Natur im Allgäu

Die Wildtiere im Allgäu sind immer öfter unter Stress

Rotwild auf Gut Leidenhausen

Viele Wildtiere, wie hier Rotwild, leiden laut Experten unter dem Besucherandrang im Allgäu – speziell, wenn Ausflügler die Wege im Wald verlassen oder am frühen Morgen auf Tour gehen.

Bild: Rainer Jensen, dpa (Archivbild)

Viele Wildtiere, wie hier Rotwild, leiden laut Experten unter dem Besucherandrang im Allgäu – speziell, wenn Ausflügler die Wege im Wald verlassen oder am frühen Morgen auf Tour gehen.

Bild: Rainer Jensen, dpa (Archivbild)

Wanderer sind mittlerweile zu jeder Tages- und Nachtzeit unterwegs, kritisieren Experten und fordern mehr Rücksicht. Wie das konkretk aussehen könnte.
15.08.2021 | Stand: 19:25 Uhr

Ausflügler im Allgäu stören immer häufiger die Ruhe von Wildtieren und gefährden mit unbedachten Aktionen deren Lebensraum. „Wir beobachten mit Sorge, dass immer mehr Menschen ganzjährig zu jeder Tages- und auch Nachtzeit unterwegs sind. Außerdem wird oft abseits der Wege gelaufen. Dadurch wird immer mehr Fläche zertrampelt“, kritisiert Heinrich Schwarz, Vorsitzender des Kreisjagdverbandes Oberallgäu.

Der Druck auf die Ruhezonen der Wildtiere hat sich nach seinen Worten in den vergangenen Jahren erhöht. Die gestiegene Zahl von Ausflüglern während der Corona-Krise habe das Problem teils massiv verschärft. Oftmals mangle es am Wissen um die ökologischen Zusammenhänge, sagt Schwarz. „Wenn beispielsweise an einem See viele Menschen durch die Uferregion stampfen, wird der Lebensraum von Bodenbrütern wie Schnepfen bedroht. Doch in einem funktionierenden Ökosystem brauchen wir alle Tiere und natürlich auch Pflanzen“, veranschaulicht er das Problem. Für Wildtiere könnten überraschende Begegnungen mit Ausflüglern oder frei laufenden Hunden tödlich enden, wenn sie beispielsweise aus dem Wald über eine Straße flüchten.

Touren nicht am frühen Morgen

Um kritische Situationen zu vermeiden, appelliert Bayerns Forstministerin Michaela Kaniber (CSU) „inständig an alle Erholungssuchenden“, wie es in einer Mitteilung heißt: „Bleiben Sie möglichst auf den Wegen, vermeiden Sie Lärm im Wald, halten Sie Abstand zu Wildtieren und beaufsichtigen Sie Ihre Hunde.“ Jäger Heinrich Schwarz ist noch an einem weiteren Punkt gelegen: Er fordert Ausflügler auf, ihre Sommertouren möglichst nicht vor 6.30 Uhr zu beginnen und spätestens gegen 20 Uhr zu beenden.

Der Besucherandrang wirke sich nicht nur negativ auf die Ruhe der Wildtiere aus, sondern auch auf die Jagd. „Mit dem Jagdrecht ist die Pflicht zur Hege verbunden“, zitiert Schwarz das Bundesjagdgesetz. Jäger müssten Abschusspläne aufstellen, der Behörde vorlegen und sie erfüllen. „Je mehr Menschen unterwegs sind, desto schwieriger ist das“, sagt Schwarz.

Doch nicht nur in Gebirgslagen bereiten Wanderer, Spaziergänger oder Biker Sorgen. „Wir beobachten auch bei uns, dass mehr Menschen in der Natur unterwegs sind, häufig sind sie querfeldein auf Tour“, sagt beispielsweise Dr. Stephan Bea, Vorsitzender der Jägervereinigung Marktoberdorf. Dabei seien insbesondere Rothirsche und Rehwild schreckhaft. „Sie reagieren sehr sensibel, wenn Menschen die Wege verlassen, die den Tieren bekannt sind.“

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Besonders kritisch werden Störungen für die Tiere im Winter. Hintergrund: In der kalten Jahreszeit fahren warmblütige Pflanzenfresser wie Hirsche, Rehe, Gämsen oder Hasen ihren Stoffwechsel herunter, senken die Körpertemperatur ab und bewegen sich so wenig wie möglich. Wenn dieser „Energiesparmodus“ beeinträchtigt wird, kann das lebensbedrohliche Folgen haben.

Hunde an die Leine

Egal ob Sommer oder Winter: Immer wieder begegnen Bea und seinen Jägerkollegen Hundehalter, die ihren Vierbeinern im Wald freien Lauf lassen und dadurch das Wohl der Wildtiere gefährden. „Manche Rassen haben einfach einen Jagdtrieb“, gibt er zu bedenken. Bei Gesprächen mit Ausflüglern erlebe er oft, dass sie sich des Problems gar nicht bewusst sind. „Sie sind offen und verständnisvoll, wenn man sie darauf anspricht.“

Statt auf Eskalation wird im Allgäu vielerorts auf Einsicht gesetzt – und die kann nicht früh genug beginnen. So bietet der Naturpark Nagelfluhkette am 11. und 12. September (jeweils von 9 bis 17 Uhr) einen kostenlosen Kompaktkurs zum Junior Ranger an. Dabei lernen Kinder im Alter von neun bis zwölf Jahren unter anderem die Arbeit der Ranger sowie die Lebensräume Wasser und Wald kennen.

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