Meinung der jungen Journalistinnen und Journalisten der Allgäuer Zeitung.

„Das Klima steht endlich im Zentrum der Politik. Das hat zu lange gedauert.“

Sophia Ungerland hat Kommunikationswissenschaften studiert und findet es gut, dass Angela Merkel kein Facebook oder Twitter nutzt.
Sophia Ungerland hat Kommunikationswissenschaften studiert und findet es gut, dass Angela Merkel kein Facebook oder Twitter nutzt.
Bild: Sandra Lipps

Sophia Ungerland: Es ist ein Dilemma. Fast 58 Prozent der Wählerinnen und Wähler sind nach Schätzungen des Statistischen Bundesamts über 50 Jahre alt. Damit bestimmen sie maßgeblich über die Politik von heute und über die Welt von morgen. Junge Menschen (18- bis 29-Jährige) machen nicht einmal 15 Prozent der Wählerschaft aus. Dass sie von der Politik vernachlässigt wurden, ist gerade in der Corona-Pandemie deutlich zum Vorschein gekommen.

Die Lockdowns haben junge Menschen in einer Lebensphase getroffen, in der es besonders wichtig ist, Kontakte zu knüpfen. Zudem konnten Praktika nicht stattfinden, der Berufseinstieg wurde erschwert und viele Studierende haben ihre Nebenjobs verloren. Bedürfnisse junger Menschen müssen politisch mehr Achtung bekommen.

Hoffnung bringt, dass die drohende Klimakatastrophe endlich im Zentrum der Politik angekommen ist. Doch das hat zu lange gedauert. Umso beherzter und mutiger muss die nächste Bundesregierung hier jetzt zupacken. Auch das Thema Gleichstellung sollte effektiv angegangen werden. Deutschland liegt im Europäischen Gender Equality Index 2020 unter dem EU-Durchschnitt.

Außerdem sollte die Regierung klare Kante zeigen gegen EU-Staaten, die gegen die Prinzipien der Rechtsstaatlichkeit verstoßen. Wer keine europäischen Werte teilt, soll sich an einen anderen Tisch setzen. Im Gegenzug sollten die EU-Staaten mehr Solidarität untereinander zeigen. Gerade in der Migrationspolitik wäre das zum Beispiel bitter nötig.

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„Die Politik muss aufwachen. Es ist an der Zeit, endlich zu handeln.“

Noa Hüper ist 23 Jahre alt, Sportvolontär und hofft, dass Deutschland nicht erst 2045 klimaneutral wird.
Noa Hüper ist 23 Jahre alt, Sportvolontär und hofft, dass Deutschland nicht erst 2045 klimaneutral wird.
Bild: Ralf Lienert

Noa Hüper: Die Bundesregierung wurde in den vergangenen 16 Jahren maßgeblich von Angela Merkel geprägt. An eine Zeit ohne die Kanzlerin kann ich mich kaum erinnern. Nun steht in Berlin ein richtungsweisender Wechsel bevor. Egal welche Partei den Kanzler oder die Kanzlerin stellt, das Land braucht eine Regierung, die die Interessen der Bürger glaubhaft vertritt, wichtige Themen ohne zu zögern angeht und Deutschland als weltoffene Republik stärkt.

Vor allem ein klarer Kurs beim wichtigsten Thema, der Klimakrise, fehlt mir nach wie vor. Länder wie Schweden oder Dänemark machen uns längst vor, wie es funktionieren kann.

Auch Deutschland muss Vorreiter im Klimaschutz werden, denn die Problematik betrifft alle Menschen und die Zeit läuft uns allmählich davon. Ich hoffe, die neue Regierung nimmt den Schutz unseres Planeten endlich ernst und ist bereit, einen großen Schritt nach vorne zu gehen.

„Aktion statt Reaktion ist von der neuen Bundesregierung gefragt.“

Alexandra Hartmann hat Sprachwissenschaften und interkulturelle Kommunikation studiert. Als Angela Merkel Bundeskanzlerin wurde, war sie neun Jahre alt – und ist deshalb gespannt auf einen politischen Wechsel.
Alexandra Hartmann hat Sprachwissenschaften und interkulturelle Kommunikation studiert. Als Angela Merkel Bundeskanzlerin wurde, war sie neun Jahre alt – und ist deshalb gespannt auf einen politischen Wechsel.
Bild: Ralf Lienert

Alexandra Hartmann: Manchmal habe ich das Gefühl, dass unsere Regierung deutlich mehr reagiert als agiert. Es mag sein, dass die Corona-Pandemie und Ereignisse wie die Hochwasser-Katastrophe oder die Rückeroberung Afghanistans genau das verlangen: eine schnelle Reaktion, um einen akuten Angriff auf unser Wohl abzuwenden. Doch darüber hinaus wünsche ich mir von der neuen Regierung, dass sie öfter selbst zum Angriff ansetzt. Das wäre an mehreren Fronten angebracht.

Bei der Digitalisierung beispielsweise hinkt Deutschland anderen Ländern definitiv meilenweit hinterher. Das haben die vergangenen eineinhalb Jahre gnadenlos offengelegt.

