Suchthilfe

Corona: Alkoholkranke leiden jetzt besonders

Experten sagen, häufig fehle Betroffenen von Alkoholsucht momentan das soziale Netz. Dann besteht die Gefahr eines Rückfalls. Wie Beratungsstellen und Selbsthilfegruppen helfen wollen.

Experten sagen, häufig fehle Betroffenen von Alkoholsucht momentan das soziale Netz. Dann besteht die Gefahr eines Rückfalls. Wie Beratungsstellen und Selbsthilfegruppen helfen wollen.

Bild: Alexander Heinl, dpa (Symbolbild)

Experten sagen, häufig fehle Betroffenen von Alkoholsucht momentan das soziale Netz. Dann besteht die Gefahr eines Rückfalls. Wie Beratungsstellen und Selbsthilfegruppen helfen wollen.

Bild: Alexander Heinl, dpa (Symbolbild)

Experten sagen, häufig fehle Betroffenen das soziale Netz. Dann besteht die Gefahr eines Rückfalls. Wie Beratungsstellen und Selbsthilfegruppen helfen wollen.
04.01.2021 | Stand: 05:19 Uhr

Die wöchentlichen Treffen seien so ähnlich wie Tischtennis-Training, sagt Dieter Steiner: Man wird immer besser, von Woche zu Woche. Nur, dass es bei den Treffen nicht um Tischtennis geht, sondern um das Thema Alkohol. Steiner leitet eine Kreuzbund-Gruppe in Sonthofen, zu der Menschen kommen, die trocken bleiben wollen. Derzeit kann sich die Selbsthilfegruppe aufgrund der Kontaktbeschränkungen nicht persönlich treffen, sondern hat nur über eine Chatgruppe oder telefonisch Kontakt. Und das macht Steiner große Sorgen.

„Ich habe schon Angst, dass der eine oder andere rückfällig wird“, sagt er. „Besonders bei denen, die alleine daheim leben.“ Zwar seien derzeit vor allem Menschen in der Gruppe, die schon länger nicht mehr getrunken haben und die relativ gefestigt sind, sagt Steiner. „Aber im Januar oder Februar muss das wieder laufen.“ Das Regelmäßige sei wichtig. Und bei den persönlichen Treffen erkenne er schneller, wenn etwas nicht stimmt. „Da habe ich Augenkontakt“, sagt Steiner, „und da kann ich auch mal sagen: Du hörst dich nicht gut an“. Das sei im Gruppenchat oder per Telefon schwieriger.

Auch in der Lindauer Suchtfachambulanz können wegen der Corona-Krise derzeit keine offenen Gruppentreffen stattfinden, berichtet Leiter Klaus Bilgeri. Vorher konnte dort jeder hinkommen und teilnehmen, völlig unverbindlich. Jetzt sei die Teilnahme nur noch mit vorheriger Anmeldung möglich. Das schaffe wieder eine gewisse Hürde, glaubt Bilgeri. Und für manche sei die schon zu hoch.

Dass Menschen gerade jetzt auf der Suche nach niederschwelliger, unbürokratischer Hilfe sind, bestätigt Steiner. „Ich habe in den letzten Wochen vermehrt Anfragen bekommen von Leuten, die auch bei der Kreuzbund-Gruppe mitmachen wollen“, berichtet er. „Sie haben gefragt, ob wir irgendwo sind.“ Denn im Haus Oberallgäu in Sonthofen, wo sich die Gruppe sonst immer trifft, ist es derzeit dunkel. Er könne diese Menschen nur an Suchtberatungsstellen verweisen, sagt Steiner. Auch Klaus Bilgeri sagt, er erlebe im Moment viele Krisen – und sogar, „dass Leute im Krankenhaus landen aufgrund von exzessivem Trinken“.

„Mit Alkohol versuchen manche, den Kopf frei zu kriegen"

Was vielen Suchtkranken jetzt fehle, sei ein tragendes soziales Netz, sagt Kristof Elgert von der Suchtfachambulanz Kaufbeuren. Wer beispielsweise gut ins Dorfleben integriert ist und persönliche Kontakte pflegt, der greife seltener zum Alkohol, wenn er eine emotionale Krise verkraften muss. „Das fällt jetzt alles weg.“ Stattdessen hätten Betroffene nicht selten Ängste, die von coronabedingten Unsicherheiten geschürt werden. „Mit Alkohol versuchen manche, den Kopf frei zu kriegen und raus aus diesen Ängsten zu kommen“, erläutert Elgert. „Das funktioniert aber nur für den Moment.“ Viele Menschen hätten Angst, ihren Job zu verlieren: „Arbeit ist ein stabilisierender Faktor“, sagt Elgert. Nicht nur die Existenz hänge davon ab. Wer berufstätig ist, der unterliege einer gewissen Kontrolle durch Arbeitgeber oder Kollegen.

Aber nicht nur für bereits Suchtkranke ist die derzeitige Situation schwierig. Auch Leute, die suchtgefährdet sind, überschreiten nun öfters ein gesundes Maß. „Es sind schon Menschen zu uns gekommen, die aufgrund von Kurzarbeit oder Homeoffice mehr trinken und die merken, sie müssen jetzt aufpassen“, sagt Bilgeri.

„Die Corona-Krise geht nicht spurlos an den Menschen vorbei“, fasst Elgert die aktuelle Lage zusammen. Er betont, dass die Suchtberatungsstellen weiterhin offen haben. Sie sind telefonisch oder über Videoanruf erreichbar. Es gibt außerdem weiterhin fast überall auch die Möglichkeit eines persönlichen Beratungsgesprächs.