Bigband-Jazz

Das Erfolgsgeheimnis von Harald Rüschenbaum? Es muss swingen!

Landes-Jugendjazzorchester Bayern

Die Begeisterung ist riesig: Musikerinnen und Musiker des Landes-Jugendjazzorchesters Bayern – und mittendrin Leiter Harald Rüschenbaum.

Bild: Alexandra Wind

Die Begeisterung ist riesig: Musikerinnen und Musiker des Landes-Jugendjazzorchesters Bayern – und mittendrin Leiter Harald Rüschenbaum.

Bild: Alexandra Wind

Das Landes-Jugendjazzorchester in Marktoberdorf ist ein Durchlauferhitzer für junge Musik-Talente. Befeuert werden sie von der Energie des Leiters Harald Rüschenbaum.
17.04.2021 | Stand: 17:00 Uhr

Natürlich geht derzeit auch beim Landes-Jugendjazzorchester nichts. Keine Treffen, kein Spielen, kein Lernen, keine Konzerte. Wegen Corona. So ist auch der runde Geburtstag des künstlerischen Leiters dieser bayerischen Auswahl-Bigband ohne Ständchen vorübergegangen. 65 Jahre alt wurde Harald Rüschenbaum neulich. Er leitet die „Landjugend“, wie viele das in Marktoberdorf stationierte Ensemble liebevoll nennen, seit 28 Jahren. Die Bigband hat er zu einem renommierten Jazzorchester geformt. Wichtiger als dieser Status ist aber etwas anderes. Rüschenbaum und seine Dozenten sowie die beiden Marktoberdorfer Organisatoren Willi Staud und Claudia Bestler betreiben eine feine Talenteschmiede: Sie geben jedes Jahr Hunderten junger Musikerinnen und Musiker aus ganz Bayern das nötige Rüstzeug mit auf den Weg in die Welt des Jazz.

Ein Wort fällt in diesem Zusammenhang immer wieder: Durchlauferhitzer. Was bedeuten soll: Wer bei dieser Bigband ein paar Jahre mitgespielt hat, ist aufgeladen mit theoretischem und vor allem praktischem Wissen über den Jazz, hat ein Niveau des (Zusammen-)Spielens erreicht, das am Ende deutlich höher ist als am Anfang. Alle bekannten jüngeren Jazzer in Bayern sind durch das Landes-Jugendjazzorchester gegangen, sagt Organisator Willi Staud.

Preisträger und Professoren sind aus der Bigband hervorgegangen

Er und Claudia Bestler haben neulich mal eine Liste gemacht mit all den jungen Talenten, die durchlauferhitzt nach der Zeit in der bayerischen Auswahl zu gefragten Musikern wurden, zu Preisträgern, (Big-)Bandgründern oder Professoren. Die Liste wurde lang. Und gehaltvoll. Manuel da Goll und Manuel Winbeck (beide La Brass Banda) stehen drauf, Bastian Jütte (Gewinner des Neuen Deutschen Jazzpreises und des Echo Jazz), Roman Sladek (Gründer der Jazzrausch Bigband), Johannes Enders (Jazzprofessor in Leipzig), die international erfolgreiche Saxofonistin Stephanie Lottermoser, Marcus Kesselbauer (Gründer und Leiter von „Moop Mama“) oder Vincent Eberle (Gewinner des Deutschen Jazzpreises, Monika Roscher Bigband).

Auch Jazz-Trompeter Matthias Schriefl ist bei der Bigband dabei gewesen

Auch aus dem Allgäu sind eine Reihe hervorragender Jazzerinnen und Jazzer durch die Schule von Harald Rüschenbaum und seinem Team gegangen: Daniel Mark Eberhard aus Oy-Mittelberg, der inzwischen Professor in Ingolstadt ist; die aus Kempten stammenden Sängerinnen Lydia Schiller und Sarah Buchner, die beide in Köln leben; der Schlagzeuger Magnus Dauner aus Obergünzburg; oder der Schlagzeuger Silvan Strauß und der Gitarrist Alex Eckert, die in Hamburg die Hip-Hop-Jazz-Formation Toytoy gründeten. Allen voran aber ist Matthias Schriefl aus Maria Rain (Oberallgäu) zu nennen, der übrigens am selben Tag 40. Geburtstag feierte wie Rüschenbaum seinen 65.

