Kunstausstellung in Irsee

Ein preisgekröntes Kunstwerk beleuchtet Verhältnis von Mensch und Natur

Die Natur so nah und doch so fern: Für ihr großformatiges Ölgemälde „Lichtblick“ erhielt Ulrike Hüppeler den Meckatzer-Kunstpreis 2022.

Die Natur so nah und doch so fern: Für ihr großformatiges Ölgemälde „Lichtblick“ erhielt Ulrike Hüppeler den Meckatzer-Kunstpreis 2022.

Bild: Harald Langer

Die Natur so nah und doch so fern: Für ihr großformatiges Ölgemälde „Lichtblick“ erhielt Ulrike Hüppeler den Meckatzer-Kunstpreis 2022.

Bild: Harald Langer

Die Pandemie hat das Verhältnis von Mensch und Natur in den Fokus gerückt. Bei der opulenten Kunstausstellung in Irsee wird es thematisiert – und preisgekrönt.
12.04.2022 | Stand: 17:30 Uhr

Die Natur und der moderne Mensch – das ist bei aller Outdoor-Begeisterung ein schwieriges Verhältnis. Schließlich war es ein „Naturprodukt“, das in den vergangenen beiden Jahren dafür gesorgt hat, dass das öffentliche und vor allem das kulturelle Leben monatelang blockiert war. Corona hatte auch die traditionelle Frühjahrs-Gemeinschaftsausstellung der Berufsverbände Bildender Künstler (BBK) in Bayerisch-Schwaben im Kloster Irsee zweimal verhindert. Entsprechend groß sei der Werke-Stau bei den regionalen Kunstschaffenden und die Zahl der Einreichungen für die nun 32. Auflage von „Schwäbische Künstler in Irsee“ gewesen, berichtet Karin Haslinger, Vorsitzende des BBK Allgäu/Schwaben-Süd.

Die Künstlerinnen und Künstler haben Hunderte von Werken eingereicht. 150 sind nun ausgestellt

Hunderte von Werken mussten sie, ihre BBK-Kollegen sowie die Mitarbeiter der Schwabenakademie Irsee für die Hauptausstellung sowie die angeschlossene Sonderausstellung zum Thema „Berge“ sichten. Rund 150 Exponate sind nun in den Sälen und Gängen der ehemaligen Benediktinerabtei zu sehen. Wider Erwarten hat das Virus aber nur wenige der ausgestellten Gemälde, grafischen Werke und Skulpturen (sowie vereinzelte Multimedia-Arbeiten) direkt beeinflusst. „Rühr-mich-nicht-an“, eine feine Bleistiftzeichnung eines Gummihandschuh-Arrangements, geschaffen von Christine Reiter (Augsburg), bildet eine der wenigen Ausnahmen. Radikale Brüche und Positionen sind eher die Ausnahme. Die lange Ausstellungspause hat offensichtlich eher für Selbstvergewisserung und Kontinuität gesorgt. Doch der durch die Pandemie verstärkt zutage getretene, aber letztlich doch uralte Dualismus zwischen ungezähmter Natur und menschlicher (Un-)Kultur ist in dieser Ausstellung omnipräsent. Das mag teilweise am Thema der Sonderausstellung liegen. Denn die Bergwelt, ihre Erhabenheit, aber auch ihre Erschließung und touristische Ausbeutung bis hin zum Alpenkitsch sind Themen, die sich für Kunstschaffende in der Region geradezu aufdrängen.

Fotos von Gesteinsschichten auf Leuchtkästen aufgezogen: Die Arbeit „Felsblöcke“ von Bernd Scheffer (Kaufbeuren).
Fotos von Gesteinsschichten auf Leuchtkästen aufgezogen: Die Arbeit „Felsblöcke“ von Bernd Scheffer (Kaufbeuren).
Bild: Harald Langer

Geradezu ikonisch verdichtet aber auch die 2021 entstandene Arbeit „Lichtblick“ von Ulrike Hüppeler (Ulm/Amtzell), die in er Hauptausstellung gezeigt wird, diesen Zwiespalt. Das altmeisterlich gearbeitete, großformatige Ölgemälde wurde bei der Vernissage mit dem mit 3000 Euro dotierten Meckatzer-Kunstpreis ausgezeichnet, den die Heimenkircher Brauerei heuer zum 25. Mal gesponsort hat. Hüppeler wurde 1961 in Köln geboren. Sie studierte Biologie mit Schwerpunkt Botanik – und dieses Wissen prägt auch ihre Kunst. „Lichtblick“ zeigt in einem technisch perfekt ausgeführten fotorealistischem Stil die Begegnung von Mensch und Natur. Dieses Zusammentreffen geschieht aber nicht unmittelbar. Vielmehr sieht man einen Jungen in einem architektonisch kühlen, funktionalen Raum, der durch eine große Glasfront in einen Wald blickt. Das schafft trotz der augenscheinlichen Nähe große Distanz zur Unordnung der Wildnis. Im Zentrum des Gemäldes bricht diffus Licht durch das Laub der Bäume – der namensgebende „Lichtblick“, der jedoch ambivalent ist. Der unmittelbare Blick ins Licht kann ebenso gemeint sein wie eine optimistische Perspektive, die in der Hinwendung zur Natur, zum Natürlichen liegt und der es sich zuzuwenden gilt.

Eine Wurzel droht, den Fußboden des "Glashauses" zu durchstoßen

Bei längerer Betrachtung fallen immer mehr Details der Darstellung auf: Tiere, botanische Besonderheiten und nicht zuletzt eine Wurzel, die kurz davor ist, den Fußboden des menschlichen „Glashauses“ zu durchstoßen. „Trotz seines formalen Realismus’ zeigt es uns keine naturwissenschaftlich greifbare Wirklichkeit, sondern regt uns eher an, Fragen nachzuspüren“, schreibt die Jury in ihrer Begründung. Es geht Hüppeler darum, die Position des Menschen in dieser Welt ästhetisch zu thematisieren und keine fertigen Antworten zu liefern. Damit komme die Preisträgerin der wichtigsten Aufgabe der (zeitgenössischen) Kunst nach – „und das in perfekter Technik“, lobte Haslinger, die heuer nach zwölf Jahren den Vorsitz des BBK Allgäu/Schwaben-Süd und damit auch den Jury-Vorsitz bei „Schwäbische Künstler in Irsee“ abgibt.

Die Ausstellung läuft noch bis Sonntag, 24. April, im Kloster Irsee bei Kaufbeuren. Öffnungszeiten: werktags von 14 bis 17 Uhr, an Wochenenden und Feiertagen 11 bis 17 Uhr.

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