Künstlerporträt

Ewig lockt das Unbekannte - auch mit 90 Jahren

Peter Zeiler

Auch mit 90 noch voller Schaffensdrang: Peter Zeiler in seinem eigenen Museum in Irsee.

Bild: Mathias Wild

Auch mit 90 noch voller Schaffensdrang: Peter Zeiler in seinem eigenen Museum in Irsee.

Bild: Mathias Wild

Der Maler, Bildhauer und Grafiker Peter Zeiler aus Irsee hat immer Neuland gesucht. Seine Werke legen die Gefühlswelt und das Seelenleben der Menschen offen.

31.07.2020 | Stand: 17:37 Uhr

Er lauscht. Der Mann hält die Hand an sein Ohr und horcht. Auf was? In der anderen Hand wiegt er ein kleines nacktes Wesen, schreiend wie ein Baby, das Hunger verspürt. „In sich hören“ hat Peter Zeiler diese Kaltnadelradierung betitelt. Sie scheint beispielhaft für den Ansatz dieses Künstlers zu stehen, tief in die Psyche des Menschen einzutauchen, Gefühle in intensive Bildsprache zu übertragen, egal wie schmerzlich die Auseinandersetzung auch ist.

Mitte März ist Peter Zeiler 90 Jahre geworden. Doch seinen hellwachen Augen und seinem ungebremsten Schaffensdrang merkt man das Alter nicht an. In seinem Wohnort Irsee war zum runden Geburtstag eine Ausstellung geplant. Doch die Corona-Pandemie vereitelte bisher deren Öffnung. Dagegen würdigt derzeit eine bemerkenswerte Ausstellung im Oberstdorfer Kunsthaus Villa Jauss den Künstler: Sie stellt Werken von Peter Zeiler Grafiken von Meistern des 20. Jahrhunderts gegenüber: Kollwitz, Picasso, Chagall, Dalí und vielen, vielen anderen. Darunter auch Heinrich Zille.

In der Ausstellung in der Villa Jauss in Oberstdorf zu sehen: die Terrakotta-Arbeit "Dunkle Liegende" von Peter Zeiler aus dem Jahr 2007.
In der Ausstellung in der Villa Jauss in Oberstdorf zu sehen: die Terrakotta-Arbeit "Dunkle Liegende" von Peter Zeiler aus dem Jahr 2007.
Bild: Günter Jansen

Der erinnert Peter Zeiler an seine Jugend. Nachdem seine Mutter sein zeichnerisches Talent entdeckt hatte, förderte es sein Pate weiter und schenkte ihm ein Buch mit Karikaturen von Heinrich Zille. Der Pate empfahl Peter Zeiler, nach der Natur zu malen. Es entstanden erstaunliche Bleistiftzeichnungen, etwa von ganz profanen Dingen – wie den Hüterstiefeln des Jugendlichen – oder Portraits – etwa das der Mutter.

Er fühlt sich immer noch oft als Anfänger

Peter Zeiler beurteilt solche Arbeiten heute sehr selbstkritisch. Als Kind oder Jugendlicher vermochte er nur Äußerlichkeiten wiederzugeben, keine Gefühle. Die Selbstkritik ist bis heute geblieben. Als er im Gespräch sein Leben passieren lässt und dabei auch die wichtigen Preise und Auszeichnungen streift, die er erhielt, relativiert Zeiler solche Erfolge und sagt: Er fühle sich oft immer noch als Anfänger. Ihn reize es, ins Unbekannte vorzudringen, Neuland zu betreten.

Solches Bestreben kennzeichnet auch seine künstlerische Entwicklung. 1930 im Dorf Heiligkreuz geboren und im benachbarten Kempten aufgewachsen, absolviert Peter Zeiler eine Lehre beim Kunstmaler Franz Weiß, arbeitet als Dekormaler in der Keramischen Werkstatt, unterstützt den Unternehmer und Bildhauer Karl Hoefelmayr bei der Gestaltung des „Dura-Michele“, einer Skulptur, für den Perlachturm in Augsburg, und arbeitet als Schaufensterdekorateur.