Und dass die Folgen des Klimawandels unser behütetes Leben bedrohen können, wurde diesen Sommer in Europa mehr als deutlich: Während Teile Deutschlands von Starkregen überschwemmt wurden, kämpfte der Mittelmeerraum wochenlang mit Waldbränden.

Gerade in diesen beiden Bereichen ist in der kommenden Legislaturperiode mehr Engagement angebracht.

Wer diese Themen künftig anpackt, bleibt spannend – besonders für meine Generation. Wir können uns wenig bis gar nicht an die Zeit erinnern, als Angela Merkel noch nicht Bundeskanzlerin war. Ob ihr Nachfolger oder ihre Nachfolgerin bei den wichtigen Themen in den Angriff übergeht, wird sich zeigen.

„Fähnchen im Wind können wir uns nicht mehr leisten.“

Luke Maguire hat Politikwissenschaften studiert und glaubt nicht daran, dass die neue Regierung groß etwas verändern wird. Er hätte aber nichts dagegen, wenn er sich irrt.
Luke Maguire hat Politikwissenschaften studiert und glaubt nicht daran, dass die neue Regierung groß etwas verändern wird. Er hätte aber nichts dagegen, wenn er sich irrt.
Bild: Ralf Lienert

Luke Maguire: Mir wird ganz bange, wenn ich an die kommende Wahl denke. Wen soll ich wählen? Bringt überhaupt einer der Kanzlerkandidaten das Format mit, das nötig wäre? Bisher sehe ich das leider bei keinem. Noch spannender könnte die Zusammenstellung der regierenden Parteien werden: Jamaika, schwarz-rot oder doch rot-rot-grün? Wer kann das schon sagen? Von der neuen Regierung – egal wie sie auch aussehen mag – erwarte ich mir jedenfalls Einigkeit.

Klar, Meinungen gehen auseinander, Diskussionen sind deshalb erwünscht, gar obligatorisch in einer parlamentarischen Demokratie wie Deutschland. Doch unsere gut verdienenden Parlamentarier repräsentieren bekanntlich unsere Gesellschaft, und die ist so gespalten wie noch nie.

Anstatt sich darauf zu konzentrieren, wie andere Politiker öffentlich bloßstellt werden können, sollten sich unsere gewählten Vertreter lieber damit befassen, wie man Klimawandel, Corona-Krise und weiteren Herausforderungen begegnen kann. Und die werden nicht auf sich warten lassen. Fähnchen im Wind können wir uns nicht mehr leisten. Pragmatische Entscheidungen müssen her – egal bei welchen Themen.

„2021 steht für Aufbruch. Welcher Kandidat verkörpert das?“

Marina Kraut hat Politik studiert und würde gerne mit Frau Baerbock Bus fahren. Am liebsten von Füssen nach Weiler – dann wäre nämlich genügend Zeit für ein Gespräch. Über den ÖPNV und Benzinpreise auf dem Land.
Marina Kraut hat Politik studiert und würde gerne mit Frau Baerbock Bus fahren. Am liebsten von Füssen nach Weiler – dann wäre nämlich genügend Zeit für ein Gespräch. Über den ÖPNV und Benzinpreise auf dem Land.
Bild: Kraut

Marina Kraut: Egal ob Rot, Grün, Schwarz, Gelb gemischt, allein oder alle zusammen: Die zukünftige Regierung steht vor einem Berg an Herausforderungen. Der Klimawandel ist da, Chinas Wirtschaftsmacht droht Europa zu überrollen und Deutschland hat sich am Hindukusch doch nicht so gut verteidigt wie geplant. Bei dem ganzen weltpolitischen Orkan vergisst die neue Regierung hoffentlich eines nicht: Uns.

Die Armutsquote in Deutschland ist so hoch wie seit der Wiedervereinigung nicht mehr. Die Inflation auch. Corona hat die Schwächen unseres Gesundheitssystems knallhart offenbart und die Energiewende steckt bei Schuhgröße 20 fest, sollte aber längst bei Größe 38 sein. Wer außenpolitisch mitreden will, sollte im eigenen Land gut aufgestellt sein. Das ist es, was die nächste Regierung aufholen muss. Dafür brauchen die Politikerinnen und Politiker Mut, sich auch mal Fehler einzugestehen. Dinge neu anzupacken.

Das Jahr 2021 schreit nach Aufbruch. Die Frage ist nur, welche Partei und damit welcher der Kanzlerkandidaten steht für Aufbruch? Keine leichte Frage, zumal sich Baerbock, Laschet und Scholz schon einige Patzer geleistet haben. Es hilft nix – einer oder eine muss es machen.

