Memmingen

„Ich dachte, er macht einen Witz“

Memmingen Unsere Köpfe

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Bild: Ralf Lienert

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Als Markus Söder ihr das Amt der bayerischen Landwirtschaftsministerin anbot, war das für Michaela Kaniber erst mal ein Schock. Warum sie trotzdem zusagte.
18.12.2020 | Stand: 11:53 Uhr

„Lieber Gott im Himmel, hoffentlich bleibe ich ganz bei Trost.“ Dieser Gedanke geht der bayerischen Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber (CSU) dieser Tage hin und wieder durch den Kopf, erzählt sie im Kaminwerk in Memmingen. Kein Wunder, hat sie derzeit doch alle Hände voll zu tun. Das Volksbegehren Artenvielfalt, der Tierskandal in Bad Grönenbach, die Demonstrationen tausender Bauern, all das fiel und fällt in ihre Amtszeit als bayerische Landwirtschaftsministerin – einen Posten, den sie seit 2018 bekleidet. Zunächst hatte sie gezögert, dieses Amt überhaupt anzunehmen.

„Als Markus Söder angerufen und gesagt hat, zieh dir ein Dirndl an, du wirst Landwirtschaftsministerin‘ war das für mich ein Schock“, sagt die 42-Jährige. „Ich dachte, er macht einen Witz.“ Damals saß die dreifache Mutter erst wenige Jahre im Landtag und kümmerte sich unter anderem um Sozialpolitik. Ihre Sorge war, als Agrarministerin nicht akzeptiert zu werden, weil sie nicht aus der Landwirtschaft kommt.

Nach dem Anruf von Söder war sie mit Politiker-Kollegen einen Absacker trinken – durfte aber noch nichts verraten. „Den ganzen Abend wurde kaum spekuliert, wer Finanzminister wird. Aber wer die Landwirtschaft übernimmt, das war das große Thema“, erzählt sie. Danach habe sie sich noch einmal mit dem Ministerpräsidenten in Verbindung gesetzt. „Die wollen alle einen Landwirt“, war einer ihrer Gedanken. Und ein anderer: „Die bringen mich morgen um.“ Söder hielt an seiner Wahl fest, Kaniber stimmte letztlich zu. „Wäre ein Bio-Landwirt Minister geworden, hätten die konventionellen Bauern geschimpft, dass jetzt alles Bio sein muss. Wäre ein konventioneller Landwirt berufen worden, hätte man gesagt, ,die haben nix verstanden‘.“

Die Politikerin äußerte sich in Memmingen auch zur aktuellen Diskussion um das Tierwohl: „Wir müssen besser werden.“ Immer größer und immer mehr sei nicht, wie vielleicht einst angenommen, die optimale Lösung für die Bauernhöfe. Sie sagt aber auch: In Bayern gebe es lediglich fünf Betriebe mit mehr als 500 Tieren. „Wir sind weit weg von krasser Massentierhaltung.“ Sie verteidigt zudem, wie der Landtag auf das Volksbegehren Artenvielfalt reagiert hat: „Was hätten wir mit den 1,8 Millionen Unterschriften machen sollen? In die Schublade stecken?“ Jetzt müsse dem Verbraucher der Spiegel vorgehalten werden. Es könne nicht sein, dass in Bayern unter strengen Auflagen produziert wird und dann billige Lebensmittel aus Ländern gekauft werden, wo die Standards niedriger sind. Mit Vertretern der Bauern hatte Kaniber bereits vor der Veranstaltung im Kaminwerk bei einer Demo in Memmingen gesprochen(siehe Artikel rechts).

Wie die Landwirtschaft der Zukunft aussieht, darüber will die Ministerin nicht spekulieren. Sie habe eine Junglandwirte-Kommission einberufen, die sich mit diesem Thema auseinandersetze. Dabei spiele die Digitalisierung eine große Rolle: „Wir werden unsere Landwirtschaft nicht auf eine sentimentale Art rückabwickeln.“