1950 schafft Peter Zeiler den Sprung an die Akademie der Bildenden Künste in München, studiert zunächst bei Professor Josef Oberberger Malerei, später bei Professor Josef Henselmann Bildhauerei, dessen Meisterschüler Peter Zeiler auch wird. Die Akademiezeit öffnet dem jungen Mann künstlerisch neue Perspektiven: Er erlernt das dreidimensionale Sehen, wie er erzählt.

Als junger Künstler landet er in einem Gefägnis in Ägypten

Eine gestiftete Reise 1951 nach Sizilien – als Ausgleich für gemalte Faschingsdekorationen – weckt in Peter Zeiler das Interesse an fremden Ländern und Kulturen. Er ist überwältigt von der landschaftlichen Schönheit, den antiken Bauten, der Einsamkeit auf der damals vom Tourismus noch kaum berührten Insel. Er zeichnet, was ihn fasziniert, denn er besitzt keinen Fotoapparat. Die folgenden Sommer wird er wieder reisen: nach Süditalien, nach Jugoslawien, nach Griechenland, nach Ägypten. Dort landet er im Gefängnis, weil er als einsamer Wanderer in der Wüste nahe eines Militärlagers für einen Spion gehalten wird. Dabei wollte er nur zeichnen.

Zurück in München findet Peter Zeiler Ende der 50er Jahre sein „Traumatelier“, hat mit anderen Kollegen eine erste Ausstellung in der Grafischen Sammlung, darf mit Oskar Kokoschka und anderen Künstlern die Bundesrepublik Deutschland bei einer Internationalen Ausstellung in Lugano vertreten und nimmt einen ersten Zeichenschüler an.

Dabei entdeckt Peter Zeiler sein pädagogisches Talent. Der Grundstein für sein späteres „Studio für Zeichnen, Malen und Modellieren“ in München ist gelegt. 1967 übernimmt er die Zeichenlehrerstelle an der Schnitzschule in Oberammergau. Sie beinhaltet auch die Ausbildung von Grund- und Realschullehrern. Ab 1976 führt er sein privates Studio in München wieder weiter. Von 1980 bis 1986 lehrt er zusätzlich Aktzeichnen an der Akademie der Bildenden Künste.

Gefühle überträgt er in Bilder 

Bereits Ende der 50er Jahre hatte sich Zeilers künstlerischer Stil verändert. Schicksalsschläge und deren Folgen führten dazu, dass er sich mit Psychoanalyse beschäftigte. Bilder, die er zunächst sich nicht öffentlich zu zeigen getraute, wiesen ihm einen neuen Weg: Gefühle in Bilder zu übertragen. Die Arbeiten lösen sich dabei immer mehr von der Natur hin zu einer immer freieren künstlerischen Ausgestaltung, die auch auf Urformen zurückgreift. Die Intensität der Darstellung wächst.

Peter Zeiler entdeckt Ende der 80er und Anfang der 2000er Jahre neue Techniken für sich, die er bis heute pflegt: die Kaltnadelradierung und die Keramik. Beide nutzt er, um Tiefen und Abgründe der menschlichen Psyche zu ergründen und zu veranschaulichen, aber auch um die schönen Seiten des Lebens Bild werden zu lassen: die Liebe und die Hoffnung, die Musik und den Tanz. Dabei ist er immer ein wacher und sensibler Beobachter des Zeitgeschehens. Denn Kunst soll für ihn nicht nur tiefgründig sein, sondern auch zur Weitsicht anregen. Dazu bedarf es freilich zunächst eines: Dass der Künstler zuerst einmal in sich selbst hineinhört. Vielleicht hört er dann das Kind in sich – sein eigenes Ich.

 Ausstellungen:

„Mit Blick auf den Menschen – Peter Zeiler und die Grafikstiftung Hugo J. Tauscher“, Kunsthaus Villa Jauss Oberstdorf (bis 13. September, donnerstags bis sonntags jeweils 15 bis 18 Uhr).

„Mensch und Musik – Peter Zeiler zum 90. Geburtstag“, Schwäbisches Bildungszentrum Irsee, voraussichtlich ab Oktober.

Museum Peter Zeiler, Irsee, Infos unter Telefon 08341/14747.