Arbeitswelt

Im Allgäu wird seltener nach Tarif bezahlt

Ein Mittel, um Ansprüche durchzuseten: Streik.

Ein Mittel, um Ansprüche durchzuseten: Streik.

Bild: Matthias Becker (Archiv)

Ein Mittel, um Ansprüche durchzuseten: Streik.

Bild: Matthias Becker (Archiv)

Die Region liegt unter dem bundesweiten Durchschnitt – das hängt auch mit der Tourismus-Branche zusammen. Welche Themen die Gewerkschafter vor Ort umtreiben.
02.07.2021 | Stand: 19:02 Uhr

Fragt man die Vertreter von Allgäuer Gewerkschaften, welche Themen sie vor der Bundestagswahl besonders bewegen, gibt es vor allem zwei Antworten: Zum einen wäre da die viel diskutierte Rente mit 68, die sie für „unsäglich“ halten. Zum anderen geht es den Gewerkschaften um eine bessere Tarifbindung. „In Deutschland fallen 52 Prozent der Angestellten unter einen Tarifvertrag, im Allgäu sind es lediglich 40 Prozent“, sagt Ludwin Debong, Vorsitzender des Allgäuer Kreisverbands des Deutschen Gewerkschaftsbunds.

Wo Tarifverträge gelten, sei das Gehalt in der Regel höher, es gebe Weihnachts- und Urlaubsgeld und die Wochenarbeitszeit sei meist geringer, sagt Debong. Im Allgäu sei der Gedanke an Gewerkschaften, die oft den Grundstein für die Verträge legten, nicht so ausgeprägt wie in klassischen Industrie-Regionen. „Wir haben hier viele kleinere Familienunternehmen ohne Betriebsrat“, sagt Debong.

Kaum Tarifbindung

Auch Hotellerie und Gastronomie spielten laut Debong eine wichtige Rolle. Die Arbeitsbedingungen seien oft schwierig und die Verträge häufig befristet. Claudia Weixler, die Allgäuer Geschäftsführerin der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG), sieht das auch so. Für die Branche gebe es zwar theoretisch einen Tarif, aber viele Wirte und Hoteliers seien nicht im Arbeitgeberverband oder zumindest nicht an Tarife gebunden. Im Allgäu gebe es nur drei Unternehmen in der Gastronomie und Hotellerie mit Betriebsrat, nach Tarif werde nur in einem davon bezahlt. Als Gewerkschaft in dieser Branche Fuß zu fassen, sei enorm schwierig, weil viele Unternehmen dies blockierten.

Mehr Betriebsräte würde sich auch Dietmar Jansen, erster Bevollmächtigter der IG Metall Allgäu, wünschen. Er schildert einen Fall aus dem Unterallgäu: Dort habe die Führungsebene eines Unternehmens mit 700 Beschäftigten die Gründung eines Betriebsrates verhindert. Laut Jansen wurde gedroht, dass den Angestellten am Ende weniger Geld bleibe, da eine Interessensvertretung teuer sei. „Letztlich haben die Mitarbeiter dann gegen einen Betriebsrat gestimmt.“ Was Jansen ebenfalls umtreibt, ist die Frage, wie sich die Arbeitsplätze in der Metall- und Elektroindustrie verändern werden. Aufgrund des „gesellschaftlichen Wandels“ müssten beispielsweise Automobilzulieferer ihr Produktspektrum umstellen. „Das müssen wir zusammen mit der Politik vernünftig gestalten.“

Arbeiten am Küchentisch

Ein weiteres großes Thema für die Gewerkschaften ist das mobile Arbeiten. Dabei geht es unter anderem auch um die Gestaltung des Umfelds. „Ergonomische Arbeitsplätze wurden nicht umsonst eingeführt, jetzt sitzen viele stattdessen am Küchentisch“, sagt Debong. „Die Arbeitgeber dürfen hier nicht aus der Verantwortung schlüpfen“, fordert Weixler.

Lesen Sie auch
##alternative##
Augsburg

Jetzt befasst sich das Kanzleramt mit der Lage bei Premium Aerotec

Unisono werben die Allgäuer Gewerkschafter auch um eine aktive Beteiligung. „Viele denken, ,die gibt es ja eh’. Aber wir sind Arbeitnehmervereine. Man kennt es aus dem Alltag: Ein großer Stadtverein mit vielen Mitgliedern kann oft mehr leisten als ein kleiner Dorfverein“, sagt Werner Röll, Allgäuer Bezirksgeschäftsführer von Verdi.

Am Allgäuer Gewerkschaftstag am heutigen Samstag diskutieren Vertreter der heimischen Gewerkschaften mit Politikern mehrerer Parteien. In Haldenwang (Kreis Oberallgäu) wollen sie ihren Forderungen Nachdruck verleihen.