Ängste nehmen im Lockdown zu

"Durchhänger sind in Ordnung und wichtig" - Tipps gegen Pandemie-Müdigkeit

"Lockdown Madness" (Lockdown-Wahnsinn) steht in Berlin-Schöneberg an einer Hauswand. Der "Lockdown-Wahnsinn" fordert viele Menschen und macht müde. Was sich dagegen unternehmen lässt.

"Lockdown Madness" (Lockdown-Wahnsinn) steht in Berlin-Schöneberg an einer Hauswand. Der "Lockdown-Wahnsinn" fordert viele Menschen und macht müde. Was sich dagegen unternehmen lässt.

Bild: Christoph Soeder, dpa (Symbolbild)

"Lockdown Madness" (Lockdown-Wahnsinn) steht in Berlin-Schöneberg an einer Hauswand. Der "Lockdown-Wahnsinn" fordert viele Menschen und macht müde. Was sich dagegen unternehmen lässt.

Bild: Christoph Soeder, dpa (Symbolbild)

Nach Monaten im Lockdown ist mittlerweile die Luft raus. Viele Menschen sind angespannt, gereizt, müde. Tipps dagegen gibt ein Mentalcoach aus Hopfen am See.
28.03.2021 | Stand: 05:25 Uhr

Sind wir ganz ehrlich: Nach monatelangem Lockdown, Homeoffice, Einschränkungen der sozialen Kontakte und des gesellschaftlichen Lebens sind viele Menschen müde. Die Luft ist raus. Und jetzt wurde der Lockdown auch noch bis zum 18. April verlängert und verschärft. Wie geht man mit der Situation am besten um? Und warum sind viele Menschen pandemie-müde?

Sascha Maurer aus Hopfen am See ist Mentalcoach, ausgebildeter Diplom-Psychologe und Diplom-Betriebswirt. Er berät seine Kunden vor allen Dingen in der Neuausrichtung von Leben, Beruf und Persönlichkeit. Zu ihm kommen auf der einen Seite Menschen, die sich grundsätzlich neu ausrichten wollen. Viele von ihnen befinden sich in einem tiefergreifenden Umbruch wie nach einer Scheidung oder nach einer Kündigung und wollen für sich und ihr Leben etwas Neues finden, sagt Maurer.

Ängste und hohes Maß an Stressbelastung im Lockdown

Gerade seit Beginn der Corona-Pandemie habe er auch viele Kunden, die Ängste plagen oder einem hohen Maß an Stressbelastung ausgesetzt sind. Einige seiner Kunden kommen auch wegen Schlafproblemen. Das kann verschiedene Gründe haben. Den einen fällt es schwer, einzuschlafen, die anderen haben Probleme beim Durchschlafen, wachen zu früh auf oder haben einen gestörten Schlaf-Wach-Rhythmus. Das sei im Übrigen auch während des Lockdowns typisch, "weil man weniger aktiv und selbstbestimmt ist", sagt Sascha Maurer. Auch er ist pandemie-müde, muss er zugeben. "Der Lockdown ist eine sehr lange, anspruchsvolle Zeit, in der ich mich fremdbestimmt und willentlich anpassen muss". Das erfordere von vielen Menschen großes Durchhaltevermögen.

"Müdigkeit tritt dann auf, wenn die psychische und physische Leistungsfähigkeit erschöpft ist", sagt Maurer. Wer den ganzen Tag im Homeoffice am Schreibtisch sitzt, wird vor allem mental beansprucht und ausgelastet. Der Lockdown kann als Angstauslöser und Stressfaktor die Psyche zusätzlich belasten. Um abends einschlafen zu können, braucht es neben der mentalen Auslastung auch ein gewisses Maß an körperlicher Aktivität. Gibt es ein Ungleichgewicht oder eine zu geringe Belastung, kann es zu Schlafproblemen kommen.

Sascha Maurer, Mentalcoach aus Hopfen am See, gibt Tipps im Umgang mit Erschöpfung während des Lockdowns.
Sascha Maurer, Mentalcoach aus Hopfen am See, gibt Tipps im Umgang mit Erschöpfung während des Lockdowns.
Bild: Sascha Maurer/Susanne Baade

Vielen Menschen fehle auch die Selbstwirksamkeitserfahrung, sagt der Mentalcoach. Das liegt zum Beispiel daran, dass die Fortschritte oder die Ergebnisse der Anstrengung, sich an die Corona-Regeln zu halten, nicht unmittelbar sichtbar sind. Das führt nicht nur dazu, dass die Menschen erschöpft sind, sondern auch dazu, dass die "Selbstkontrolle und Anpassungsbereitschaft im zweiten Lockdown sinken", sagt Sascha Maurer.

Pandemie-Müdigkeit ist "normal und natürlich"

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Die Erschöpfung, die im Lockdown auftritt, sei "normal und natürlich". Sie ist aber auch ein "Luxusproblem", betont Maurer. Man dürfe nicht vergessen, dass es Menschen gibt wie das Gesundheitspersonal, die seit Monaten auf Volllast fahren. Andererseits erinnert er auch an die Menschen, die existenzielle Sorgen plagen.

