Bayerischer Denkmalpflegepreis

Wie ein altes Bauernhaus in Nesselwang fünf Meter verschoben und so gerettet wurde

Mustergültig saniert: das alte Bauernhaus Voglen in Nesselwang.

Mustergültig saniert: das alte Bauernhaus Voglen in Nesselwang.

Bild: Markus Röck

Mustergültig saniert: das alte Bauernhaus Voglen in Nesselwang.

Bild: Markus Röck

Um das Gebäude von 1670 im Nesselwanger Weiler Voglen zu erhalten, wurde es fünf Meter in Richtung Süden verschoben. Lohn ist der Bayerische Denkmalpflegepreis.
23.09.2022 | Stand: 17:57 Uhr

Wenn der Ulmer Arzt Hans Treiber von seinem Allgäuer Domizil erzählt, klingt das wie eine Liebesgeschichte. Von der ersten ahnungsvollen Begegnung über jahrelange Bemühungen ohne Rücksicht auf Aufwand und Kosten bis zum Happy End mit strahlendem Liebhaber und in Liebe verjüngtem Objekt seiner Träume, das auch noch einen Schönheitspreis gewinnt: den Bayerischen Denkmalpflegepreis in Gold.

Altes Bauernhaus in Nesselwang jahrelang leer gestanden

1670 erbaut, hatte das Wohnstallhaus im Nesselwanger Weiler Voglen schon etliche Lenze auf Buckel. Jahrelang war es leergestanden, als Treiber und seine Frau Gesa Wunder es im März 2014 kauften. Und das sah man ihm deutlich an. Schlimmer noch: Den neuen Eigentümern blieb nicht viel Zeit, um mit der Sanierung zu beginnen: dem Haus drohte der Zerfall. Viele Jahrzehnte war es in seiner Hanglage Feuchtigkeit ausgesetzt. „Der ganze Keller war eine Quelle“, sagt Architekt Martin Hofmann aus Irsee, der sich auf die Bitte der Eigentümer hin des Gebäudes annahm, das zudem in einem Quellmoor steht.

Die Lösung: Das Haus wanderte in Richtung Süden, weg vom Hang und der Straße, die direkt daran vorbeiführte. Dazu wurde der Keller erweitert und das Haus darauf geschoben. Der Ständer-Bohlen-Bau wurde am Flaschenzug 20 Zentimeter angehoben, zwei Metallschienen darunter geschoben mit Gleitfett dazwischen. Sechs hydraulische Pressen drückten auf die sechs tragenden Achsen und bewegten das Haus so zwei Tage lang Millimeter für Millimeter genau 4,67 Meter weit in Richtung Süden, wie Architekt Hofmann erzählt. Zu 99 Prozent sei diese Aktion gelungen, um drei Grad wurde das Gebäude dabei leicht gedreht. (Lesen Sie auch: Allgäuer war 47 Sommer auf der Alpe: Was macht er jetzt?)

"Außergewöhnliche Ingenieurleistung": Bayerischer Denkmalpflegepreis für Haus in Nesselwang

Von einer außergewöhnlichen Ingenieurleistung spricht die Bayerische Ingenieurekammer-Bau, die den Preis gemeinsam mit dem Landesamt für Denkmalpflege vergibt. Die aufwendige Translozierung nennt sie die denkmalverträglichste und nachhaltigste Lösung.

Und die Verschiebung war nicht die einzige Hürde bei der Sanierung des alten Bauernhauses: Die Holzkonstruktion war vom Hausbock befallen. Eine Erhitzung auf 80 Grad machte dem Insekt den Garaus. Neben einem vernünftigen Fundament war auch eine Dämmung nötig, um das Gebäude aktuellen Anforderungen anzupassen. Da in einem Bereich neue Holzschindeln aufgebracht wurden, konnte die Dämmung unter die Schindeln gebracht werden. In anderen Bereichen wurde eine Innendämmung eingebaut. Die Doppelfenster wie die alten Holztüren restaurierte die Schreinerei Hoffmann in Oy-Mittelberg.

Bauherren wollten möglichst viel Ursprüngliches erhalten

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Neben dem, was noch vom ursprünglichen Bau vorhanden ist, prägte auch ein großer Umbau zwischen 1850 und 1860 im neugotischen Stil das historische Gebäude. Auch in späteren Jahren gab es Eingriffe. Man habe von Anfang an geplant, so viel wie möglich vom ursprünglichen Gebäude zu erhalten und auch spätere Ergänzungen sichtbar zu lassen, sagt Eigentümer Treiber. Das ging bis hin zu alten Küchenfliesen und Tapeten.

Gleichzeitig waren ihm bei der Sanierung, die bis Ende 2020 dauerte, die Ökologie und die Einhaltung von Feng-Shui-Kriterien wichtig. So sorgt eine Wärmepumpe für Behaglichkeit; eine Fotovoltaik-Anlage auf dem Scheunendach liefert Strom.

Auch wenn er angesichts der enormen Sanierungskosten das 300 Quadratmeter große Haus an Gäste vermietet – ein besonders prominenter war in diesem Sommer bereits zum zweiten Mal da –, hat sich für Treiber, seine Frau und die beiden Söhne doch der Traum von einem Rückzugsort für die Familien verwirklich. Schließlich liegt das alte Haus auch noch sehr schön mit Bergblick. Dabei ist der Lieblingsplatz der Eigentümer die Stube mit dem restaurierten schwarzen Kachelofen aus dem 19. Jahrhundert. Für die Inneneinrichtung hatte Gesa Wunder schon länger Passendes gesammelt.

"Alles, was man sich wünschen kann"

So ist nun die ganze Familie glücklich. „Wir haben hier alles, was man sich wünschen kann, und freuen uns immer, wenn wir hier sein können“, sagt Treiber, der vergangenes Jahr seinen 60. Geburtstag im neuen Domizil feierte. So klingt wahre Liebe. Eine eigene Homepage hat das historische Haus übrigens auch: voglen2.de