Schwangauer Heimatgeschichte

Wie ein Schwangauer 1870 Kontakt zum späteren Kaiser hatte

Das Bild aus einem Geschichtsbuch zeigt, wie Napoleon III. (Mitte) am 2. September 1870 nach der Schlacht von Sedan kapituliert und sich in Gefangenschaft von Wilhelm I. (rechts neben Kronprinz Friedrich Wilhelm) begibt.

Das Bild aus einem Geschichtsbuch zeigt, wie Napoleon III. (Mitte) am 2. September 1870 nach der Schlacht von Sedan kapituliert und sich in Gefangenschaft von Wilhelm I. (rechts neben Kronprinz Friedrich Wilhelm) begibt.

Bild: Repro/Philomena Willer

Das Bild aus einem Geschichtsbuch zeigt, wie Napoleon III. (Mitte) am 2. September 1870 nach der Schlacht von Sedan kapituliert und sich in Gefangenschaft von Wilhelm I. (rechts neben Kronprinz Friedrich Wilhelm) begibt.

Bild: Repro/Philomena Willer

Es ist eine interessante Anekdote aus der Heimatgeschichte im Füssener Land: Ein Schwangauer traf 1870 den späteren Deutschen Kaiser. Wie es dazu kam.
Das Bild aus einem Geschichtsbuch zeigt, wie Napoleon III. (Mitte) am 2. September 1870 nach der Schlacht von Sedan kapituliert und sich in Gefangenschaft von Wilhelm I. (rechts neben Kronprinz Friedrich Wilhelm) begibt.
Von Philomena Willer
19.08.2020 | Stand: 06:30 Uhr

Im kurzen, schrecklichen Krieg von 1870/71 zwischen Deutschland und Frankreich gab es einen Schwangauer Soldaten, der stolze und glückliche Augenblicke erlebte, bevor ihn eine gefürchtete Seuche dahinraffte. Das war Mang Anton Höß aus Waltenhofen, und er hatte die Glücksmomente zum Großteil seiner Trompete zu verdanken. „Mang Anton, lern was, wer weiß, wie du es brauchen kannst“, hatte sein Pfarrer Josef Knappich Jahre davor zu dem Buben gesagt. „Ich weiß schon, was ich lernen möchte, aber ich trau mich’s nicht zu sagen“, hatte der geantwortet und dann zugegeben: „S’Trompeten möchte ich lernen.“ Schließlich besorgte man ihm eine Trompete und er blies „schlecht und recht bei Hochzeiten, Scheibenschießen, Veteranenfesten“, so schrieb es der Pfarrer auf – und sein Nachfolger und Chronist, Pfarrer Berchtold, dokumentierte das weitere Schicksal.

Mit 21 Jahren wurde Mang eingezogen, als Conscribierter, denn es galt nun die allgemeine Wehrpflicht auch in Bayern. Er zog in seinem Bezirk ein hohes Los, und kam 1860 nach München. Die Residenz wollte er sehen und er hatte gehört, „dass man dort schön Trompete blase“. Als Kürassier verlebte er seine Rekrutentage in der Orangerie in Nymphenburg, und wurde bald zum Trompeter ernannt. Denn als ihm ein Signaltrompeter sein Instrument auslieh, und seine schönen Weisen aus der Heimat erklangen, wurde ein Offizier auf ihn aufmerksam. Er lernte reiten, zog mit seinem Regiment in den Krieg von 1866, und wurde mit dem bayerischen Militärverdienstkreuz ausgezeichnet.

Im Sommer 1870, nach der Kriegserklärung vom Juli, zog er als Cheveauleger-Trompeter mit seinem Regiment, der 3. bayerischen Division, nach Frankreich. Schon in einer der frühen Schlachten, dem Kampf um das elsässische Wörth-Froschweiler vom 6. August, wurde er mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet.

Stolz und glücklich schrieb Mang Anton Höß in die Allgäuer Heimat

Kurz darauf, in Ferrieres nahe der Marne, spielte sich die Episode ab, über die er stolz und glücklich in die Heimat schreibt. „Ich ritt gerade auf einem Generalspferd spazieren, als ich plötzlich einer Suite hoher Offiziere gegenüberstand. In meinem Innern kommandierte es ‚Achtung’ denn an der Spitze ritt der greise König (Wilhelm I. von Preußen, der im Januar 1871 dann im Schloss Versailles zum deutschen Kaiser proklamiert wurde). Er sah mich an, stutzte und mit ihm hielt alles still. Der Reiter zur Rechten stellte mich vor: ‚Majestät, das ist der Bayerische Cheveaulegertrompeter Magnus Höß vom 3. Regiment. Das Verdienstkreuz gab ihm sein König (Ludwig II.), das Eiserne Kreuz holte er sich bei Wörth-Froschweiler. Es ist dies der Trompeter, der unter einem mörderischen Feuer immer vorwärts zum Sturm auf Mac-Mahons Lager geblasen.“

Tränen laufen über die Wangen des Schwangauers

Als der König Höß die Hand reichte, und ihm vor Rührung die Tränen über die Wangen liefen, wurde dem Schwangauer auch klar, dass der Reiter, der ihn vorgestellt hatte, Friedrich Wilhelm war, der Kronprinz von Preußen. Einen kleinen Tadel gab es: „Seien Sie froh, dass Krieg ist, sonst dürften Sie nicht Ihren brennenden Stumpen in Rothschilds Garten werfen!“ Das Schloss der Bankiers Rothschild nahe Paris war zum Hauptquartier des preußischen Königs zusammen mit Kanzler Bismarck geworden. Der Prinz reichte dem Magnus sein eigenes Zigarrenetui. „Möge es Ihnen wohl schmecken.“ Und er zeigte in Richtung Paris: „Dort sehen wir uns hoffentlich bald wieder.“

Doch dazu sollte es nicht kommen. „Den Inhalt hab ich verraucht“, schrieb Mang Höß in die Heimat. „Es waren dies wohl meine ersten und letzten königlichen Zigarren.“ Die Talerscheine, die das Etui weiter enthielt, brauche er zur Zeit nicht, und so schickte er sie mit heim „für die armen verwundeten Kameraden“. Das Etui wollte er in Ehren halten zur Erinnerung an den schönsten Tag seines Lebens.

Doch er, den das Schicksal in den Schlachten verschonte, erkrankte wenige Tage darauf an Typhus und starb in Corbeil, wo das bayerische Corps die Seine überschritt. Fünf seiner Schwangauer Kameraden fielen in dem Krieg, der 44 000 deutschen und 135 000 französischen Soldaten das Leben kostete.