Schuldnerberatung im Ostallgäu

Schuldnerberatung im Ostallgäu: Rollt eine Schuldenwelle auf das Ostallgäu zu?

Schulden! Was tun?

Verschuldung kann alle treffen. Trotz Corona bleiben die Anfragen bei der Beratung im Ostallgäu aber konstant. Ein Problem ist aber: viele gehen erst zu spät zur Schudnerberatung.

Bild: Matthias Becker (Symbolbild)

Verschuldung kann alle treffen. Trotz Corona bleiben die Anfragen bei der Beratung im Ostallgäu aber konstant. Ein Problem ist aber: viele gehen erst zu spät zur Schudnerberatung.

Bild: Matthias Becker (Symbolbild)

Die Corona-Krise verstärkt vielerorts die Verschuldung. Im Ostallgäu bleiben die Anfragen bei der Schuldnerberatung auf dem hohen Niveau der Vorjahre.

22.01.2022 | Stand: 18:12 Uhr

Das Ostallgäu fällt aus dem Rahmen – jedenfalls wenn es um die Verschuldung seiner Bewohner geht. Während in vielen Regionen Deutschlands die Nachfrage bei Schuldnerberatungsstellen coronabedingt steigt, wartet man im Ostallgäu auf den großen Ansturm.

„Wir sind etwas verwundert, dass es bei uns noch nicht so ist“, sagt Christian Meier, der für die Herzogsägmühle die Abteilung regionale Angebote Ostallgäu leitet, zu denen die Schuldner- und Insolvenzberatung gehört.

Privatinsolvenz im Allgäu: Anzahl der Anfragen bei Schuldnerberatung konstant

Die Anfragen bewegten sich zwar mit jährlich 300 bis 400 Ratsuchenden seit längerem auf einem eher hohen Niveau, eine coronabedingte Steigerung aber gibt es bisher nur bei Solo-Selbstständigen.

Von Meiers Kollegen aus dem Landkreis Weilheim-Schongau kam erst vor kurzem der dringende Ruf nach einer personellen Aufstockung der Schuldnerberatungsstelle. Die privaten Verschuldungen stiegen dort bedingt durch die Coronapandemie so stark an, dass die Hilfesuchenden mittlerweile Wartezeiten von bis zu drei Monaten hätten. Da kann es, wenn ohnehin kein Geld da ist, schnell am Nötigsten wie Lebensmitteln fehlen. (Lesen Sie auch: Höhere Müllpreise im Ostallgäu: Warum ist der Restmüll nun so teuer?)

Seit Pandemie-Beginn: Deutlicher Anstieg der Anfragen bei Beratungsstellen

Eine Umfrage ergab laut einer Pressemitteilung der Caritas Deutschland für das erste Halbjahr 2021, dass zwei Drittel der gemeinnützigen Schuldnerberatungsstellen einen deutlichen Anstieg der Anfragen verzeichneten – verglichen mit vor der Pandemie. Das sei alarmierend.

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Zu Beginn der Pandemie hätten viele Menschen Einkommens- oder Jobverluste noch mit Rücklagen und privat geliehenem Geld kompensieren können. Inzwischen aber seien etliche überschuldet. Dazu kommen die stetig steigenden Miet- und Energiepreise.

Insolvenz anders geregelt: Gesetzesänderung könnte eine Rolle spielen

Eine Rolle bei dem Ansturm könnte außerdem eine Änderung in der Insolvenzordnung spielen. Danach durchlaufen Verbraucher, die ab dem 1. Oktober 2020 Privatinsolvenz beantragen, nur noch ein drei-, statt ein sechsjähriges Verfahren bis zu einer Restschuldbefreiung, die sie von sämtlichen Schulden befreit, die vor dem Insolvenzverfahren bestanden. Darauf dürften manche gewartet haben. Deren Anfragen kamen dann geballt und mussten erst nach und nach abgearbeitet werden. (Lesen Sie auch: Heizkosten für Öl und Gas deutlich gestiegen)

Arbeitsmarkt im Allgäu: Bereitet sich die Stelle im Ostallgäu auf einen Ansturm vor?

