Kunstausstellung Kempten

Eine aufregende Reise durch die Allgäuer Kunst

Groteske Gestalten als Ausdruck von Gefühlen und Stimmungen: Mit diesen Keramikfiguren hat Anna Dorothea Klug-Faßlrinner den Kunstpreis der Stadt Kempten erhalten. Sie begrüßen die Besucher im Marstall, wo ein sehenswerter Querschnitt durch die Allgäuer Kunstszene zu sehen ist.

Groteske Gestalten als Ausdruck von Gefühlen und Stimmungen: Mit diesen Keramikfiguren hat Anna Dorothea Klug-Faßlrinner den Kunstpreis der Stadt Kempten erhalten. Sie begrüßen die Besucher im Marstall, wo ein sehenswerter Querschnitt durch die Allgäuer Kunstszene zu sehen ist.

Bild: Peter Hausner

Groteske Gestalten als Ausdruck von Gefühlen und Stimmungen: Mit diesen Keramikfiguren hat Anna Dorothea Klug-Faßlrinner den Kunstpreis der Stadt Kempten erhalten. Sie begrüßen die Besucher im Marstall, wo ein sehenswerter Querschnitt durch die Allgäuer Kunstszene zu sehen ist.

Bild: Peter Hausner

Die Festwoche fällt aus, die Ausstellung dazu findet aber statt, im Marstall (Alpin-Museum). Besucher dürfen sich auf viele Überraschungen freuen - und auch das Gegenteil davon.

08.08.2020 | Stand: 05:30 Uhr

Eine eigenartige Truppe begrüßt die Besucher der Ausstellung „Kunst aus dem Allgäu“. Vier grotesk wirkende Gestalten wachsen aus dem gepflasterten Boden. Sie bestehen aus Körpern und Köpfen, und die Hände haben sie schützend um sich geschlungen. Etwas blasiert, mit einer Spur von Neugierde, glotzen sie all jene an, die den großen Ausstellungsraum im Erdgeschoss des Kemptener Marstalls (Alpin-Museum) betreten. Fast könnten es Lebewesen von einem anderen Stern sein. Erschaffen hat sie die keramische Bildhauerin Anna Dorothea Klug-Faßlrinner. Vor einem Jahr erst zog sie mit ihrer Familie von Halle/Saale nach Haldenwang/Oberallgäu; sie ist deshalb völlig unbekannt in der Allgäuer Kunstszene. Das ändern sich nun: Die 35-Jährige hat mit dem kuriosen Keramik-Quartett den Kunstpreis der Stadt Kempten, dotiert mit 5000 Euro, erhalten. Eine faustdicke Überraschung.

Aber das ist bei weitem nicht das Einzige, was bei dieser Ausstellung verblüfft, die eigentlich im Rahmen der Allgäuer Festwoche stattfinden müsste, wäre diese nicht abgesagt. Es gibt im Marstall so viel mehr Neues, Unerwartetes zu sehen wie selten zuvor. Als ob das Coronavirus auch hier einiges verändert hätte. Wobei gleich angefügt werden muss: Das Virus und die Pandemie wird weder in einem der 58 Werke gespiegelt, die hier hängen und stehen, noch lassen sich einzelne Arbeiten irgendwie in einem Zusammenhang mit Corona interpretieren. Man wird in dieser sensationell stimmig gehängten Schau (Silvia Jung-Wiesenmayer, Marco Hompes) von Vielem in Staunen versetzt: von Werken in unüblichen Formaten und Größen, von neuen Künstlern, die im Allgäu leben oder hier geboren wurden, von neuen Werken altbekannter Künstler.

So wird diese wichtige Überblicksschau, die laut dem organisierenden Kemptener Kulturamt „Corona die Stirn bieten“ möchte, zu einer aufregenden Reise durch die zeitgenössische Allgäuer Kunst. Schauen wir uns einige Überraschungen genauer an.

Überraschung 1: Die Kunstpreisträgerin 

Anna Dorothea Klug-Faßlriner könnte eine gewichtige neue Stimme in der Allgäuer Kunstszene werden. Die Keramik-Gestalten, die sie seit Jahren in die Welt setzt, zeugen nicht nur von handwerklicher Könnerschaft. Sie sprechen auch eine ganz eigene Sprache. Es lohnt sich, mit ihnen in Kontakt zu treten. Sie haben einiges zu erzählen, denn ihre Körper, Augen, Ohren, Arme reden über das Anderssein, berichten von Gefühlen aus einer fremden Welt. Sie rühren zutiefst an – wie die Kemptener Jury zu recht bemerkte. „Ich suche Bilder für unbewusste Gefühle“, sagt Klug-Faßlrinner. „Es geht um Sehnsucht und Geborgenheit, um Unheimliches und Angst.“

