Ausstellung in Ottobeuren

Fotografin Barbara Klemm und ihr Blick für den besonderen Moment

1979 hat Barbara Klemm diese berühmt gewordene Szene fotografiert: Leonid Breschnew und Erich Honecker beim sozialistischen Bruderkuss.

1979 hat Barbara Klemm diese berühmt gewordene Szene fotografiert: Leonid Breschnew und Erich Honecker beim sozialistischen Bruderkuss.

Bild: Barbara Klemm

1979 hat Barbara Klemm diese berühmt gewordene Szene fotografiert: Leonid Breschnew und Erich Honecker beim sozialistischen Bruderkuss.

Bild: Barbara Klemm

Barbara Klemm fotografierte Mächtige und Machtlose. Nun sind ihre Arbeiten in Ottobeuren zu sehen. Sie zeigen eine dramaturgisch arbeitende Künstlerin.
14.04.2022 | Stand: 17:30 Uhr

Im Jahr 1979, anlässlich des 30. Jahrestages der DDR, begrüßten sich die Staatschefs Erich Honecker und Leonid Breschnew mit dem sozialistischen Bruderkuss. Nicht wie ihre männlichen Kollegen im berühmten Close-Up fotografierte Barbara Klemm für die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) die Szene, damals als einzige Frau. Sie hielt mit ihrer Kamera alle umstehenden Personen fest – und deren Reaktionen auf den Akt der Verbrüderung. Dieses Schwarzweiß-Bild der renommierten Fotografin und ehemaligen Bildjournalistin sowie weitere 100 Fotografien von ihr aus den Jahren 1967 bis 2019 zeigt das Museum für zeitgenössische Kunst Diether Kunerth in Ottobeuren in einer großen Retrospektive unter dem Motto „Schwarzweiß ist Farbe genug“. Parallel dazu sind Collagen älteren und neueren Datums von Diether Kunerth zu sehen.

Hinter jedem Bild von Barbara Klemm steckt eine Geschichte, die so spannend ist wie die Zeit in der sie entstanden ist.
Hinter jedem Bild von Barbara Klemm steckt eine Geschichte, die so spannend ist wie die Zeit in der sie entstanden ist.
Bild: Dunja Schütterle

Ohne die fotografischen Aufnahmen von Barbara Klemm (geboren 1939 in Münster) wäre die Geschichtsschreibung der Bundesrepublik Deutschland wohl ärmer, zumindest visuell. Ihre Schwarzweiß-Aufnahmen führen die Betrachter zurück in eine Zeit politischer und gesellschaftlicher Umbrüche. Barbara Klemm konservierte sie für spätere Generationen auf Negativfilmen. Die Protestbewegungen Anfang der 1970er Jahre, die Parteitage und Wahlveranstaltungen sowie die Wiedervereinigung sind in der neuen Ausstellung im Kunerth-Museum prägende Elemente.

Barbara Klemm hat Künstler wie Warhol oder Schriftstellerinnen wie Elfriede Jelinek porträtiert

Klemms geschultes Auge – sie hat das Handwerk der Fotografie von der Pike auf gelernt – umfasst aber wesentlich mehr. So sind auch Porträts zu sehen. Kultur-Größen wie die Maler Neo Rauch und Andy Warhol oder die Schriftsteller Peter Handke und Elfriede Jelinek zeigten der einfühlsamen Fotografin ihr Gesicht. Unter den Exponaten finden die Besucherinnen und Besucher auch Original-Seiten früherer FAZ-Artikel. Klemm möchte damit zeigen, wie bei der Berichterstattung Bild und Text eine Symbiose eingehen sollen. Ein Anspruch, der ihrer Ansicht nach in der heutigen journalistischen Arbeit nicht mehr soviel Gewicht hat wie vor dem Zeitalter der Digitalfotografie. Außerdem sei sie auf dem Weg der Schwarzweiß-Fotografie geblieben. Die Motive würden sich durch die kontrastreichen Grautöne intensivieren. Konsequenterweise gehört die Arbeit in der Dunkelkammer für die Künstlerin immer zur Schaffung eines Werks dazu.

Barbara Klemm ist eine Dramaturgin des Augenblicks, den sie in handwerklich präzisen Arbeiten und mit geschultem Blick festhält. Früh bereiste sie die einstigen Ostblockländer. Dort wollte sie genau hinsehen, um diese Welt zu erfassen und zu spiegeln. Das selbe macht Klemm bis heute: genau hinsehen und ihren Fokus und Sucher auf Details auszurichten, egal ob sie die Mächtigen oder die Machtlosen fotografiert. Sie selbst, sagt sie, nehme sich dabei immer zurück und lasse den Menschen vor der Kamera den Raum, den sie brauchen.

Ebenfalls im Museum für zeitgenössische Kunst in Ottobeuren zu sehen: Diether Kunerths  Collage "Über dem Bodensee 3".
Ebenfalls im Museum für zeitgenössische Kunst in Ottobeuren zu sehen: Diether Kunerths  Collage "Über dem Bodensee 3".
Bild: Dunja Schütterle

Bei Barbara Klemm steckt hinter jedem Bild eine besondere Geschichte, die auch Einblick in ihr bewegtes Leben gibt. In Fotografien hielt auch Diether Kunerth einst seine Land-Light-Paintings fest. Auf seinen Reisen nach Italien, Griechenland, Frankreich und Spanien bemalte der Ottobeurer Künstler zuerst bis zu fünf Meter lange Plastikbahnen, die er an Eisenstangen befestigte. Durch die Bemalung auf die transparente Leinwand entstand mit den Farbtönen aus der Umgebung ein temporäres Gesamtkunstwerk, das er anschließend mit dem Fotoapparat festhielt. Aus den Fotos schuf er später Collagen, die er wiederum bemalte, so dass facettenreiche und vielschichtige Arbeiten entstanden.

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Neben diesen Werken aus den 1980er Jahren sind auch aktuelle zu sehen. Das kreative Schaffen treibt den inzwischen 82-jährigen Künstler weiter um. Vorhandenes Bildmaterial setzt er in Collagen anders in Szene. So wird etwa ein ausgedienter Kunstdruck künstlerisch neu interpretiert.

Die Retrospektive mit den Fotografien von Barbara Klemm läuft bis 31. Juli, die Collagen von Diether Kunerth sind bis zum 27. November zu sehen (geöffnet Dienstag bis Freitag von 11 bis 16 Uhr, Samstag, Sonntag und Feiertage von 12 bis 17 Uhr).