Warum aber nun trotz all dieser Gründe die Anfragen bei der Schuldnerberatungsstelle Ostallgäu konstant bleiben? Darauf hat Meier keine Antwort. „Wir haben eigentlich gedacht, dass es sich gerade hier, wo viele in der Gastronomie arbeiten und Kurzarbeit haben, bemerkbar macht“, sagt er. Doch das blieb bisher aus. Vielleicht spielt der allgemein relativ gute Arbeitsmarkt in der Region eine Rolle. Vielleicht auch, dass der Weg zur Schuldnerberatung noch immer schambehaftet ist. „Die meisten rufen erst an, wenn sie gar keinen Ausweg mehr sehen oder akut etwas bevorsteht, wie eine Kontopfändung“, berichtet Meier. Vorher neigen viele dazu, ihre Situation aus Überforderung zu verdrängen oder hoffen darauf, dass sich alles löst, wenn sie wieder Arbeit finden. Dabei wäre es besser, sie würden früher kommen. Dann sei es oft leichter, zu helfen.

Was tun bei Schulden? Schuldnerberatungsstellen können diese Frage beantworten.
Was tun bei Schulden? Schuldnerberatungsstellen können diese Frage beantworten.
Bild: Jochen Lübke, dpa (Symbolbild)

Manche haben nur vier Gläubiger, andere 80

Ob er sich irgendwie vorbereitet, falls der Ansturm doch noch kommt? Das sei schwierig. Schon deshalb, weil die Hilfesuchenden so unterschiedlich seien. Während die Einen mit Ordnern voll sortierter Unterlagen und einem Überblick über ihre Schulden kommen, bringen andere buchstäblich das Chaos mit – im Kopf in Form von Überforderung, in der Hand mit einem unübersichtlichen Stapel Papieren.

Wieder andere seien etwa durch Suchterkrankungen oder prekäre Lebensverhältnisse mehrfach belastet. „Es gibt Fälle, die haben nur drei, vier Gläubiger, andere 70 oder 80“, berichtet Meier.

Schuldenberatung Ostallgäu: Wartezeit aktuell bei vier Wochen

Die Arbeit sei insgesamt oft zeitaufwendig. Aber momentan kommt die Ostallgäuer Beratungsstelle mit zwei Beratern in Vollzeit und einer Halbtagesstelle im Sekretariat ganz gut zurecht. Die Wartezeit für die Hilfesuchenden beträgt aktuell etwa vier Wochen, stehen existenzbedrohende Dinge an, auch weniger. „Wir bemühen uns schnell zu helfen, wenn jemand den Schritt zu uns wagt“, sagt Meier. Die Menschen bräuchten in einer belastenden Situation rasch eine Einordnung und eine Perspektive. In der Regel gebe es immer einen Ausweg.

Einem deutschlandweiten Trend folgt das Ostallgäu bei den vermehrten Anfragen von Soloselbstständigen, die durch Corona in finanzielle Schieflage geraten sind. Sie dürfen allerdings nach aktueller Gesetzeslage erst zur kostenfreien Schuldnerberatung des Landkreises, wenn sie ihr Gewerbe abgemeldet haben. Vorher gilt für sie das Regelinsolvenzverfahren.

Viel mehr Menschen als früher erkundigen sich auch im Ostallgäu mittlerweile nach einem sogenannten Pfändungsschutzkonto. Darauf dürfen bestimmte Beträge, wie eingegangene Sozialleistungen, nicht gepfändet werden. Es muss von einer anerkannten Stelle ausgestellt werden. Die höhere Nachfrage danach erklärt sich Meier zum einen mit dem wachsenden Bekanntheitsgrad des Kontos. Zum anderen damit, dass sich die Menschen wegen Corona mehr Sorgen machen.

Was macht die Schuldnerberatung? Wie kommen Schulden zusammen?

  • Von den 164 neuen Ratsuchenden im Jahr 2020 waren bei der Schuldnerberatung Ostallgäu 93 Männer und 71 Frauen.
  • Am häufigsten verschuldet waren mit 44 Personen Menschen im Alter zwischen 25 und 34 Jahren. Darauf folgten 35 bei den 35- bis 44-Jährigen und 38 bei den 45- bis 54-Jährigen.
  • Von insgesamt 1737 Schuldverhältnissen entfielen mit 417 die meisten auf Gewerbetreibende, 317 auf öffentliche Gläubiger, 216 auf Telefongesellschaften und 134 auf Ratenkredite.
  • Hauptursachen für eine Verschuldung waren Arbeitslosigkeit, Erkrankungen (Sucht), längerfristiges Niedrigeinkommen, Trennung, Scheidung oder Tod eines Partners, gescheiterte Selbstständigkeit, unwirtschaftliche Haushaltführung und Haushaltgründung/Geburt eines Kindes.

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