Es sei auch in Ordnung, einmal nicht die volle Leistung zu bringen, betont Maurer. "Wenn ich immer auf das Gaspedal trete, brauche ich mich nicht zu wundern, wenn ich erschöpft bin." Jeder sollte sich selbst erlauben, auch einmal auf das Bremspedal zu treten und sich dem Genuss hinzugeben. "Erschöpfung ist die Folge von Übertreibung. Deswegen sollte ich meine Grenzen erkennen und Pausen pflegen", so der Mentalcoach. Durchhänger seien daher in Ordnung und wichtig - solange sie nicht zulasten von einem selbst oder Dritten gehen.

Tipps gegen die Pandemie-Müdigkeit

Sascha Maurer vergleicht momentane Durchhänger mit einer Brücke zu einem anderen Ufer. Das andere Ufer ist eine Metapher für die Zeit nach der Pandemie. "Das Leben nach der Pandemie wird nicht wieder so sein wie am alten Ufer. Deshalb muss ich mir überlegen: Was lasse ich zurück am alten Ufer?", sagt Maurer. Der Lockdown biete eine Möglichkeit, sich neu zu orientieren und sein Leben neu auszurichten. Um die Reise zum neuen Ufer durchzustehen, hat Maurer folgende Tipps:

  1. Akzeptanz: Ein erster wichtiger Schritt ist laut Maurer, die Situation so zu akzeptieren, wie sie ist: "Es gibt nun einmal Phasen im Leben, die sind weniger planbar und steuerbar als andere. Und das muss man akzeptieren." Eine Pandemie und der jetzige Lockdown, in dem die Menschen zeitweise fremdbestimmt leben, zählen auch dazu.
  2. Handlungsmöglichkeiten entwickeln: Ist erst einmal die Situation akzeptiert, kann man sie analysieren und Handlungsmöglichkeiten entwickeln, die dabei helfen, etwas zu ändern. Folgende Fragen können laut Sascha Maurer dabei helfen: "Welchen Beitrag kann ich leisten, dass sich etwas ändert? Mit welchem Verhalten kann ich zur Änderung beitragen?"
  3. Ziel fokussieren: Um Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln, ist es hilfreich, das große Ziel zu fokussieren. Das ist, "die Pandemie und das Virus zu besiegen", sagt Sascha Maurer. Wer das Ziel vor Augen hat, dem hilft es auch zu verstehen, warum er sich gerade in dieser Situation befindet und Verzicht üben muss.
  4. Kommunikation: Außerdem ist es auch in Zeiten von Kontaktbeschränkungen wichtig, die sozialen Kontakte aufrecht zu erhalten. Ein aufbauendes Gespräch mit Menschen, denen es ähnlich geht, kann motivieren. (Lesen Sie auch: 7 Tipps für Familien: So kommt man gut durch die anstrengende Corona-Zeit)
  5. Eigene Bedürfnisse befriedigen: Zudem sollte man stets auf seine eigenen Bedürfnisse hören und sich überlegen: "Was kann ich mir selbst Gutes tun?", sagt Maurer. Sich selbst zu belohnen, kann Wunder bewirken. Und dabei muss es nichts Großes sein. Es kann auch "nur das bewusste Trinken eines Kaffees in der Sonne auf dem eigenen Balkon sein", so Maurer.
  6. Zeit für Veränderung nutzen: Es lässt sich dem Lockdown auch etwas Gutes abgewöhnen, sagt Maurer. Zum Beispiel könne man die neue gewonnene Zeit nutzen, um an sich zu wachsen. Indem man sich selbst und sein Leben neu bewertet, es umbewertet, um das Leben dann schließlich neu auszurichten und sich selbst zu verändern. Vielleicht nutzt jemand die Zeit, um ganz bewusst seine eigenen Einstellungen zu ändern, um sich bewusster zu ernähren, häufiger spazieren zu gehen, in einen Sport-Rhythmus zu finden oder neue Dinge wie Yoga oder Mediation auszuprobieren. Indem man "aktiv und selbstbestimmt im eigenen Rahmen etwas ändert" könne man dem Gefühl der Fremdbestimmtheit im Lockdown etwas entgegensetzen, so Maurer.
  7. Pläne machen: Um positiv und gestärkt durch die Pandemie zu gehen, helfe es laut dem Mentalcoach auch, eigene Perspektiven zu entwickeln. Indem man sich "einen Ankerpunkt schafft, auf den man hinarbeitet" und Vorfreude auf eine Zeit nach dem Lockdown schafft. Das kann zum Beispiel die Planung eines Urlaubs sein.
  8. Selbstinstruktion: Zuletzt kann die Formulierung und Wiederholung einer Selbstinstruktion oder sogenannten Affirmation helfen. Als Beispiel hierfür nennt Sascha Maurer: "Tag für Tag lerne ich besser und besser mit meinem Leben umzugehen. Ich werde stärker und gelassener im Umgang mit der aktuellen Situation."