Bangen um die Allgäuer Landwirtschaft

Experten sind alarmiert: Im Allgäu gibt es immer weniger Bauernhöfe

Die Stimmung in der Landwirtschafts-Branche ist angeschlagen. Dass immer mehr Höfe schließen, ist Experten zufolge besorgniserregend.

Die Stimmung in der Landwirtschafts-Branche ist angeschlagen. Dass immer mehr Höfe schließen, ist Experten zufolge besorgniserregend.

Bild: Karl-Josef Hildenbrand/dpa (Symbolbild)

Die Stimmung in der Landwirtschafts-Branche ist angeschlagen. Dass immer mehr Höfe schließen, ist Experten zufolge besorgniserregend.

Bild: Karl-Josef Hildenbrand/dpa (Symbolbild)

Immer mehr Bauernhöfe im Allgäu müssen ihren Betrieb aufgeben. Hat die Allgäuer Landwirtschaft noch eine Zukunft? Experten finden alarmierende Worte.

03.08.2020 | Stand: 12:05 Uhr

Die Landwirtschaft gehört zum Allgäu wie das Braunvieh und die Berge. Doch aktuelle Zahlen geben Anlass zur Sorge: Im Unterallgäu beispielsweise nahm die Zahl der Betriebe mit Rindvieh-Haltung in 27 Jahren um 57 Prozent ab. Auch im Oberallgäu und Ostallgäu gibt es immer weniger Höfe. Das hat verschiedene Gründe, sagen Experten der Landwirtschaftsämter Oberallgäu, Ostallgäu und Unterallgäu, die sich trotz aller Zuversicht um die Allgäuer Betriebe sorgen. Genau wie Alfred Enderle, Bezirkspräsident Schwaben des Bayerischen Bauernverbandes - der aber auch Zukunftschancen für die Landwirtschaftsbetriebe im Allgäu sieht.

Wie viele Landwirtschaftsbetriebe gibt es derzeit im Ober- und Ostallgäu?

  • In den vier Allgäuer Landkreisen gibt es laut Alfred Enderle, der sich auf den bayerischen Agrarbericht (Stand 2019) beruft, 8.017 Landwirtschaftsbetriebe.
  • Das Landwirtschaftsamt Kaufbeuren meldet derzeit 2.505 Landwirtschaftsbetriebe für den Landkreis Ostallgäu sowie die Stadt Kaufbeuren.
  • Im Landkreis Oberallgäu mit Kempten gibt es nach Angaben des Landwirtschaftsamtes Kempten 2.493 Landwirtschaftsbetriebe (2.393 im Oberallgäu und 100 in Kempten).
  • Im Unterallgäu sind im Jahr 2020 insgesamt 2.217 Landwirtschaftsbetriebe gemeldet.

Im Landkreis Ostallgäu einschließlich der Stadt Kaufbeuren sank die Zahl der Landwirtschaftsbetriebe von 1990 bis 2020 um 1.499. Es gibt im Ostallgäu heute folglich 38 Prozent weniger Landwirtschaftsbetriebe als noch vor 30 Jahren. In den vergangenen zehn Jahren hat sich die Zahl von 2.832 Betrieben auf 2.505 reduziert.


Im Landkreis Oberallgäu einschließlich der Stadt Kempten gibt es heute 139 Landwirtschaftsbetriebe weniger als noch im Jahr 2014. Während es 2014 noch 2.632 Betriebe waren, sind es 2020 nun noch 2.493.

 

 

Das Landwirtschaftsamt Mindelheim berichtet, dass die Zahl der Landwirtschaftsbetriebe im Unterallgäu von 1993 bis heute um 42 Prozent abgenommen hat. Besonders betroffen vom Rückgang seien die Rindvieh-Betriebe im Unterallgäu: Diese sind zahlenmäßig seit 1993 um 57 Prozent zurückgegangen. 

 

Nur noch die Hälfte der Landwirtschaftsbetriebe im Allgäu hält Milchvieh

Enderle verweist explizit auf die kritische Situation der Milchbauern: Nur noch gut die Hälfte der Betriebe im Allgäu hält Enderle zufolge Milchvieh. „Diese Zahl ist auch mit Blick auf die gesamte Milchwirtschaft tatsächlich besorgniserregend.“

Auch im Oberallgäu würden laut Rainer Hoffmann vom Landwirtschaftsamt Kempten überdurchschnittlich viele Milchviehbetriebe geschlossen: Während es 2010 noch 1.796 Betriebe mit Milchviehhaltung gab, seien es 2020 nur noch 1.327 gewesen. In Kempten reduzierte sich die Zahl der Betriebe von 2010 mit 89 Betrieben auf 54 in 2020.

„Manche Betriebe gehen weg vom Milchvieh und zum Beispiel in die reine Mast oder Jungtier-Aufzucht“, so Enderle. Der Grund dafür sei, dass diese nicht so arbeitsintensiv sind. Daher gebe es auch immer mehr Nebenerwerbsbetriebe, die im bayerischen Durchschnitt mittlerweile bei fast 50 Prozent liegen. Die Betriebe, die die Landwirtschaft weiter haupterwerblich betreiben, müssten demnach wachsen, um den notwendigen Umsatz erzielen zu können.

