Der Turnsport im Wandel

Akrobatik und filigrane Technik: So wurde Turnen im Oberallgäu zum Leistungssport

Turnen im Wandel

Dress, Geräte, Zuschauer: Beinahe alles im Turnsport hat sich in den vergangenen 65 Jahren verändert. 1956, als der Sonthofer Gerhard Freudenberg beim Oberschwäbischen Gauturnfest in Wangen turnte, trug man noch Uniform. Seit über zwei Jahrzehnten prägt Timur Tokat, mehrfacher deutscher Meister im Jahn-Neunkampf, die sportliche Geschichte des TSV Sonthofen.

Bild: 150-Jahr-Chronik TSV Sonthofen

Dress, Geräte, Zuschauer: Beinahe alles im Turnsport hat sich in den vergangenen 65 Jahren verändert. 1956, als der Sonthofer Gerhard Freudenberg beim Oberschwäbischen Gauturnfest in Wangen turnte, trug man noch Uniform. Seit über zwei Jahrzehnten prägt Timur Tokat, mehrfacher deutscher Meister im Jahn-Neunkampf, die sportliche Geschichte des TSV Sonthofen.

Bild: 150-Jahr-Chronik TSV Sonthofen

Über 70 Jahre hat sich das Turnen von der reinen Erziehungsmethode zum Leistungssport entwickelt. Drei Generationen an Sportlern vom TSV Sonthofen erzählen.
26.05.2021 | Stand: 16:25 Uhr

So vielfältig der Turnsport ist, so lang ist auch die Historie des Geräteturnens. Bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurden in Deutschland die ersten Turnvereine gegründet. Anfangs war das Ziel des Turnens vor allem eine Methode zur Erziehung der männlichen Jugendlichen. Seit 1896 ist der Sport olympisch, seit 1952 gibt es auch Einzel- und Mannschaftswettbewerbe bei den Frauen.

Heute ist der Sport deutlich professioneller, die Geräte sind aber im Großen und Ganzen identisch, zu denen vor gut 70 Jahren. Athletinnen turnen an vier verschiedenen Geräten: Boden, Sprung, Schwebebalken und Stufenbarren. Männliche Athleten haben es mit sechs Geräten zu tun: Boden, Sprung, Reck, Barren, Pauschenpferd und Ringe.

Heidi Adelgoß: "Der Sport ist athletischer geworden"

Inzwischen begeistern Sportlerinnen und Sportler dabei mit enormer Athletik, optimierter Technik und herausragender Körperbeherrschung – das war nicht immer Ziel des Turnens. Die Professionalisierung des Geräteturnens ist auch auf regionaler Vereinsebene spürbar, sagt Heidi Adelgoß, langjährige Leiterin der Turnabteilung des TSV Sonthofen: „Der Sport ist über die Jahre auf jeden Fall viel athletischer geworden. Durch den starken Einsatz der Trainer und Übungsleiter ist das Turnen in Sonthofen damit auch weit vorangekommen.“

Seit über zwei Jahrzehnten prägt Timur Tokat, mehrfacher deutscher Meister im Jahn-Neunkampf, die sportliche Geschichte des TSV Sonthofen.
Seit über zwei Jahrzehnten prägt Timur Tokat, mehrfacher deutscher Meister im Jahn-Neunkampf, die sportliche Geschichte des TSV Sonthofen.
Bild: TSV Sonthofen

Ähnlich sieht das auch der Vorzeige-Athlet aus dem Oberallgäuer Traditionsverein, Timur Tokat. Der Trainer der Leistungsriege Buben beim TSV sagt: „Das Leistungsniveau ist enorm gestiegen und das Training ist deutlich herausfordernder als früher.“ Und der mehrfache deutsche Meister im Jahn-Neunkampf fügt hinzu: „Das Turnen ist zudem wettkampforientierter geworden. Heute nehmen wir nicht nur lokal, sondern bayern- und auch bundesweit an Veranstaltungen teil. Das hat sich sehr verändert.“

Auch die Übungsformen an den Geräten und vor allem die Qualität der Geräte selbst haben sich enorm gewandelt. Beispielsweise sind die Matten besser gefedert, wodurch die Sicherheit erhöht und das Turnen von manchen Elementen erst möglich wurde. Hinzu kommt, dass Technik und Wettkämpfe durch moderne Technik angepasst organisiert werden können. „Wertungen der Punktrichter werden beispielsweise digital erfasst, wodurch vieles schneller und einfacher geworden ist“, sagt Tokat.

