Kunst

Auf Stippvisite in einer bunten Welt

Jürgen Klatt 2021

Irmi Klatt im Atelier ihres verstorbenen Mannes mit einer seiner zahlreichen Arbeiten, die dort noch liegen.

Bild: Johanna Lang

Irmi Klatt im Atelier ihres verstorbenen Mannes mit einer seiner zahlreichen Arbeiten, die dort noch liegen.

Bild: Johanna Lang

Vor zwei Jahren ist der Füssener Künstler Jürgen Klatt gestorben. Sein Atelier sieht aus, als hätte er es gerade erst verlassen.
02.09.2021 | Stand: 11:55 Uhr

Als habe er es soeben verlassen, sein Atelier, in dem er seine meisten Werke anfertigte oder vorbereitete. Dabei ist der Füssener Künstler Jürgen Klatt vor zwei Jahren verstorben – einen Tag vor seinem 77. Geburtstag.

Seine Frau Irmi und die Töchter Sabine und Simone werden jeden Tag allein schon durch seine Werke an ihn erinnert – Bilder und Skulpturen, die überall im Haus und im Garten in allen Größen und Farben zu sehen sind. Manche versteckt, die meisten aber unübersehbar im Treppenhaus, an allen Zimmerwänden, an Fenstern und in Ecken. Deutlich ist zu erkennen, wenn ein fremder Künstler im Haus „aufgehängt“ ist, denn Klatt, der eigentlich Finanzbeamter war, unterstützte gerne junge und andere Künstler, indem er deren Bilder kaufte. Seine Bilder und Werke sind aber unverkennbar: abstrakt, heftig bunt und voller Lebens- und Experimentierfreude.

Auch dunklere Bilder

Er konnte aber auch ganz anders. So finden sich hinter der Tür in seinem Atelier viele Bilder, die keinen Platz mehr an den Wänden im Haus gefunden haben, darunter dunkle Bilder. Schwarz, ins Blaue übergehend, fein säuberlich die Acrylfarbe aufgetragen, so dass kaum Pinselstriche oder Spachtelspuren zu sehen sind. Dennoch: Auch diese Bilder zeigen keine düsteren Szenen, eigentlich wirken sie eher gediegen, ruhig und aufgeräumt.

Was bei näherem Betrachten auffällt: Er malte oft Menschen, nicht immer Akte. Bestechend an diesen ist das nicht Plakative. Seine Akte sind eher versteckt, schemenhaft, die Intimsphäre wahrend. Einige sogar in Aquarell, eine erstaunliche Zartheit zeigend.

Was ist Diesseits, was Jenseits?

Es gibt im Wohnzimmer hängend zwei Bilder mit fast dem gleichen abstrakten Motiv, aber das eine leuchtend gelb, braun ins Schwarze übergehend, das andere schwarzbraun und rot. Er nannte sie „Diesseits“ und „Jenseits“ erklärt seine Irmi achselzuckend, denn sie weiß nicht mehr welches welches ist.

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Aber auch Gegenständliches, ja Handwerkliches hat er kreiert. So der Esstisch mit seiner großen Glasplatte, unter der er Holzäste in Acryl eingelassen hat. Auf dem Tisch steht ein großer Teller, den er in der ihm so typischen Art bemalt hat. Auch den Tisch auf der Terrasse hat er umgestaltet. Auf einen handelsüblichen Eisentisch legte er schwarze Schieferplatten, sehr grafisch angeordnet, mit weißem Mosaiken. Über dem Tisch hängen zwei Bilder, die er nicht gemalt hat, vielmehr ordnete er verkohlte Äste plastisch an, das eine unter alten Matratzenfedern. Flankiert werden die beiden Bilder in der Mitte der Wand von zwei Fenstern an den Außenseiten, denen er ebenfalls Plastiken angebracht hatte – und das ganz ohne Rot.

Am beeindruckendsten ist die Bearbeitung des Schuppens gleich rechts daneben: Bunt, ja fast wild sind mehrere Holzbretter, zerteilte Ruder und ein gekalkter „Totem“ aus Fundholz aus dem Forggensee eingelassen und aufgestellt, darüber hängen unzählige Vogelhäuser, die meisten Natur belassen. Dem gegenüber auf der linken Seite steht an der Verlängerung der Garage ein monumentales Buntwerk mit alter Heugabel, einem alten Bügeleisen sowie mehreren Schneidewerkzeugen – genial!

Scherben in der Lieblingsfarbe

Nicht nur Holz nutzte der aus einem Schreinerhaushalt stammende Autodidakt, auch Glas hatte es ihm offensichtlich angetan. Vor der Wohnung ist ein etwa 80 mal 80 Zentimeter großes Bild ausgestellt, dem er Scherben einer Windschutzscheibe angeheftet hat, die er mit einer seiner Lieblingsfarben, Rot, buchstäblich behandelt hat.

Nichts schien vor dem Künstler „sicher“ zu sein. Alles konnte er verwenden: Plastikgäbelchen, Strohhalme, Glasscherben, alte Gabeln, alte Säcke, Gummibärchen, ja sogar hunderte Fetzen von Plakatwänden. Und immer kam dabei ein künstlerisches Wunderwerk zustande.