Musik, Humor und Tiefgründiges

Achim Rinderle präsentiert Klopapier als Krone der Corona-Krise

Achim Rinderle _fotoBruno_Maul

„Krisen sind große Chancen für Veränderungen“: Klarinettist Achim Rinderle aus Immenstadt wertet die Pandemie als eine Art Warnung.

Bild: Bruno Maul

„Krisen sind große Chancen für Veränderungen“: Klarinettist Achim Rinderle aus Immenstadt wertet die Pandemie als eine Art Warnung.

Bild: Bruno Maul

In der Corona-Pandemie hat Achim Rinderle seinen Humor nicht verloren, aber sein Leben umstrukturiert. Der Immenstädter Klarinettist geht musikalisch neue Wege.
04.05.2021 | Stand: 19:00 Uhr

„Über uns Kleine macht man sich keinen Kopf, weil man uns für Überlebenskünstler hält“, kritisiert Achim Rinderle die Situation, mit der Musiker wie er in der Corona-Pandemie leben müssen. Er selbst spielt im Jahr normalerweise durchschnittlich dreißig Konzerte. Im vergangenen Jahr sind diese aber „ziemlich komplett flachgefallen“. Abgesehen von dem „Glücksfall“, dass er für eine Filmmusik engagiert wurde, die er als Studio-Produktion einspielen durfte, waren lediglich im Sommer ein paar vereinzelte Auftritte möglich, diese jedoch auch nur mit seinem Solo-Programm beziehungsweise einer seiner Duo-Formationen.

Mit seiner beliebten vierköpfigen Band „A Glezele Vayn“ konnte der Immenstädter Klarinettist hingegen schon lange nicht mehr zusammenspielen. Da die Musiker aus ganz Deutschland beziehungsweise sogar aus Holland zusammengewürfelt sind, droht die Formation durch die Pandemie momentan sogar „endgültig zu zerbrechen“. Nicht nur die Akkordeonistin der Gruppe hat es finanziell schwer getroffen, Achim Rinderle kennt auch einige andere Kollegen, die von Hartz IV leben müssen. Er selbst hat verschiedenste Hilfen für Kulturschaffende beantragt, ist dabei aber durch alle Raster gefallen. Daher ist es nicht verwunderlich, wenn er zugibt, dass er sich „im Stich gelassen fühlt“ und mit einem kritischen Unterton bemerkt, dass diese Situation deutlich mache, welchen politischen Stellenwert die Kultur innehabe.

Hunderte Kontzerte mit "A Glezele Vayn"

  • Achim Rinderle studierte Kulturpädagogik (Musik und Literatur) an der Universität Hildesheim und besuchte Fortbildungen in Klezmer und Improvisation.
  • Als Saxophon- und Klarinettenlehrer unterrichtete Achim Rinderle zunächst an Musikschulen in Hildesheim und Potsdam. Seit 2011 unterrichtet er an der Musikschule Oberallgäu-Süd. Außerdem ist er als Dozent für den Landesverband für Volksmusik Schwaben tätig.
  • Als Instrumentalist trat er von 1998 bis 2005 europaweit mit der Gruppe „!mahw“ auf, seit 2005 gab er hunderte Konzerte mit dem Klezmer-Ensemble „A Glezele Vayn“.

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Dank dem Musikunterricht als festes zweites Standbein kommt Achim Rinderle aber „gerade so ums Rädle“ und weiß dies auch zu schätzen. Sein Dank in dieser schwierigen Situation gilt vor allem seinen Schülern und deren Eltern, die sich „super solidarisch“ gezeigt haben und alle weitermachen, selbst wenn sie den Online-Unterricht nur als Ersatz einstufen.

Diese Tatsache hat den 48-Jährigen nicht nur tief berührt, Rinderle sieht diese Solidarität vielmehr als Chance. „Krisen sind große Chancen für Veränderungen“, betont er und räumt ein, dass es in seinen Augen schade wäre, wenn jeder genauso weitermachen würde wie vor der Pandemie. Eine solche Pandemie sei auch eine Art Warnung, um die Menschen darauf hinzuweisen, dass viele Aspekte ihres Lebensstils erst die Ursachen schaffen.

