Das Sportjahr in der Region

2020 im Oberallgäuer Sport: Weltmeister, Schnapsideen und ein schwerer Verlust

Es gibt die Krönung für Philipp Buhl und Karl Geiger, Abstiege für die Sonthofer Volleys und ERC Sonthofen. Und das Oberallgäu verliert einen außergewöhnlichen Menschen.
01.01.2021 | Stand: 15:05 Uhr

Es ist weit mehr als das „C“, worüber die Oberallgäuer Sportwelt spricht, wenn sie an 2020 erinnert. Das Jahr ist mehr als Corona, mehr als eine Pandemie. Selbst in diesem so außergewöhnlichen Jahr haben wir uns über Champions gefreut, haben Mannschaften angefeuert, haben mit gefallenen Helden gelitten und ihre sportliche Talfahrt betrauert. Was bleibt, ist ein Jahr, in dem – wenn auch aus unliebsamen Gründen – nicht immer der Wettbewerbsgedanke im Vordergrund stand. Es war Zeit, Menschen zu begleiten. Ein Rückblick, der wie immer alles ist – nur nicht vollständig.

Mein Tag der Bestürzung

Lange Jahre durfte ich einen außergewöhnlichen Menschen begleiten, der uns 2020 verlassen hat. Am 14. April stirbt Heidrun Besler völlig unerwartet nach kurzer schwerer Krankheit im Alter von 64 Jahren. An diesem Tag verliert der Oberallgäuer Sport eine passionierte Läuferin, eine Sportlerin, die im kometenhaften Aufstieg Experten verblüfft hatte – und die Region verliert ein großes Herz. Nach Heidruns Tod rühren mich viele Reaktionen, das Mitgefühl ihrem Mann, ihren Kindern und Enkelkindern gegenüber wühlt mich auf – es ist der Tag, an dem ich vom ersten Buchstaben bis zum letzten Punkt einen Artikel unter Tränen schreibe.

Buhl wird unsterblich

Zwei Monate zuvor werde ich Zeuge, wie das emotionale Pendel des Sports in das andere Extrem ausschlägt: Am 16. Februar wird Philipp Buhl als erster Deutscher in der Geschichte Segel-Weltmeister in der Laserklasse und beendet zudem die schwarze Serie der deutschen Segler, die seit über 20 Jahren auf eine Goldmedaille in einer olympischen Disziplin gewartet hatten. Der 31-jährige Sonthofer setzt sich ein Denkmal, überwindet auch das naturgemäße emotionale Tief nach dem triumphalen WM-Märchen – und schöpft neue Motivation für Olympia 2021 in Tokio: „Es ist eine wichtige Lektion, die ich gelernt habe. Immer alles kontrollieren zu wollen ist ungut, dann entscheidet man nicht frei. Ich muss im Kopf meine Freiheit behalten. Wenn der WM-Titel etwas bewirkt hat, dann das.“

Das Märchen von „Karle“

Es dauert weitere elf aus sportlicher Sicht von der Pandemie ausgedünnte Monate, ehe wir den zweiten Weltmeister bejubeln dürfen: Am 13. Dezember fliegt „Karle“ zu Gold. In Planica, im Mekka der Weitenjäger, wird der Oberstdorfer Karl Geiger erstmals in seiner Karriere Skiflug-Weltmeister. Die Stunden und Tage danach wird der 27-Jährige gewiss nie wieder vergessen. Wenige Stunden nach der Heimkehr vom Gold-Coup bringt seine Frau Franziska die erste Tochter Luisa zur Welt, keine 48 Stunden später erhält Geiger die Nachricht von seinem positiven Covid-19-Test, um zwei Tage nach der Rückkehr aus der anschließenden Quarantäne die Konkurrenz zum Auftakt der Vierschanzentournee mit dem ersten Oberstdorfer Sieg seit 1959 zu zerlegen. Ein Träumer, wer sich so etwas ausmalt ...

Volleys und ERC: Ende einer Ära

Märchenhaft waren auch die unzähligen Glanzlichter, mit denen uns unsere hochklassigsten Oberallgäuer Teams in den vergangenen Jahren verwöhnt haben: Zwei Meisterschaften (2007 und 2017) der AllgäuStrom Volleys Sonthofen in der 2. Liga, der Zuschauerrekord gegen München mit 1280 Fans in der Allgäu-Halle, das Frühlings-Märchen des ERC Sonthofen, als Heiko Vogler und die Bulls 2017 bis ins Halbfinale der Play-offs stürmen.

2020 endet diese Ära. Die Volleys-Verantwortlichen um Geschäftsführer Christian Feger und Abteilungsleiter Peter Müller verkünden Mitte März den freiwilligen Rückzug aus der 2. Bundesliga. Der Abstieg soll eine Reinigung werden – mit eigenen Talenten des TSV und mit Gesichtern aus der Region will Sonthofen den Neustart wagen.

Einige Wochen zuvor bereits startet mit dem angemeldeten Insolvenzverfahren der ERC Sonthofen Spielbetriebs GmbH eine monatelange Zitterpartie, deren Ausgang unvermeidlich ist: Die Schwarz-Gelben können das Ruder nicht mehr herumreißen, die GmbH ist insolvent, das Team zerfällt – doch der Verein überlebt, und will noch einmal in der Bezirksliga von null beginnen.

Extrem-Hobbys und große Gesten

Und da sind die „verrückten Hunde“ des Sports, die unsere Berichterstattung in dem so einzigartigen Jahr bereichert haben, die sich der Pandemie zum Trotz ganz ihrem Hobby verschrieben oder ein neues gefunden haben. So absolviert der Sonthofer Extremschwimmer Hamza Bakircioglu (47) im Januar seine dritte Eismeile im Baggersee – das Projekt der sieben Meeresengen liegt aufgrund der eingeschränkten Reisemöglichkeiten auf Eis. Derselbe Grund war es auch, der Axel Reusch (52) angetrieben hat. Am Tag, an dem die Ironman-WM auf Hawaii stattgefunden hätte, simuliert der Allgäuer Rekordhalter das härteste Rennen der Welt: im Wonnemar, im Wohnzimmer und auf der Birkenallee. Nach 10:25:22 Stunden freut sich das Triathlon-Ass über den Altersklassensieg.

Wenn Caprano nicht an den Everest kann, holt Caprano den Everest nach Burgberg: Die durchgeknallteste Idee 2020 hat Patrick Caprano (27). Der Sonthofer meistert Ende Juni die Everest-Challenge – am Grünten. Caprano stürmt den Wächter des Allgäus zehn Mal, erreicht nach 16:22 Stunden die magische Marke von 8848 Meter, übersteht auf dem Weg dahin etliche Krämpfe, Wolkenbrüche und umgestürzte Bäume. Caprano macht mit der Aktion auf die Initiative des „Förderkreises krebskranker Kinder im Allgäu“ aufmerksam und wird mein persönlicher Champion der Herzen. In einem Jahr, das uns allen in Erinnerung bleibt. So wie Heidrun Besler.