Start mit Monolog

Die Welt ist ein Albtraum – aber nicht nur

Fesselt und irritiert gleichermaßen: Schauspieler Klaus Philipp im Monolog "Event".

Fesselt und irritiert gleichermaßen: Schauspieler Klaus Philipp im Monolog "Event".

Bild: Karl Forster/LTS

Fesselt und irritiert gleichermaßen: Schauspieler Klaus Philipp im Monolog "Event".

Bild: Karl Forster/LTS

Landestheater Schwaben: In „Event“ geht es um Existenzielles, Vereinsamung und Reizüberflutung. Ein Stück mit cleverem Witz und einem starken Schauspieler ...

15.09.2020 | Stand: 11:30 Uhr

Ist das nun Theater, das aus der Rolle fällt – oder eines, das zu seiner eigentlichen Rolle (zurück-) gefunden hat? Am Ende der Premiere von John Clancys „Event“ im Großen Haus des Landestheaters Schwaben (LTS) steht jedenfalls der Wunsch: mehr davon.

„Es gibt keinen Plot und keine Figur. Ich steh’ da und quassle die ganze Zeit. Mehr passiert nicht“, stellt Schauspieler Klaus Philipp unmissverständlich klar. Doch anders als er dem Publikum anfangs weiszumachen versucht, ist der Monolog nicht „irgendeine Kunstkacke“ oder eine Entzauberung von Theater, sondern das glatte Gegenteil.

Alles hat bei diesem vor intelligentem Witz sprühenden „Ereignis“ einen doppelten Boden – die augenzwinkernde Herausforderung, sich nicht in die Irre führen zu lassen, nimmt man als Zuschauer gerne an. Und so wird auch trotz des mehrfachen Angebots niemand im Publikum zum Gehen verleitet und natürlich nutzt (wahrscheinlich) keiner – beim vorgetragenen Schlaflied – die Chance für ein Nickerchen. Im Theater wäre das ja ein Ding der Unmöglichkeit. Oder?

Elegante Finten

In eleganten Finten spielt der Monolog Bräuche sowie Regeln des „Ereignisses Theater“ aus und nimmt die Reaktion der Zuschauer gleich vorweg: ein vorzeitiges Echo ihrer Beobachtungen und Gedanken. „Sie hoffen, gut unterhalten zu werden. Diese Hoffnung gerät gerade ins Wanken“, sagt Philipp nach den ersten wohlgesetzten Worten. Und tatsächlich: Man fühlt sich ein bisschen ertappt – ein genauso irritierender wie faszinierender Effekt. Phasenweise ist der Text gesprochene Regieanweisung und so eine Simultanbeschreibung dessen, was im Saal geschieht. Der Darsteller benennt sich darin selbst in der dritten Person als „der Mann“, die Zuschauer werden als „die Fremden“ bezeichnet. Das rüttelt mächtig an der Behauptung, es existierten hier keinerlei Figuren und kein Plot, also ein vorgesehener Handlungsablauf.

„Sprechen transformiert“, heißt es an einer Stelle. Das ist nicht nur eine harmlose abstrakte Feststellung, sondern das, was sich auf der Bühne vollzieht. Immer wieder regen sich Zweifel daran, in welcher Rolle Klaus Philipp gerade redet: betont als Sprachrohr des Stückeschreibers, als der im Text thematisierte Schauspieler alias „der Mann“ oder persönlich als er selbst. Bei jedem Wechsel verschwimmen die Grenzen etwas mehr. Während man als Zuschauer überlegt, ob das nun noch ein Monolog ist, die schwirrenden Gedanken sortiert und sich unwillkürlich fragt, was der Person Klaus Philipp während all dem wohl wirklich durch den Kopf geht, zieht John Clancy den Vorhang weg.

Denn nach und nach haben sich existenzielle Themen in den Monolog gemischt: Vereinsamung, Überforderung durch ständige Kommunikation und Medienbeschuss, Vergänglichkeit – all das macht die Welt im 21. Jahrhundert „zu einem finsteren, chaotischen Albtraum“. Und wir alle gleichen dem Schauspieler. Geben bisweilen etwas vor, das wir nicht empfinden, und sprechen Worte, die uns von anderen eingegeben wurden: eine Erkenntnis, die durch die suggestive Macht der Bühne funktioniert – in diesem Moment, in der Dunkelheit des Saals, abgekapselt von der voranhastenden Zeit.

Denn während der Text fortwährend die Illusion bricht, entfalten die aufgezeigten Techniken – Gestik, Licht, Artikulation – dennoch ihre Wirkung. Das verdankt sich der für das Theater wesenhaften Unmittelbarkeit, der Verkörperung und dem Angesprochensein durch den Schauspieler. Dass die Zuschauer in Corona-Zeiten auf Abstand zueinander und die Reihen dünn besetzt sind, erhöht die Intimität. Dramaturg Peter Kesten, der die Inszenierung übernahm, und Klaus Philipp leisten hier Exzellentes zum Auftakt einer ungewöhnlichen Spielzeit.

Weitere Termine: 20. September, 15. und 16. Oktober (alle 20 Uhr). Karten: Telefon 08331/94 59 16, E-Mail vorverkauf@landestheater-schwaben.de