Rinderle selbst hat sein Leben früh „umstrukturiert“. Im Wissen, „dass wir alle mitziehen und Selbstverantwortung übernehmen müssen“, hat er seine Unterrichtsräume von Beginn der Pandemie an auch für Privatschüler geschlossen. Die Umstellung auf Online-Unterricht war zwar „eine Menge Arbeit“, und unterm Strich arbeitet der 48-Jährige dadurch für weniger Geld länger, aber Achim Rinderle ist es wichtig, die musikalische Begeisterung seiner Schüler auch in der schwierigen Zeit am Leben zu halten.

Mit Anja Heinz-Civelek und Benno Wechs

Daher nimmt er das alles gerne in Kauf und arbeitet sogar noch verstärkt daran, bei mehr Kindern die Lust zu wecken, ein Instrument zu spielen. Zu diesem Zweck hat er ein Video gedreht, in dem er nicht nur all seine Instrumente vorstellt, sondern auch die von einem Kind dazu gestellten Fragen kindgerecht und lustig beantwortet. Obwohl Fragen wie, wann es weitergeht, oder welche Kleinkunstbühnen nach der Pandemie überhaupt noch bestehen werden, alle Musiker irgendwie beschäftigen, macht Achim Rinderle auch musikalisch weiter. Allerdings nur im Rahmen seiner beiden Duo-Formationen mit Anja Heinz-Civelek und Benno Wechs sowie mit seinem Solo-Programm. „Mit Anja und Benno probe ich zwar ins Leere, aber unsere neuen Lieder und Programme haben wir, und ich sehe sie als Investition in die Zukunft“, erklärt Rinderle.

Das Plus an Zeit nutzt der Immenstädter für das Komponieren eigener Songs. Musikfreunde können sich auf Vimeo ein Bild über die vielseitigen Variationen machen. Teilweise sind die Lieder gemeinsam mit Anja Heinz-Civelek aufgenommen worden, ein Stück sogar im Wald, teils hat Rinderle aber auch solo Meditationssequenzen eingespielt.

Beim 48-Jährigen findet momentan ein Umdenken statt – auch was seinen Musikstil angeht. „Ich könnte mir vorstellen, meine Schwerpunkte anders zu setzen“, sagt er. Während Achim Rinderle bisher auf der Bühne mehr als „Entertainer“ auftritt, der für tiefgründige, aber durchaus humorvolle Musik steht, liegen ihm eigentlich „ruhige, meditative Konzerte sehr am Herzen“. Außerdem verrät er, dass er zudem damit liebäugelt, seine Musik als Quereinsteiger für therapeutische Zwecke einzusetzen.

Lachen über Tiefgründiges

Von der Pandemie inspiriert, hat er jedoch im ersten Lockdown noch eine Eigenkomposition als Musikvideo in dem Stil präsentiert, wie wir ihn kennen: „Die Krone der Krise“ ist ein Stück, das der Künstler selbst als neue deutsche Welle bezeichnet und dessen Text sich auch um Angst dreht. Mit einer Klorolle im Mittelpunkt, hat Rinderle das Thema aber getreu seinem Prinzip heiter aufbereitet: „Wenn mein Publikum über tiefgründige Themen lachen kann, dann bin ich auf dem Höhepunkt.“

Auch wenn Achim Rinderle zugibt, wie sehr ihm die schönen Konzerte sowie das zwanglose Zusammensitzen mit Kollegen und Publikum fehlen, plant er von sich aus noch keine Auftritte. Gespannt ist er jedoch darauf, wie sich die Szene ändert und auch wie große Veranstalter wie die Big Box oder Festival-Organisatoren aus der Pandemie herauskommen. Worüber sich Achim Rinderle jedoch sicher ist, ist das wachsende Bedürfnis an echter Musik und die damit einhergehende größere Wertschätzung, die den Musikern künftig von ihrem Publikum zu Teil werden wird.

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