Kempten

Ein Allgäuer von Weltformat

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Bild: Jan Peter Trripp

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Bild: Jan Peter Trripp

Uraufführung Das Theater in Kempten bringt erstmals ein Buch von W. G. Sebald auf die Bühne. „Die Ausgewanderten“ erleben vieles gleichzeitig: Heimat und Fremde, Glück und Leid
08.07.2021 | Stand: 00:08 Uhr

Er stammt aus dem Oberallgäu, wurde in den 1990er Jahren als Kandidat für den Literaturnobelpreis gehandelt und starb 57-jährig bei einem Autounfall in seiner zweiten Heimat England: W. G. Sebald. Bei ihren Recherchen nach Autoren und Stoffen aus dem Allgäu stieß die Kemptener Theaterdirektorin Silvia Armbruster vor zwei Jahren auf die Bücher des in Wertach geborenen Schriftstellers – und war hin und weg. „Sebald hat eine Wahnsinnssprache. Sie ist altanmutend und sehr, sehr österreichisch.“ Zwischen zwei ganz großen Autoren des Nachbarlandes siedelt sie denn auch den Allgäuer an: Joseph Roth und Thomas Bernhard. „Sebald ist ein hochenergetischer Schriftsteller“, sagt sie. Und so war klar, dass sie einen seiner Prosatexte unbedingt auf die Bühne ihres Kemptener Theaters bringen wollte. Ihre Wahl fiel auf „Die Ausgewanderten“, in dem es unter anderem um zwei Allgäuer Schicksale geht. Und die stehen bei der Uraufführung am Freitag, 13. März, im Mittelpunkt – wobei das ambitionierte Theaterprojekt lange auf des Messers Schneide stand.

Ein gutes Dreivierteljahr zogen sich nämlich die Verhandlungen mit dem englischen Verlag und seinem New Yorker Mutterhaus hin, die die Rechte an Sebalds Texten besitzen. Dabei ging es vor allem um hohe Tantiemenforderungen aus den USA, die das Kemptener Theater nicht erfüllen konnte. Außerdem war dem Verlag wichtig, dass bei einer Adaption die Person Sebald außen vor bleibt, also nicht als Figur auf der Bühne erscheint. Nach vielen, vielen E-Mails hatte sich Armbruster letztlich die Rechte für eine deutsche Aufführung der „Ausgewanderten“ gesichert.

In dem Buch schildert ein Ich-Erzähler die Schicksale von vier Männern: Dr. Henry Selwyn, Paul Bereyter, Ambros Adelwarth und Max Aurach. Alle vier sind Wanderer zwischen den Welten, pendeln und treiben zwischen Gegenwart und Vergangenheit, Glück und Leid.

Für die Regisseurin Silvia Armbruster (53) und ihren Mann, den Dramaturgen Wolfgang Seidenberg (57), war klar, dass sie sich auf die beiden Allgäuer in den „Ausgewanderten“ konzentrieren wollten. Beide Figuren haben zwar in der Biografie Sebalds ihre Wurzeln, doch gehen sie weit darüber hinaus. Da ist zum einen der Dorfschullehrer und „Dreiviertelarier“ Paul Bereyter aus S. Nachdem ihm die Nazis Berufsverbot erteilen, wandert er nach Frankreich aus. Nach dem Krieg kehrt er wieder in die Heimat zurück – und legte sich mit 74 Jahren vor den Zug. Der andere ist der Großonkel des Ich-Erzählers: Ambros Adelwarth aus W., der als erstes Familienmitglied in die USA auswandert. Dort wird er der Butler und Liebhaber eines Bankierssohns – und zerbricht letztlich am Chaos in der Welt und in seiner Seele. Für Sebald-Kenner sind die Herkunftsorte der beiden Männer klar: S. steht für Sonthofen, W. für Wertach. „Beide stammen aus einem fiktionalisierten Allgäu und verlieren beide ihre große Liebe“, sagt Silvia Armbruster, die bei der Inszenierung die Räume und Situationen vorgibt. Ihr Mann, der derzeit in Bern als Schauspieler auf der Bühne steht, konzentrierte sich auf den Text. Hinsichtlich der Dialoge ist Sebald „ein sehr untheatraler Autor“, sagt Seidenberg und verweist auf die komplexe mit Querverweisen und Fotografien angereicherten, verschachtelten Erzählungen. Theatral dagegen sei sein Zeitgefühl. „Die Erinnerung entfernt sich bei ihm nicht, sondern ist einfach da.“ Und so etwas könne man auf der Bühne ganz gut umsetzen.

Sehr aktuell sind für Silvia Armbruster die Geschichten der beiden Figuren Bereyter und Adelwarth. Denn es gehe auch ums Anderssein, Fremdsein und Fremdwerden. Beide wechseln die Welten, und etwas von dieser Erfahrung sollen auch die Zuschauer im Theater erleben.

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