Eishockey: „Nach-Spiel-Zeit“

1000 Spiele in 63 Jahren: Die monumentale Karriere von Gerhard Kitzelmann

Ein Gesicht des Vereins: Gerhard Kitzelmann (Mitte, hier 1971) war Ziehvater einer ganzen Generation beim ERC Sonthofen.

Ein Gesicht des Vereins: Gerhard Kitzelmann (Mitte, hier 1971) war Ziehvater einer ganzen Generation beim ERC Sonthofen.

Bild: Maior, Kitzelmann Archiv

Ein Gesicht des Vereins: Gerhard Kitzelmann (Mitte, hier 1971) war Ziehvater einer ganzen Generation beim ERC Sonthofen.

Bild: Maior, Kitzelmann Archiv

Gerhard Kitzelmann hat beim ERC Sonthofen Generationen geprägt. Erst 2019 ist der 75-Jährige letztmals vom Eis gegangen. Wie er noch heute aktiv ist.
28.03.2021 | Stand: 19:00 Uhr

Es kommt die Zeit, da ist es genug. Auch für Gerhard Kitzelmann. 2019, mit 73 Jahren, ist der Sonthofer letztmals vom Eis gegangen. Veteran, Urgestein, Gesicht des Vereins: Kein Etikett schmückt die Eishockey-Karriere des 75-Jährige angemessen. „Karriere klingt absolut hochtrabend. Ich habe eine Laufbahn gehabt, der nichts gefehlt hat. Das reicht aber auch“, sagt Kitzelmann, als ihn unsere Redaktion zum Interview in seiner Wohnung in Sonthofen trifft. Es wird kein klassisches Sportler-Interview, das spüren wir früh. „Zweifacher Vater und fünffacher Opa klingt doch viel besser als jeder Titel“, ergänzt der Rentner. „Auch wenn Eishockey in Sonthofen mein komplettes Leben bestimmt.“ Eine kolossale Statistik belegt das: Gerhard Kitzelmann hat in 63 Jahren fast 1000 Spielen absolviert. „Gerhard ist einer der Ersten, die draußen im Stadion gespielt haben. Unglaublich, wie lange er dabei ist“, sagt Weggefährte Edi Endras. „Er hat den Verein von der ersten Stunde an begleitet.“

Klassisch, konventionell und „recht unauffällig“ sei sein Werdegang gewesen, sagt Kitzelmann, als er beginnt, den ersten von fünf Ordnern mit Bildmaterial und ausgeschnittenen Zeitungsartikeln durchzublättern. Über seinen sieben Jahre älteren Bruder Egon ist er 1950, mit fünf Jahren, zum Schlittschuhlaufen gekommen. Einige Jahre später versuchte er sich – noch in der Eissport-Abteilung des TSV Sonthofen – in einer Schülermannschaft. Mit der Gründung des ERC Sonthofen 1958 nahm die Laufbahn allmählich Fahrt auf. Dass diese für den gebürtigen Sonthofer allerdings nicht nur an der Leistung auf dem Eis zu messen ist, wurde früh deutlich. Kitzelmann half als Schüler beim Bau des Eisstadions, das 1959 eröffnet wurde. Sportlich lief es dagegen schleppend an.

Bundesliga-Aufstieg 1967

Zwar stieg er mit 17 zu den Herren auf, debütierte 1962 in der Oberliga gegen Düsseldorf, kam aber als Jungspund in ein etabliertes Zweitliga-Team. Während Bruder Egon als ERC-Kapitän und in den 1960er Jahren als Oberliga-Torschützenkönig durchstartete, war Gerhard, wie er gesteht, „anfangs ehrlich gesagt nur ein mittelmäßiger Spieler“. 1964 gab es den Oberliga-Meistertitel an der Seite seines Bruders, ehe die erfolgreichste Zeit folgte. 1966 lösten sich die Vereine aus Sonthofen und Oberstdorf auf – die Vorstände beschlossen die Gründung der Spielgemeinschaft. „Wir waren auf einen Schlag 40 Spieler im Training, nur die Besten der Besten“, erzählt Kitzelmann. „Da musste ich schauen, dass ich schritthalten konnte.“ Mittlerweile sind wir beim dritten Ordner angekommen.

