Kempten/Ruhpolding

Die nächsten Ziele schon im Visier

Philipp Nawrath

Philipp Nawrath

Bild: Ralf Lienert

Philipp Nawrath

Bild: Ralf Lienert

Mit einem lachenden und einem weinenden Auge blickt Philipp Nawrath auf die vergangene Saison zurück. Im nächsten Winter will er sich an einem Olympiasieger orientieren

08.06.2020 | Stand: 14:30 Uhr

„Der Abschluss dieser Saison war nicht optimal“, gibt Philipp Nawrath zu. Eine Grippe warf den 27-jährigen Biathleten unlängst zurück, sodass ein Start bei den letzten Weltcups nicht mehr möglich war. Sein letztes Rennen bestritt er Mitte Februar bei der Weltmeisterschaft im italienischen Antholz. Mit seiner Leistung beim Saisonhöhepunkt hadert er immer noch: „An dem Tag hat es einfach nicht sein sollen“, kommentiert er den 47. Platz im 20-km-Einzelrennen – nach fünf Schießfehlern. Trotz des enttäuschenden WM-Abschneidens zieht der gebürtige Nesselwanger keine ausnahmslos negative Bilanz: „Ich habe mich in allen Teilbereichen zum Vorjahr gesteigert und auch stabilisiert. Und es waren ein paar Top-Ergebnisse dabei“, sagt Nawrath.

Als siebtbester deutscher Biathlet musste er sich erst einmal über den zweitrangigen IBU-Cup Aufmerksamkeit verschaffen. Dies gelang ihm trotz guter Leistungen zu Beginn noch nicht. Erst mit dem Sieg im Sprint in Brezno-Osrblie (Slowakei) und der mit Abstand besten Laufleistung wurde er für die erste Garde von Bundestrainer Mark Kirchner wieder interessant.

Hinzu kam die kurzfristige Teilnahme am Abschiedslauf von Laura Dahlmeier in Gelsenkirchen, wo Nawrath seinen Teamkollegen Erik Lesser vertreten durfte. „Richtig cool, dass ich da dabeisein durfte. Bei einer Mountainbiketour mit Laura hab’ ich ihr ganz spontan gesagt, dass ich Bock hätte auf Schalke mitzulaufen. Dass es dann über Umwege geklappt hat, war super“, erzählt der 27-Jährige.

Unmittelbar nach dem Rennen wurde er für den Weltcup in Ruhpolding nominiert – wie schon in der vorherigen Saison. Und erneut lieferte er ab: Siebter im Sprint, Fünfter mit der Staffel und Rang zwölf in der Verfolgung. „Das ist mein zweites Wohnzimmer. Ich wohne und trainiere in Ruhpolding und auf der Strecke fühle ich mich wohl“, erzählt der gebürtige Nesselwanger. Der siebte Platz bedeutete zugleich die Erfüllung seines Traums, ein WM-Platz: „Zu diesem Zeitpunkt war Antholz so weit entfernt, deshalb war es umso überraschender für mich.“

Das Highlight der Saison war sein vierter Platz im Einzel in Pokljuka (Slowenien). „Das Rennen ist bei mir durchgelaufen wie ein Film“, erzählt der Polizist. Ab da hoffte er dann auf einige Einsätze mehr in Antholz und war dementsprechend enttäuscht, dass sie ihm verwehrt blieben. „Meine Form war gut und ich habe Ergebnisse geliefert. Deshalb war es schade, dass ich nur einmal ran durfte.“ Dennoch nahm er es sportlich: „Im Endeffekt war es gerechtfertigt, dass ich nur einmal gestartet bin“, sagt Nawrath, der nach der WM erkrankte. „Die Grippe hat mich in ein Loch geworfen“, sagt Nawrath. Das Abtrainieren mit deutlich geringeren Umfängen half ihm wieder herauszukommen.

Zur Zeit widmet sich Nawrath seinem Beruf. Als Bediensteter der bayerischen Polizei leistet er in Traunstein Streifendienst. „Das ist noch etwas ungewohnt. Nach einer Saison musste ich bisher immer die Schulbank bei der Polizei drücken. Jetzt geht’s ins Praktikum“, erzählt er.

Die Vorbereitung für die kommende Saison beginnt voraussichtlich im Mai. Zwischendrin würde er noch gerne Urlaub machen: „Mal schauen, wo es hingeht. In Anbetracht der aktuellen Lage werde ich wahrscheinlich zuhause bleiben“, meint Nawrath, für den eines im kommenden Jahr feststeht: „Ich will mich in der Mannschaft etablieren.“ Dafür muss er konstant gute Leistungen abliefern. „Das gelang mir größtenteils schon in der vergangenen Saison. In der nächsten will ich das noch toppen“, sagt der 27-Jährige, der sich in Sachen Konstanz seinen Teamkollegen und Olympiasieger Arnd Peiffer als Vorbild nimmt.

Von einem Dreifach-Weltmeister, dem ebenfalls aus Nesselwang stammenden Michael Greis, bekommt Nawrath Zuspruch. „Philipp soll sich große Ziele setzen, dann weiß er auch, dass er hart dafür arbeiten muss. Die Konkurrenz im deutschen Team ist groß. Auch nur einen zu verdrängen ist nicht einfach“, sagt der 43-Jährige, der zuletzt die polnischen Frauen trainierte. Wichtig sei es, so Greis, frühzeitig die Qualifikation für die kommende WM in Pokljuka zu schaffen, um nicht unter Zugzwang zu geraten. Greis weiß um Nawraths Stärken: „Philipp ist im besten Alter. Die Rennen in Pokljuka und Ruhpolding waren Weltklasse. Wenn er sich steigert und konstanter wird, werden wir ihn bei der WM sehen.“