Regen, und dann Regen

"Ein herausforderndes Jahr": Weshalb die Heuernte 2021 im Allgäu so riskant ist

Mahd in Heising

Tage, an denen das Heu gut eingebracht werden konnte, hielten sich dieses Jahr in Grenzen.

Bild: Matthias Becker (Archivbild)

Tage, an denen das Heu gut eingebracht werden konnte, hielten sich dieses Jahr in Grenzen.

Bild: Matthias Becker (Archivbild)

Der viele Niederschlag macht die Heuernte für die Bauern in diesem Jahr zur Herausforderung. Denn feuchtes Heu kann für Hof und Haus sogar zur Gefahr werden.
18.08.2021 | Stand: 09:37 Uhr

Schweiß glänzt auf der Haut der Fahrer, die mit ihren Traktoren über die Allgäuer Wiesen rattern. Mit großen Geräten wenden sie das gemähte Gras, das dort von der Sonne getrocknet wird und lagern es schließlich im Heustock ein. Im ganzen Allgäu nutzten die Bauern das gute Wetter der vergangenen Tage zur Heuernte, nun ziehen die nächsten Regenschauer über die Region. Und die gab es in den vergangenen Monaten reichlich. Im Mai, Juni und Juli fiel in Bayern deutlich mehr Regen als im vieljährigen Mittel.

Für die Landwirte sei 2021 deshalb ein „spannendes und herausforderndes Jahr“, sagt Alfred Enderle, schwäbischer Bezirkspräsident und Oberallgäuer Kreisobmann des bayerischen Bauernverbands (BBV). Gerade für Heumilchbetriebe, auf denen die Tiere also nur mit Heu und Gras, nicht mit Silage, gefüttert werden, sei das verregnete Jahr 2021 „sehr sportlich“.

Typische Sommerszene von der Heuernte im Allgäu.
Typische Sommerszene von der Heuernte im Allgäu.
Bild: Matthias Becker

Die Wiesen im Allgäu werden je nach Wetter und Lage ungefähr vier- bis fünfmal im Jahr gemäht. Für jeden dieser Schnitte brauchen die Landwirte einige schöne Tage am Stück, um das Gras auf ihren Feldern trocknen zu lassen. „An denen muss dann alles auf den Beinen sein, damit man das schafft“, sagt Enderle.

Direkt am ersten Sonnentag nach langem Dauerregen können die Landwirte noch nicht mit der Ernte beginnen. „Auch der Boden muss trocken sein, sonst verdichten wir mit unseren Maschinen die oberste Schicht. Das hemmt das Pflanzenwachstum und ist für den Nährstoffaustausch nicht gut“, erklärt Markus Böckler. Der Landwirt aus Kempten ist Vorsitzender des Kreisverbands Oberallgäu des Bundesverbands Deutscher Milchviehhalter (BDM). Zu lange können die Landwirte wiederum auch nicht auf eine Schönwetterphase warten. „Umso älter das Gras auf der Wiese wird, desto weniger Eiweiß ist im Futter“, sagt Böckler.

Brandgefahr durch Feuchtigkeit im Heustock

Der Qualität des Futters schadet es auch, wenn während der Heuernte Regen auf das gemähten Gras fällt. „Dann fängt bei den Pflanzen der Stoffwechsel wieder an und der Energiegehalt sinkt.“ Zudem müssten sich die Landwirte dann entscheiden, ob sie das Gras auf den Feldern liegen lassen, in der Hoffnung, dass es nochmals komplett trocknet, oder es beispielsweise in Futtertrocknungen zu pelletförmigen Grascobs pressen lassen. Damit Heu haltbar ist, darf es laut Böckler höchstens 14 Prozent Feuchtigkeit haben. „Wenn es mehr ist, fängt es an zu schimmeln und staubt.“

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Doch nicht nur das: Feuchtigkeit im Heustock ist auch eine große Gefahr für Haus und Hof. Bei einem feuchten Nest im Heustock beginne ein Gärungsprozess, erklärt Wolfgang Endres, Kreisbrandrat im Landkreis Lindau. Dabei entsteht Wärme, die zu einer Selbstentzündung führen kann – umringt von trockenem Heu breitet sich dieses Feuer dann in kürzester Zeit aus. „Die Selbstentzündung passiert aber nicht sofort nach dem Einbringen des Heus, mitunter kann es bis dahin mehrere Wochen dauern“, sagt Endres.

Durch technische Neuerungen komme es glücklicherweise immer seltener zu derartigen Feuern, erläutert der Kreisbrandrat. Mit Thermometern an langen Stangen können die Landwirte die Temperatur mehrere Meter tief im Heustock messen – und falls es dort tatsächlich warm werde, könne das betroffene Futter mit einem Hallenkran schnell aus dem Stock geholt werden. Zudem blasen große Gebläse warme Luft in die Heulager, um das Futter weiter zu trocknen. Doch das kostet die Landwirte Geld, etwa für Strom und Heizöl. „Am kostengünstigsten ist immer noch die Trocknung auf dem Feld“, sagt BBV-Bezirkspräsident Enderle.

Für die Pflanzen ist der viele Regen ein Vorteil

Für das Pflanzenwachstum wiederum sei der viele Regen in diesem Jahr ein Vorteil. „Es wächst viel - man muss nur schaffen, es in die Scheune zu bringen.“ Doch darin hätten die Allgäuer Bauern Erfahrung. „Wir hatten nun zwar einige Jahre, in denen es lange Sommer gab, aber grundsätzlich haben wir Jahre wie jetzt immer wieder“, sagt Enderle.

Das zeigt auch der Blick in die Vergangenheit. Früher schichteten die Allgäuer Bauern das gemähte Gras auf Holzgestellen, sogenannten Hoinzen oder Huinzen, auf. „Das machte man, damit das Futter vom nassen Grund wegkam“, erklärt Enderle. Auf den Holzgestellen verlor das Gras nicht so schnell Nährstoffe und konnte auch längere Zeit im Freien gelagert werden – bis eben mehrere Tage die Sonne schien und es trocknete. „Früher konnten die Leute nicht wie jetzt einfach auf gutes Wetter warten. Sie mussten ja alle Flächen von Hand mähen“, sagt Enderle.

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