Preiswürdige Erfindung

Gegen Hitzestress im Stall: Was ein Biobauer aus dem Allgäu erfunden hat

Gegen Hitzestress im Stall: Der Familienbetrieb von Ulrich und Hedwig Stich (hier mit den Kindern Katharina, Klara und Johanna) aus Oberostendorf (Ostallgäu) erhielt für ihre Erfindung den bayerischen Tierwohlpreis.

Gegen Hitzestress im Stall: Der Familienbetrieb von Ulrich und Hedwig Stich (hier mit den Kindern Katharina, Klara und Johanna) aus Oberostendorf (Ostallgäu) erhielt für ihre Erfindung den bayerischen Tierwohlpreis.

Bild: Harald Langer

Gegen Hitzestress im Stall: Der Familienbetrieb von Ulrich und Hedwig Stich (hier mit den Kindern Katharina, Klara und Johanna) aus Oberostendorf (Ostallgäu) erhielt für ihre Erfindung den bayerischen Tierwohlpreis.

Bild: Harald Langer

Zuviel Hitze belastet das Milchvieh. Biobauer Ulrich Stich aus Oberostendorf (Ostallgäu) hat das Problem gelöst. Und dafür den Tierwohlpreis 2021 bekommen.
11.08.2021 | Stand: 06:30 Uhr

Luft und Licht tun dem Milchvieh fraglos gut. Viele Ställe sind deshalb mit Lichtfirsten ausgestattet. Die durchsichtigen Hauben auf den Satteldächern haben aber auch Nachteile. Einstrahlende Sonne kann den Stall aufheizen wie ein Treibhaus. „Kühe sind empfindliche Tiere“, sagt Landwirt Ulrich Stich (43) aus Oberostendorf (Kreis Ostallgäu). „Auf Hitze reagieren sie mit Stresssymptomen.“ Mit einer selbstentwickelten Beschattung an seinem Lichtfirst hat er das Problem in den Griff bekommen. Für diese Idee hat ihn das Bayerische Landwirtschaftsministerium mit dem dritten Rang beim Tierwohlpreis 2021 ausgezeichnet.

„Man muss das Rad ja nicht neu erfinden“, sagt der gelernte Maschinenbauingenieur und Landwirt, der eine einfache und günstige Lösung suchte. Er hatte sich schon länger gefragt, wie er dem Vieh auf seinem Biohof an heißen Tagen Linderung verschaffen kann. Die Seitenwände des 2017 errichteten Stalls und der Lichtfirst sind im Sommer zwar komplett offen, dennoch heizt sich das Gebäude an sehr warmen Tagen auf.

Die direkte Sonneneinstrahlung durch das Oberlicht verstärkt diesen Effekt: Durch die Ost-West-Ausrichtung des Gebäudes wandert tagsüber ein heller Lichtstreifen quer durch den Stall. „Das Milchvieh reagiert auf den Temperaturanstieg sensibler als der Mensch“, sagt Stich. „Die Tiere fressen und liegen weniger, stehen unter Hitzestress.“ Letztlich wirke sich das auf die Milchproduktion und Tiergesundheit aus. Und auch der Futterqualität könne große Hitze zusetzen. (Lesen Sie auch: Antibiotika bei Kühen: Zwei Allgäuer Bauern wollen weniger Medikamente einsetzen)

An heißen Sommertagen sinkt die Temperatur im Stall deutlich

In einer Gärtnerei beobachtete Stich schließlich, wie oben am Glasdach eine Jalousie auf- und zuging. „So könnte es funktionieren“, habe er sich gedacht. Für erste Tests legte er ein Silo-Abdeckvlies, das auf jedem Hof herumliegt, außen auf den zwei Meter breiten Lichtfirst seines Stalls. Das Ergebnis überzeugte ihn. An einem heißen Sommertag sank die Oberflächen-Temperatur am Futtertisch von 40 Grad Celsius in der direkten Sonne auf 26 Grad unter der Beschattung. In einem zweiten Schritt konstruierte er aus dem Siloschutznetz mit Holzleisten und Seilzügen eine Vorrichtung, die sich unterhalb des Firstes horizontal auf- und zuziehen lässt. Mit zwei Handwinden an den Giebelseiten lässt sich die Beschattung steuern. Damit sich kein Regen- oder Kondenswasser sammeln kann, stanzte Stich Löcher in die Netzfalten. (Lesen Sie auch: Intelligente Stallbauten aus Holz: Da fühlt sich die Kuh wohl)

Gegen Hitzestress im Stall: Was ein Biobauer aus dem Allgäu erfunden hat und wie die Kühe reagieren

„An kühlen, dunklen Tagen oder im Winter sind wir für jeden Sonnenstrahl dankbar“, sagt er. „Dann nutzen wir die Vorteile des Lichtfirstes, indem das Netz aufgerafft ist.“ Bei geschlossener Beschattung bleibt es im Stall kühl. Dass die Konstruktion ihren Zweck erfüllt, beweist die Reaktion der Kühe. „Mittlerweile“, freut sich der Biobauer, „kommen die Tiere noch lieber an warmen Tagen von der Weide in den schattigen Stall zurück“. Zudem könne so auf eine energieraubende Belüftungstechnik verzichtet werden.

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Die Auszeichnung der Erfindung freut Ulrich Stich und seine Frau Hedwig, weil dadurch dem Verbraucher gezeigt werde, dass sich viele Landwirte Gedanken um das Tierwohl machen. „Mir ist erst später klar geworden, dass die Auszeichnung dem Tierwohl und dem Image der Milchviehhalter dient“, sagt der Landwirt. „Aber dass ich mit so einer einfachen Lösung den Preis gewinne, das freut mich ganz narrisch.“ Stich denkt nun darüber nach, wie er den Prototyp in seinem Stall zu einem marktreifen Produkt weiterentwickeln kann.

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