Meinung einer Allgäuer Schülerin

Bitte kein Homeschooling mehr: 5 Gründe, warum die Schulen weiter offen bleiben müssen

Fast ein halbes Jahr im Homeschooling: Für unsere Autorin reicht das. Hier erklärt sie ihre Gründe.

Fast ein halbes Jahr im Homeschooling: Für unsere Autorin reicht das. Hier erklärt sie ihre Gründe.

Bild: Stefan Puchner, dpa (Symbolbild)

Fast ein halbes Jahr im Homeschooling: Für unsere Autorin reicht das. Hier erklärt sie ihre Gründe.

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Die Corona-Infektionen nehmen zu - vor allem bei Schülern. Wie geht's weiter? Eine Allgäuer Schülerin verrät ihre Erfahrungen und sagt: kein Homeschooling mehr!
05.11.2021 | Stand: 06:07 Uhr

Ein halbes Jahr insgesamt. Wenn ich alle Etappen zusammenzähle, habe ich fast ein Drittel der vergangenen 21 Monate im Homeschooling verbracht. Zwischen Konferenzen und Arbeitsaufträgen habe ich versucht, mich auf die Oberstufe und das Abitur vorzubereiten.

Ich bin Hannah, 17 Jahre alt und besuche das Vöhlin-Gymnasium in Memmingen. Kommendes Frühjahr steht das Abi an.

Bis jetzt darf ich das aktuelle Schuljahr im Präsenzunterricht verbringen. Aber mein anfänglicher Optimismus, dass das für alle bis zu den Sommerferien so bleibt, schwindet. Neben der in Bayern erneut beschlossenen Maskenpflicht am Sitzplatz, die nach den Herbstferien in Kraft tritt, gibt es immer mehr Sorgen, ob oder wann es wieder zum Unterricht daheim kommt. Die Regierung beteuert (noch), dass der Präsenzunterricht dauerhaft gewährleistet werden soll.

Lieber Maskenpflicht als Homeschooling

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Das wäre auch besser so. Aus den nun fast zwei Jahren der Corona-Krise habe ich für mich den Schluss gezogen, dass viele Politiker nicht nah genug dran sind, um zu wissen, was in den Schulen passiert.

In meiner Jahrgangsstufe haben wir Schüler viel untereinander gesprochen und gemerkt: Rund 90 Prozent von uns macht es kaum etwas aus, jeden Tag mehrere Stunden mit Maske in der Schule sitzen zu müssen. Das ist allemal besser als Homeschooling.

Hier sind meine fünf Gründe, warum alles darangesetzt werden muss, dass der Unterricht auch in den kommenden Wochen in der Schule stattfindet - und zwar für alle Jahrgangsstufen:

1. Unser Zuhause ist nicht für Zehn-Stunden-Schichten gemacht

7:45 bis 18:00 Uhr – wenn es gut lief, war das die Dauer meines Schultags im Homeschooling.

Die Konferenzen mit Lehrern und die Arbeitsaufträge, die erledigt werden mussten, nahmen länger Zeit in Anspruch als mir lieb war. Dass ich dafür mit meinen Lieblingssnacks, einem heißen Tee und im Pyjama am Schreibtisch saß, war ein schwacher Trost. Lehrer, die dachten, wir würden uns den ganzen Tag langweilen, gaben Berge an Aufgaben, die innerhalb weniger Tage kaum zu bewältigen waren. Es gab nie ein klares Ende, keinen Feierabend. Unsere Zimmer, die zuvor vorwiegend Orte der Entspannung waren, wurden zu einem Arbeitsplatz, an dem man Überschichten machte und manchmal sogar einschlief.

2. Das Staubsaugen im Hintergrund hilft nicht

Ob man nun allein zu Haus war oder auf einmal den ganzen Tag mit den Eltern und Geschwistern verbrachte - Homeschooling stellte alle Betroffenen vor familiäre Herausforderungen. Die jahrelang eingeübte Routine von Aufstehen, Schule, Arbeit, Nachhausekommen und Freizeit galt plötzlich nicht mehr. Die Folgen waren chaotische Vormittage, an denen schon einmal der Staubsauger während der Videokonferenz lief oder das WLAN mal wieder abstürzte und Nachmittage, an denen alle einfach ihre Ruhe wollten.

3. Freunde werden zu Initialen

Der tägliche Druck mit Prüfungen und Stress wird vor allem durch Freunde erleichtert, mit denen wir in der Schule Zeit verbringen können. Gemeinsame (Mittags-) Pausen und Gespräche bieten den nötigen Ausgleich zu stundenlangem Lernen. Im Homeschooling waren die Mitschüler aber nur mit ihrem Kürzel in Videokonferenzen zu sehen. Auch wenn während der Konferenz über WhatsApp geschrieben wurde oder nachmittags Anrufe gestartet wurden, um gemeinsam zu lernen, war es nicht dasselbe.

4. Eigenständigkeit: Fehlanzeige

Homeschooling erfordert ein großes Maß an Eigenständigkeit. Das Problem: Selbstständiges Arbeiten wurde uns in der Schule im Unterricht bislang nie beigebracht - dort gaben Lehrplan und Lehrer den Takt vor. Die Kunst des Zeitmanagements mussten wir uns ebenso selbst beibringen, wie die Motivation für das Lösen der x-ten nervigen Matheaufgabe.

5. Manchmal ist das Bestmögliche nicht gut genug

Plattformen, die gehackt werden und Lehrer, die nicht wissen, wie sie ihren Bildschirm teilen können. Das erlebten wir gerade am Anfang fast täglich. Obwohl sich alle Mühe gaben, wurden etliche Fehler gemacht. Die Folge: Lernlücken und Themen, bei denen viele nicht mehr mitkamen. Das aufzuholen wird schwierig.

Meine traurige Bilanz: Unsere Schulen sind meiner Meinung nach momentan nicht bereit, den Online-Unterricht noch einmal großflächig durchzustehen. Trotz Millionen an Hilfsgeldern aus Berlin sehe ich an meiner Schule keinen Unterschied. Es fehlt immer noch an Ausrüstung, an Organisation und vor allem an Energie, den Unterricht endlich richtig zu digitalisieren. Also, liebe Politiker: Bitte kein Homeschooling mehr!

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