 

"Hochwertige Lebensmittel werden verramscht": Bezirkspräsident befürchtet rapides Hofsterben im Allgäu

„Es ist davon auszugehen, dass auch künftig landwirtschaftliche Betriebe schließen werden“, schätzt Dr. Paul Dosch vom Landwirtschaftsamt Kaufbeuren die Lage ein.Vor allem die Frage nach einem Hofnachfolger mache vielen Betrieben zu schaffen.

Laut Enderle gibt es im Allgäu noch vergleichsweise viele junge Menschen, die den Beruf des Landwirts erlernen. Dennoch dürfe diese Rate nicht darüber hinwegtäuschen, dass viele Betriebe trotzdem keinen Hofübernehmer finden. „Von entscheidender Bedeutung wird sein, dass die politischen Sonntagsreden von der Unterstützung der bäuerlichen Landwirtschaft endlich in die Tat umgesetzt werden.“

Insbesondere bei den gesetzlichen Anforderungen müssten die Landwirte entlastet werden. „Dabei trägt auch der Einzelhandel eine entscheidende Rolle. Von dieser Seite werden ständig neue Forderungen gestellt, gleichzeitig werden hochwertige Lebensmittel regelrecht verramscht. Sollte hier der Druck auf die Tierhalter noch weiter erhöht werden, befürchte ich einen rapiden Anstieg der Betriebsaufgaben“, so Enderle.

Auch Rainer Hoffmann vom Landwirtschaftsamt Kempten sieht die gesetzlichen Auflagen dazu, wie beispielsweise Felder bewirtschaftet werden dürfen, als Grund dafür, dass immer mehr Betriebe aufgeben. Darüber hinaus würde es den Landwirten erschwert, in ihren Betrieb zu investieren: „Mittlerweile haben die Betriebskosten Ausmaße angenommen, die ich bisher noch nicht erlebt habe", so Hoffmann. Auch die Tatsache, dass man in anderen Berufen bei weniger Arbeitszeit mehr verdient und die derzeit schlechte Stimmung in der Landwirtschafts-Branche tragen zur kritischen Situation bei.

Rainer Nützel vom Landwirtschaftsamt Mindelheim teilt diese Einschätzung: "Die Bereitschaft in einem gesellschaftspolitisch immer schwieriger werdenden Umfeld weiterhin eine arbeitsintensive Milchviehhaltung zu betreiben, nimmt signifikant ab." Außerdem seien nicht mehr genügend Flächen für die Landwirtschaftsbetriebe verfügbar, weshalb es für viele nicht möglich ist, die Viehbestände weiter aufzustocken.

Dem Unterallgäuer Landrat Alex Eder bereitet das Höfesterben ebenfalls Sorgen. Er hat sich deshalb mit einem klaren Appell an Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber gewandt.

 

Die entscheidende Frage: Hat die Landwirtschaft im Allgäu noch eine Zukunft?

"Rein familiengeführte Betriebe kommen selbst mit umfangreichem Technikeinsatz zunehmend an ihre Grenzen", sagt Nützel. Denn die frei werdenden Flächen aufgebender Betriebe würden sofort von Betrieben aufgenommen, die weiter wachsen wollen. Dennoch ist sich der Behördenleiter sicher, dass das Unterallgäu auch in den nächsten 20 Jahren von Landwirtschaft geprägt sein wird. Allerdings würden "Spezialisierungen eine etwas größere Bedeutung erlangen."

Auch die Landwirtschaft im Ostallgäu steht Dosch zufolge vor großen Herausforderungen. Dazu zählen vor allem:

  • der Ressourcenschutz und der Klimawandel, der „rascher als gedacht neue Anbaustrategien und Haltungsverfahren“ fordert.
  • Auch die steigenden Kosten für eine immer anspruchsvollere Technik sowie 
  • die Schonung natürlicher Ressourcen und 
  • die weiter steigenden gesellschaftlichen Anforderungen an die Produktion bei gleichzeitig hohem Konkurrenz- und Preisdruck setzten den Landwirtschaftsbetriebe zu.

Für Rainer Hoffmann vom Landwirtschaftsamt Kempten ist eines klar: "Es wird immer Landwirtschaft im Oberallgäu geben." Dennoch nennt auch er einige Punkte, die die Zukunft der Landwirtschaft prägen werden:

  • Es wird mehr Nebenerwerbslandwirte geben, die auf mehreren Standbeinen stehen.
  • Innovative Anbaumethoden werden geschaffen.
  • Der Einzug der Digitalisierung in der Landwirtschaft erleichtert dem Landwirt das Datenmanagement und erleichtert durch Automatisierungen die Arbeit.
  • Der Zusammenhalt zwischen regionaler Landwirtschaft, Handel und Verbraucher wird immer wichtiger.
  • Es wird eine nachhaltige und naturnahe Landbewirtschaftung geben.

„Der Trend zu mehr Nachhaltigkeit kann für unsere Betriebe eine große Chance sein“, so Enderle. Dafür brauche es vor allem die Verbraucher an der Seite der Landwirte sowie die Politik. „Wenn uns das gelingt, sehe ich durchaus gute Chancen für unsere Land- und Ernährungswirtschaft in den kommenden Jahren.“