„Die Jugend muss die Folgen der Politik ausbaden.“

Michael Mayr hat BWL studiert und würde mit den Herren Laschet und Scholz gern einen Abend von Bar zu Bar ziehen. Die Nacht macht ja bekanntlich ehrlich.
Michael Mayr hat BWL studiert und würde mit den Herren Laschet und Scholz gern einen Abend von Bar zu Bar ziehen. Die Nacht macht ja bekanntlich ehrlich.
Bild: Sandra Heitmann

Michael Mayr: Wenn ich mich mit Menschen aus meiner Generation unterhalte, höre ich häufig den Kommentar: „Wir arbeiten eh alle, bis wir 80 sind.“ Darin liegt viel Unzufriedenheit. In den vergangenen 16 Jahren hat die Regierung viele große Themen erfolgreich verdrängt.

Klimawandel, Überalterung, die Schere zwischen Arm und Reich – nur nichts Großes verändern, dann wird es schon gut gehen. Doch das sind alles Probleme, deren Folgen die Jugend ausbaden muss. Knapp 58 Prozent der Wähler sind bei der Wahl im September über 50. Eine Kernaufgabe der neuen Regierung muss daher sein, die jungen Menschen nicht abzuhängen.

Das bedeutet teils unangenehme Entscheidungen für die Zukunft zu treffen und nicht nur für die größte Wählergruppe. Ich hoffe, dass die neue Regierung zeigt, dass sie junge Menschen auf dem Schirm hat und ernst nimmt. Dass ihr etwas liegt an der nächsten Generation und nicht nur an der nächsten Wiederwahl.

„Auf der Agenda der neuen Regierung sollte die Einigkeit ganz oben stehen.“

Lena Lingg hat Interkulturelle Sprachwissenschaft und Übersetzung studiert. Sie würde die Abgeordneten gern auf eine Wanderung schicken. Denn der Berg schweißt bekanntlich zusammen.
Lena Lingg hat Interkulturelle Sprachwissenschaft und Übersetzung studiert. Sie würde die Abgeordneten gern auf eine Wanderung schicken. Denn der Berg schweißt bekanntlich zusammen.
Bild: Lingg

Lena Lingg: Einigkeit. Sie ist das erste Wort der deutschen Hymne und das Allerletzte, was wir in den vergangenen Jahren erreicht haben. Die Flüchtlings-, die Klima- und zuletzt die Corona-Krise haben die Bundesrepublik gespalten und erschreckend viele radikale Parteien hervorgebracht. Diesmal verläuft der Riss nicht zwischen West und Ost, sondern mitten durch die Gesellschaft.

Dass wir nun an diesem Punkt angekommen sind, ist nicht allein die Schuld unserer Regierung. Eine Vielzahl menschengemachter Krisen hat den Politikerinnen und Politikern ihre Arbeit besonders schwer gemacht. Sie brauchen nun eine Bevölkerung, die nicht per se schimpft, sondern Fehler auch mal verzeiht. Umgekehrt muss sich der neue Bundestag mit transparenten Handlungen wieder das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger verdienen.

Auf der Agenda der neuen Regierung sollte die Einigkeit ganz oben stehen. Nicht nur innerhalb Deutschlands, sondern vor allem in Europa und der Welt. Wenn es der neue Bundestag vormacht, Kompromisse zu finden und an einem Strang zu ziehen, dann kann das in der Gesellschaft auch wieder gelingen. Nur mit dieser Einigkeit kann die Bundesrepublik die großen Krisen anpacken – und in vielen Bereichen wieder eine Vorbildfunktion für andere Länder einnehmen. Diese hat sie in den vergangenen Jahren zunehmend verloren.

„Wer denkt, ,die da oben werden es schon irgendwie richten‘, macht es sich zu einfach.“

Linda Leinecker ist 25 Jahre alt und seit Anfang September die neue Volontärin im Digitalteam. Sie wünscht sich, dass es bei politischen Debatten in Mode kommt, Meinung durch Wissen zu ersetzen – und will selbst mit gutem Beispiel vorangehen.
Linda Leinecker ist 25 Jahre alt und seit Anfang September die neue Volontärin im Digitalteam. Sie wünscht sich, dass es bei politischen Debatten in Mode kommt, Meinung durch Wissen zu ersetzen – und will selbst mit gutem Beispiel vorangehen.
Bild: Lucas Dietz

Linda Leinecker: Schlechtes Timing? Die „Mutti der Nation“ verabschiedet sich nach 16 langen Jahren im Kanzleramt und das zu einer Zeit, die von Unruhen geprägt ist.

Wer auch immer Merkel nachfolgen wird: Mit der Bewältigung der Corona-Pandemie, dem Aufrechterhalten der europäischen Einigkeit sowie der Abwendung der Klima-Krise steht die neue Bundesregierung vor schweren Aufgaben. Doch um die zu bewältigen, ist unsere Mithilfe gefragt.

Und deswegen richten sich meine Wünsche nicht nur an die Politik, sondern auch alle Bürgerinnen und Bürger: Ich wünsche mir und anderen den Mut und das Engagement, neue Wege zu gehen sowie die Stärke und Toleranz, die Meinungen anderer auszuhalten und offen und konstruktiv miteinander zu diskutieren. Davon lebt unsere Demokratie. Und dann wird der Weg in die Zukunft auch ohne den Halt einer mütterlichen Hand hoffentlich leichter werden.

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