Festival Vielsaitig

Singende Streicher brauchen in Füssen ein wenig Anlauf

Vielsaitig Orbis

Umgeben von relativ dezenten Mikrofonen des Bayerischen Rundfunks spielt das Orbis Quartett im Kaisersaal auf. Von links: Tilman Hussla, Meike-Lu Schneider, Felix Eugen Thiemann und Kundri Lu Emma Schäfer.

Bild: Edith Bielenberg

Umgeben von relativ dezenten Mikrofonen des Bayerischen Rundfunks spielt das Orbis Quartett im Kaisersaal auf. Von links: Tilman Hussla, Meike-Lu Schneider, Felix Eugen Thiemann und Kundri Lu Emma Schäfer.

Bild: Edith Bielenberg

Das Orbis Quartett dreht im Kaisersaal immer mehr auf und katapultiert sich in einen Steigerungstaumel, den das Publikum mit frenetischem Klatschen honoriert.
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Von Klaus Bielenberg
03.09.2021 | Stand: 15:00 Uhr

Beim Auftritt des Orbis Quartetts im Rahmen des Füssener Festivals „Vielsaitig“ war die Erwartungshaltung des Publikums sehr groß. Mit Tilman Hussla (Violine), Meike-Lu Schneider (Violine), Kundri Lu Emma Schäfer (Viola) und Felix Eugen Thiemann (Violoncello) setzt sich dieses Ensemble ausschließlich aus Preisträgern zusammen. Sie musizieren mit Ausnahme des Cellisten im Stehen und vermitteln dadurch schon optisch den Eindruck großer Beweglichkeit. Außerdem verbinden sie zuweilen den Streicherklang mit Gesang. Schließlich gab es noch das Versprechen, ähnlich wie Felix Mendelssohn-Bartholdy, eine musikalische Reise nach Italien machen zu dürfen. Dennoch wollte zunächst der begeisternde Funke nicht auf die Zuhörer überspringen. Der Beifall des festivalverwöhnten Publikums im ersten Konzert ab 18 Uhr war nach den ersten beiden Stücken eher mäßig. Mit zunehmender Dauer des Konzertabends drehte sich jedoch entschieden die Stimmung bis zu höchster Begeisterung.

"Barock-Fieber" vermisst

Zu Beginn sangen und spielten die Künstler die von ihnen selbst arrangierte „Sonate Decima“ von Dario Castello (1602-1631) aus Venedig. Diese spannende, einfallsreiche frühbarocke Komposition entzündete jedoch bei den Besuchern nicht das „Barock-Fieber“. Der technische Anspruch des Werkes wurde zwar einwandfrei gemeistert, wirkte aber noch gedämpft im Elan und in der Freude an der Gestaltung. Ähnlich war es bei der Aufführung des Streichquartetts von Luigi Boccherini (1743-1805) aus Lucca. Das nuancierte Spiel und die ausgefeilte Dynamik hätten noch mehr Schwung im galanten Menuett, Expressivität im Adagio und rhythmische Begeisterung bei der spanischen Folklore im Trio vertragen. Vielleicht waren es die Mikrofone für die Rundfunkaufzeichnung, die zunächst hemmend wirkten.

Romantik pur mit Mendelssohn

Ein sehr gut gelungener Einstieg in die Romantik Felix Mendelssohns gelang mit dem Lied „Frage“: Sie wurde eindrucksvoll vom Bariton Tilman Hussla mit arrangierter instrumentaler Begleitung vorgetragen. Zugleich genoss man dabei das prägende Motiv für das a-Moll Streichquartett des Komponisten. Romantik pur erlebten die Zuhörer beim Vortrag des Streichquartetts D-Dur op. 44. Schwungvolle und dramatische Züge erhielt dieses Werk. Äußerst spielfreudig meisterte Tilman Hussla die raschen Figurationen und herrlichen Kantilenen, ohne den Eindruck zu erwecken, ein Violinkonzert daraus machen zu wollen. In der konzentrierten Begleitung blieb das Ebenmaß stets erhalten. Das pastorale Thema des Menuetts schälte sich imponierend heraus. Das Melos der 2. Violine blühte im Andante espressivo auf. Im „Presto con brio“ des Schlusssatzes gab es kein Halten mehr bis zum kraftvollen Finale. Eine melodiöse eingängige, liebenswerte Nocturne mit zeitweiser Zupfbegleitung schrieb Hussla als Hommage an Mendelssohn. Sie wurde äußerst gepflegt und innig vorgetragen.

Jaz, Rock und eine Satire

Ohrwurmqualität hatte das Stück „Tu vuo fa Lámericano“ von Renato Carosone, für das Quartett von der Bratschistin Kundri Lu Emma Schäfer wirkungsvoll arrangiert. Die Künstler katapultierten sich in einen Steigerungstaumel mit Gesang und Instrumenten, der auch mit Stampfen begleitet wurde. Da waren Jazz, Swing, Rock ’n’ Roll kombiniert in einer herrlichen Satire auf den „Möchtegern-Amerikaner“. Letztlich blieb aber der Stil der neapolitanischen Volksmusik erhalten.

Frenetisches Klatschen und Jubel brauste auf. Obwohl das enge Zeitintervall zum 2. Abendkonzert beträchtlich überschritten war, gab es noch eine Zugabe mit einem sizilianischen Volkslied, das das bunte Treiben auf dem Marktplatz markant und wirkungsvoll beschrieb.

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