Überraschung 2: Vielfalt und Progressivität 

Das Allgäu mag zwar landschaftlich Provinz sein, in künstlerischer Hinsicht ist sie das nicht. Es gibt hier eine vitale Szene, und das beweist die aktuelle Schau im Marstall mehr als oft zuvor. So viele Mixed-Media-Installationen gab es wohl selten, man schaue sich nur mal die Werke von Gisela Dobler (Lindenberg), Till Schilling (Altusried) Guido Weggenmann (Kempten) oder Florian Rautenberg (Legau) an. Wer klassische Gemälde oder stille Grafiken mag, muss diesmal suchen. Gleichwohl gibt es inspirierende Arbeiten wie jene von Andreas Vogler (Pfronten), Irmi Obermeyer (Durach) oder Carin Stoller. Ein Genre freilich fehlt wieder, das international ganz wichtig ist: Videokunst. Warum? Traut sich das niemand mehr einzureichen angesichts des Ausstellungsraumes? Oder beschäftigen sich Allgäuer lieber mit anderen Medien?

Überraschung 3: Außergewöhnliche Formate

Lioba Abrell (Aitrach) lässt geflammtes Eschenholz fünf Meter bis zur kreuzgewölbten Decke hochwachsen. Eine archaisch wirkende Arbeit, die mit den technischen Tüfteleien von Till Schilling in Dialog tritt: Gleich daneben hängt sein Spiegel, auf dem zwei kurze Sätze stehen: Einer („You want it darker“) blendet den Betrachter, daneben die Sentenz „We kill the flame“, die wie ein Brandzeichen wirkt und aus der Rauch aufsteigt. Der 45-jährige Altusrieder hat dafür das mit 2000 Euro dotierte Ausstellungsstipendium der Sparkasse Allgäu erhalten. Er hat eine weitere, höchst ungewöhnliche Arbeit in der Ausstellung hängen – wobei „hängen“ da eine besondere Bedeutung hat. Spielerisch ist auch die Installation eines weiteren Preisträgers: Florian Rautenberg (Jahrgang 1982) nennt sie „The Easter Beaster Mega Plan“. Der kleine Kosmos aus Holz und anderem Material wirkt auf den ersten Blick harmlos wie ein Kinderspielplatz, auf den zweiten Blick wird es zu einem weniger harmlosen Waffenarsenal. Rautenberg gibt Rätsel auf, und die Betrachter dürfen sich selbst ein Bild machen …

Überraschung 4: Neue Namen

Die Jury hat Werke von Künstlerinnen und Künstlern in die Ausstellung genommen, die einem bisher selten oder nie begegnet sind. Schon mal was von Vero Haas (Krugzell), Michael Berner (Kempten) oder Mareike Lemke (Amtzell) gehört? Die Liste ließe sich verlängern. Offenbar gibt es in unserer Region sehr viel mehr starke Kunstschaffende als man meint. Gut, dass die Jury sich offen zeigt für Neues. Das macht die Schau im Marstall bunter und spiegelt die kreative Vielfalt der Allgäuer Szene.

 Keine Überraschung dagegen ist, was auf Auszeichnungs-Platz zwei landete: Wie so oft wurden Gemälde mit dem Dachser-Gedenkpreis gewürdigt. Ihn erhielt Carin Stoller, in Lindenberg und München lebend, für zwei leise kleine Stillleben in Öl. Meisterlich schafft die 70-Jährige Stimmungen zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion. Ein Ruhepunkt inmitten einer aufregenden, überraschenden Ausstellung.

Öffnungszeiten und weitere Infos

  • Die Ausstellung im Marstall /Alpin-Museum) ist geöffnet von 8. bis 16. August täglich von 10 bis 18 Uhr, von 18. August bis 2. Oktober Dienstag bis Sonntag von 10 bis 16 Uhr. Der Eintritt ist frei.
  • Kostenlose öffentliche Führungen gibt es jeden Sonntag um 13 Uhr
  • Kurzführungen unter dem Motto „Kunst am Mittag“ werden an den Donnerstagen 13. und 27. August sowie 10. und 24. September um 12.15 Uhr angeboten (vier Euro inklusive Pausen-Snack)
  • Künstlerführungen sind an jedem zweiten Mittwoch um 15 Uhr geplant; Start ist am 12. August; am 9. September führt die diesjährige Trägerin des Kunstpreises der Stadt Kempten, Anna Dorothea Klug-Faßlrinner.
  • Für Führungen muss man sich vorher unter Angabe der Kontaktdaten anmelden (Telefon 0831/25 25 369; E-Mail museen@kempten.de) Außerdem können private Führungen mit maximal zwölf Personen gebucht werden.
  • Das Mitmachprogramm „Kunst unter der Lupe“ für Kinder ab 6 Jahren findet am 15. August und 12. September jeweils von 10 bis 12 Uhr statt (Anmeldung erforderlich)
  • Zur Ausstellung erscheint ein umfangreicher Katalog (8 Euro).
  • Besucher können über die Kunstwerke abstimmen. Verliehen wird der Publikumspreis (500 Euro) bei der Finissage am 2. Oktober, 18 Uhr.