Sportwissenschaft spielt beim Turnen eine große Rolle

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Des Weiteren spielt die Sportwissenschaft eine zentrale Rolle. Das Training wird gezielter gesteuert, um das Optimum aus den Sportlern herauszuholen. „Früher wurde mehr nach dem Prinzip „Viel hilft viel“ trainiert. Inzwischen gehören aber auch gesunde Ernährung und Regeneration dazu“, weiß Kilian Krapp (17), Turner beim TSV.

Dress, Geräte, Zuschauer: Beinahe alles im Turnsport hat sich in den vergangenen 65 Jahren verändert. 1962, als der Sonthofer Gerhard Freudenberg beim Gauturnfest in Neugablonz am Barren turnte (im Bild), trug man noch Uniform. Seit über zwei Jahrzehnten prägt Timur Tokat, mehrfacher deutscher Meister im Jahn-Neunkampf, die sportliche Geschichte des TSV Sonthofen.
Dress, Geräte, Zuschauer: Beinahe alles im Turnsport hat sich in den vergangenen 65 Jahren verändert. 1962, als der Sonthofer Gerhard Freudenberg beim Gauturnfest in Neugablonz am Barren turnte (im Bild), trug man noch Uniform. Seit über zwei Jahrzehnten prägt Timur Tokat, mehrfacher deutscher Meister im Jahn-Neunkampf, die sportliche Geschichte des TSV Sonthofen.
Bild: TSV Sonthofen

Trotz dieser Entwicklungen in den vergangenen Jahrzehnten ist das Kunstturnen in Deutschland noch immer eine Randsportart. Auch die zahlreichen Erfolge Fabian Hambüchens auf der internationalen Bühne haben daran nur wenig geändert. Dafür gibt es laut Krapp einen Grund: „Turnen ist sehr zeitintensiv und es dauert lange, bis man Erfolge verzeichnet. Man gibt früh auf oder man zieht es durch. Es gibt keine so große Bandbreite an Niveau wie in anderen Sportarten.“ Neueinsteiger werden laut TSV-Präsidentin Heidi Adelgoß zudem davon abgeschreckt, dass man im Turnen neben dem großen Zeitaufwand „auch durchaus leidensfähig sein muss. Man tut sich schon oft weh.“

Ungleichgewicht der Geschlechter

Aber auch das Ungleichgewicht von Mädchen und Jungs wird zunehmend problematischer. War es Frauen zu Beginn der Turnbewegung im 19. Jahrhundert noch verboten, den Sport auszuüben, gibt es mittlerweile deutlich mehr Turnerinnen als Turner in deutschen Vereinen. „Bei den Mädels ist es definitiv einfacher, Nachwuchs zu generieren. Bei den Buben wird es schwerer“, sagt Adelgoß. Das hat Kilian Krapp in seiner Anfangszeit selbst erlebt. „Das Problem für viele Jungs ist, dass Turnen eher als Mädchensport gilt. Als ich mit fünf Jahren angefangen habe, war ich der einzige Junge in meinem damaligen Verein“, erzählt der 17-Jährige.

Dennoch schafft der Turnsport immer wieder neue Anreize für Kinder und Jugendliche – durch innovative Ideen und moderne Gerätschaften sind vielfältigere Übungen und Trainings möglich. So baut der TSV Sonthofen derzeit eine Schnitzelgrube, die im Sommer fertiggestellt werden soll. „Der Trend geht hin zu einer immer höheren Leistung und dadurch auch zu gefährlicheren Übungen. Mit Anlagen wie einer Schnitzelgrube wird das Training für unsere Kinder und Jugendlichen noch sicherer“, sagt Tokat.