Gerhard Kitzelmann (hinten, Zweiter von links) und die vielversprechende Junioren-Mannschaft des ERC Sonthofen 1962.
Gerhard Kitzelmann (hinten, Zweiter von links) und die vielversprechende Junioren-Mannschaft des ERC Sonthofen 1962.
Bild: Ronald Maior

Klangvolle Namen wie Karl Hahn, Karl Löckher und die Vozar-Brüder führten die SOS unter Trainer Siegfried Schubert 1967 in die Bundesliga. Kitzelmann erhielt dafür die Silberne Ehrennadel des EC Oberstdorf. „Wir hatten eine unglaubliche individuelle Klasse, sehr fordernde Trainer und so waren die Jahre sehr lehrreich für mich“, erzählt Kitzelmann. Die SOS spielte gegen die Nationalteams von Ungarn, Japan, Dänemark, Italien und die Niederlande. Von all den Erfahrungen sollte der Sonthofer noch profitieren – auch wenn das Erfolgsteam 1969 zerfiel. Kitzelmann heuerte beim Landesligisten SC Memmingen als Spielertrainer an, ehe er zu „seinem Verein“ zurückkehrte.

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Kitzelmanns Jahre in der Führungsrolle

Diesmal allerdings in einer prägenden Rolle. Von der Gründung 1972 und dem Start in der Kreisliga ging es mit drei Aufstiegen in drei Jahren rasant bergauf. Kitzelmann, Karl Stich und der blutjunge Edi Endras bildeten das gefürchtete Stürmer-Trio. „Das war meine schönste Zeit beim ERC“, erinnert sich Kitzelmann, während er inzwischen den vierten von fünf Ordnern aufklappt: „Es war eine tadellose Kameradschaft.“ Dass der 75-Jährige dabei seine Verdienste um das Eishockey in Sonthofen aber nicht hochhängen mag, wird deutlich, wenn er diese Blütezeit mit nur einem Satz abschließt: „Mei, 1977 war Schluss. Das war mit 32 normal in dem Alter.“ Richtig, völlig normal.

Er greift zum letzten Ordner. Und beginnt frech zu lächeln. „Und dann kamen 40 Jahre lang die Oldies“, sagt Kitzlemann. Sagenhafte vier Jahrzehnte engagierte sich das ERC-Urgestein, zwischenzeitlich auch Vorstands- und Ausschussmitglied, für die Mannschaft der „Alten Herren“, war über die gesamte Dauer Kapitän und hielt den Laden zusammen. „Gerhard hat den harten Kern angeführt – mit Toni Patzelt war er immer federführend“, sagt Freund Edi Endras: „Man muss wissen, dass er ein Ziehvater einer ganzen Generation war. Und das auch bei den Alten. Mit den Oldies sind wir nach Auswärtsspielen noch nachts zu den Kitzelmanns gefahren und da gab’s noch um 2 Uhr Spaghetti. Heute unvorstellbar.“

Schwerer Verlust in der Familie

Ziehvater einer ganzen Generation. „Ach komm, ich habe halt angefangen und irgendwann war Schluss“, sagt Kitzelmann. „Ich kann ja nicht bis Hundert spielen.“ Der 75-Jährige klappt den letzten Ordner zu. Mit 60 hat er das letzte Spiel für die Oldies bestritten – eins von fast 1000. Mit 73 ist er das letzte Mal vom Eis gegangen.

Vor vier Jahren verliert Gerhard Kitzelmann urplötzlich seine Frau – ein später Einschnitt im Leben des Familienmenschen. „Das war und ist zweifellos die schwerste Phase meines Lebens“, sagt Gerhard Kitzelmann, wobei das Lachen das erste Mal während unseres Besuchs aus seinem Gesicht weicht. „Umso wichtiger sind jetzt meine Kameraden.“ Denn auch ohne Eiszeit gibt es die „Oldies“ nach wie vor – die Gruppe geht mit den E-Bikes auf Tour, zum Skifahren oder in die Berge. „Ich habe ein erfülltes Sportlerleben gehabt und habe es noch heute“, sagt Gerhard Kitzelmann. „Deswegen fehlt mir auch überhaupt nichts. Im Gegenteil, ich habe zwei Kinder und fünf Enkelkinder.“

Gerhard Kitzelmann
Gerhard Kitzelmann
Bild: Ronald Maior