Matthias Schriefl sagt: "Harald Rüschenbaum ist extrem wichtig für den Jazz-Nachwuchs"

Wer mit dem von der Trompete kommenden Multiinstrumentalisten über das Landes-Jugendjazzorchester spricht, hört fast nur Lobeshymnen. „Harald Rüschenbaum ist extrem wichtig für den bayerischen Jazz-Nachwuchs“, urteilt Schriefl, der in Köln und im Allgäu lebt, über den charismatischen Chef. „Eine Zeitlang hat das Landes-Jugendjazzorchester sogar das Bundesjazzorchester an die Wand gespielt.“

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Schriefl muss das wissen, denn er spielte einst parallel in beiden Bigbands mit. Vor allem das Swingen, also das grundlegende Rhythmusgefühl im Jazz, habe Rüschenbaum seinen jungen Musikerinnen und Musikern auf unnachahmliche Weise beigebracht. „Swingen lernt man in Bayern am besten.“

Harald Rüschenbaum möchte die jungen Leute da abholen, wo sie sind

Das Wort Durchlauferhitzer führt aber auch ein wenig in die Irre. Denn Rüschenbaums Konzept lautet eigentlich so: „Wir holen die jungen Leute da ab, wo sie sind – und helfen ihnen, bei sich zu suchen, was sie an Musik in sich haben.“ Mit anderen Worten: Rüschenbaum und sein Team wollen jedem Talent das Seine geben. Es geht in diesem ganzheitlichen Ansatz nicht nur um die Musik, sondern auch um den Menschen. Ein Matthias Schriefl soll ein Matthias Schriefl bleiben, eine Sarah Buchner eine Sarah Buchner. Die Sängerin tauchte über das Jazz-Juniors-Programm in die Welt des Landes-Jugendjazzorchesters ein. Buchner war 14 und fasziniert von der Musik und den Leuten, die sie machten. „Da war viel Europhorie vorhanden, und die Lust, Neues zu erkunden.“ Die 24-Jährige spricht von der Bigband als einem „Katalysator“ für den eigenen Weg: Sie entschied sich in der Marktoberdorfer Zeit, Profimusikerin zu werden.

Gitarrist Alex Eckert: Man lernt, auf ein höheres Energielevel zu kommen

Auch Alex Eckert hat das Orchester geprägt. Der aus Kaufbeuren stammende Gitarrist stieß 2007 zu Rüschenbaums Auswahl-Ensemble, nachdem seine damaligen Kaufbeurer Lehrer und Mentoren Leo Link und Tiny Schmauch sein Talent erkannt, gefördert und ihm den Jazz schmackhaft gemacht hatten. Die nächste Stufe waren vier Jahre Jugendjazzorchester. „Da habe ich sehr viel erfahren“, sagt der 31-Jährige. Vor allem, dass es wichtig ist, beim gemeinsamen Musizieren auf ein höheres Energielevel zu kommen. „Das haben wir von Harald Rüschenbaum gelernt.“

Junge bayerische Talente wie Alex Eckert sind musikalisch teilweise national, teilweise sogar international unterwegs. Das Dreigestirn Staud, Bestler und Rüschenbaum hält mit vielen von ihnen Kontakt und lädt sie auch mal ein, der aktuellen Landjugend-Besetzung von ihren Erfahrungen in der großen weiten Jazzwelt zu berichten. „Das ist sehr beflügelnd für mich alte Socke“, sagt Harald Rüschenbaum mit selbstironischem Lächeln. Auch wenn er sich mit seinen 65 Jahren dem Ruhestand nähert, aufhören möchte er nicht so bald. Es sei „noch genug Feuer im Hintern“, sagt der Dirigent, der als Energiebündel gilt. Und lachend fügt er an: „Es geht ja geade erst los.“