Kleinwalsertal

Ein Tal im Stillstand

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Bild: Michael Munkler

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Ortstermin In der Vorarlberger Exklave Kleinwalsertal ist das öffentliche Leben gelähmt. Es gibt wieder Grenzkontrollen
02.10.2020 | Stand: 19:48 Uhr

Seit Montag müssen Autofahrer, die vom Kleinwalsertal ins Oberallgäu einreisen wollen, mit Grenzkontrollen der deutschen Bundespolizei rechnen. Nur deutsche Staatsbürger oder Österreicher mit einem triftigen Grund dürfen noch einreisen.

Gestern Morgen an der Walserschanze, auf der Grenze zwischen dem Walsertal und Oberstdorf: Wie angekündigt, beginnen die Bundespolizeibeamten den auf deutsches Staatsgebiet einreisenden Verkehr genau unter die Lupe zu nehmen – bis auf Weiteres Tag und Nacht. Berufspendler, die im zu Vorarlberg gehörenden Kleinwalsertal wohnen, aber in Deutschland arbeiten, dürfen die Grenze passieren.

Andere werden zurückgewiesen: Beispielsweise dann, wenn sie ins Oberallgäu oder nach Kempten zum Einkaufen fahren wollen. Das sind an diesem Vormittag innerhalb von dreienhalb Stunden immerhin um die 25. Ihnen wird die Einreise nach Deutschland verwehrt. Lebenswichtiges gebe es auch im Kleinwalsertal, ansonsten sollten bekanntlich alle Sozialkontakte auf das Notwendigste reduziert werden, erläutert ein Polizeibeamter den Sinn der Kontrollen.

Im Gegenzug sind im Tal übrigens die deutschen Ausflügler nicht gerne gesehen. „Im Rahmen der Ausgangsbeschränkungen macht eine Anreise ins Kleinwalsertal momentan keinen Sinn“, heißt es in einer Bürgerinformation der sonst so touristenfreundlichen Walser Gemeinden. Und weiter: „Auch sind jegliche Erholungsfahrten ins Kleinwalsertal – insbesondere auch zum Zweck von Skitouren und Schneeschuhwanderungen zu unterlassen.“ „Hoffentlich halten sich da alle dran“, sagt der Inhaber einer Skischule in Riezlern. Im Tal hätten alle Verständnis für diese harten Schritte, die alle treffen. Es gehe eben um die Gesundheit aller Menschen. Wichtig seien jetzt Wirtschaftshilfen auch für kleinere Betriebe, wie sie in Österreich bereits im Gespräch seien.

Harry Rößiger betreibt einen kleinen Imbiss am Eingang zur Breitachklamm. Die öffnet ohnehin erst am 1. Mai. Bis dahin hofft Rößiger auf eine Normalisierung. „Wenn nicht, wird es uns auch hart treffen“, sagt er.

Im Kleinwalsertal sind seit Montag alle Restaurants und Kneipen geschlossen, alle Geschäfte mit Ausnahme von Lebensmittelläden und Apotheken. Am Sonntag liefen noch die Bergbahnen und Skilifte. Es gab nochmals einen regelrechten Ansturm auf die Wintersportgebiete. Sogar Après-Ski wurde bei milden Temperaturen am Abend noch gefeiert. Dann war Schluss. Die Touristen reisten ab. Jetzt sind kaum noch Menschen auf den Straßen. „Das war wie eine Vollbremsung auf der Autobahn“, zieht eine Passantin auf der Straße einen Vergleich. Schräg gegenüber steht an einem Bekleidungsgeschäft die Türe offen. Eine Mitarbeiterin öffnet Pakete mit neuer Ware. Ob man hier noch einkaufen darf? „Nein“, sagt die freundliche Verkäuferin. Sie habe die Türe nur eben zum Lüften geöffnet. Für die harten Schritte zum Ausbremsen des öffentlichen Lebens zeigt sie Verständnis: „Es geht um uns alle, um unsere Gesundheit, auch um die Ihrer Familie“, sagt sie. „Wir wollen doch alle gesund bleiben.“

Ein Informationszettel an einem Hotel macht fast so etwas wie Hoffnung, dass vielleicht bald alles vorbei ist. Dass es wieder Leben im Tal gibt, dass alle Geschäfte wieder öffnen und Gäste kommen: „Unser Hotel ist bis 30. April in Betriebsruhe“, heißt es da und dann kommt der entscheidende Satz, der an diesen Tagen fast schon optimistisch klingt: „Wir sind ab 1. Mai wieder für Sie da.“ „Kein Mensch weiß, wie lange das dauert“, sagt ein Bundespolizist, der gerade den jungen Fahrer eines Kleintransporters kontrolliert. Der zeigt einen „Zustellauftrag“ vor und darf weiterfahren.

An der Kontrollstelle hat sich jetzt ein kleiner Stau gebildet. Ein älterer Autofahrer steigt aus seinem Auto aus und spricht die Bundespolizisten an. So etwas habe er noch nie erlebt – und er sei ja „wahrlich älter als Sie“, sagt er in freundlichem Ton. Ob er denn ein Foto von der Kontrollstelle machen dürfe, fragt der Mann. Das wolle er dann als Zeitdokument für seine Enkel aufheben. Der Fahrer eines Autos mit Vorarlberger Kennzeichen ist eigens zur Kontrollstelle gekommen, um sich bei den Beamten nach der Rechtslage zu informieren. Der im Kleinwalsertal lebende Mann will am Mittwoch zu einer Beerdigung ins württembergische Ludwigsburg. Das könne man wohl als Ausnahme gelten lassen, sagt ein Polizist. Der Mann zeigt sich erleichtert: „Vielen Dank“, sagt er.

Szenenwechsel, Rheintalautobahn: Auf der A 14 hat sich von Dornbirn-Süd bis zur deutsch-österreichischen Grenze hinter Bregenz ein kilometerlanger Stau gebildet. Auch die Nebenstraßen sind davon betroffen, heißt es bei der Vorarlberger Polizei. Vor unnötigen Fahrten nach Deutschland werde abgeraten. Solche Einkaufsfahrten dürften sich ohnehin ab morgen erledigt haben: Dann herrschen auch in Bayern österreichische Verhältnisse.