Neuer Allgäuer Mountainbike-Shootingstar?

"Alles, nur nicht 08/15": Die außergewöhnliche Karriere von Vincent Beckmann

Der 22-jährige Oberstdorfer Vincent Beckmann bei seiner Weltcup-Premiere im Nationaltrikot.

Der 22-jährige Oberstdorfer Vincent Beckmann bei seiner Weltcup-Premiere im Nationaltrikot.

Bild: Armin Küstenbrück

Der 22-jährige Oberstdorfer Vincent Beckmann bei seiner Weltcup-Premiere im Nationaltrikot.

Bild: Armin Küstenbrück

Vincent Beckmann (22) erlebt eine kuriose Laufbahn. Nach einer Sinnkrise bringt ihn ein Schicksalsschlag zurück zum Sport. Plötzlich steht er im Nationalteam.
10.07.2021 | Stand: 07:32 Uhr

Es ist keine märchenhafte Geschichte. Noch nicht. Die Geschichte von Vincent Beckmann ist nicht die eines Shootingstars, der von Erfolg verwöhnt ist. Der 22-jährige Mountainbiker aus Oberstdorf kann nicht auf etliche Titel zurückblicken, nicht auf zahlreiche Weltcup-Teilnahmen. Noch nicht. "Das alles zählt jetzt nicht für mich", sagt Beckmann.

"Denn ich lebe gerade meinen Traum, freue mich über jeden neuen Schritt, den ich gehe. Und ich weiß, dass ich noch eine Menge davon zu gehen habe." Und doch ist seine Geschichte vielversprechend. Aus dem Nichts ins Nationalteam. Von heute auf morgen im Weltcup. Nach einer Bewerbung gab es im Mai das schwarz-rot-goldene Trikot von Mountainbike-Bundestrainer Peter Schaupp: Seither hat Vincent Beckmann turbulente Wochen hinter sich. Und das, obwohl die Karriere des gebürtigen Nordrhein-Westfalen anfänglich alles andere als ungewöhnlich verläuft.

Einzelsiege, kaum Verletzungen - keine spektakuläre Jugendzeit

Der im niedersächsischen Solling aufgewachsene Beckmann versucht sich in der Kindheit im Fußball, fährt mit seinem Bruder Snowboard und steigt mit acht Jahren erstmals auf den Sattel eines Mountainbikes. "Es gab ein paar Einzelsiege in der Jugendzeit, Podiumsplatzierungen in regionalen Rennserien, Siege in der Heimat beim Allersheimer MTB-Marathon", sagt Beckmann. Dazu kaum Verletzungen - bis dahin keine spektakuläre Laufbahn und nichts, das auf einen extraordinären Karriereverlauf hindeutet.

Der Oberstdorfer Vincent Beckmann (Mitte) beim Weltcup in Les Gets.
Der Oberstdorfer Vincent Beckmann (Mitte) beim Weltcup in Les Gets.
Bild: Armin Küstenbrueck

Bis 2015, als Beckmann sein letztes Rennen absolviert – mit 16 Jahren. „Ich habe einige Jahre nur Steigerungen erlebt und kam an einen Punkt, an dem ich nicht mehr wusste, wo ich hinwill“, erinnert sich Beckmann. Der Biss fehlt, der finanzielle und der zeitliche Aufwand sind zu groß, der Druck verdrängt den Spaß. Die Lebensinhalte verschieben sich.

Ein Todesfall wird zum Schlüsselmoment - Beckmann verfolgt seinen Traum

2016 legt er sein Abitur ab, beginnt sein duales BWL-Studium in Mannheim. Schon während der Studienzeit habe er gemerkt, dass „mich die intellektuelle Anstrengung ohne die körperliche nicht ganz erfüllt“, sagt Beckmann heute. Erstaunlich reif wirkt der Wahl-Oberstdorfer mit seinen 22 Jahren. Zum Schlüsselmoment wird der Tod seiner Großmutter 2017. „Das hat mich so sehr getroffen, dass ich viel infrage gestellt habe. Ich habe mich gefragt, was mein Plan für das Leben ist. Dann habe ich mich an meinen Traum erinnert: Ich wollte immer schon bei der Transalp teilnehmen“, sagt Beckmann. Er hatte ein Ziel gefunden.

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2019 war der nächstmögliche Zeitpunkt für die Erfüllung dieses Traumes – Beckmann musste die Fitness von null an wiederaufbauen. „Das Rad war verkauft, ich hatte keine Ausrüstung mehr – ich habe mit Laufeinheiten um fünf Uhr morgens begonnen“, erzählt Beckmann. Den Auftakt machte ein Marathon, den Beckmann bezeichnenderweise mit dem Rad seines Vaters fuhr. Der Teenager hatte wieder Blut geleckt – nach dem Comeback bei der Zillertal-Challenge 2018 wurde Beckmann 2019 bei der Transalp Vierter der U23 und aus dem Stand 34. bei den Elite-Herren.

„Da habe ich erkannt: Man muss kämpfen, um seine Träume wahr zu machen, weil man selbst in der Lage ist, sich die besten Gefühle selbst zu erschaffen.“ Diese Erkenntnis treibt ihn heute an. Nur wenige Monate nach Abschluss der Ausbildung bewarb er sich im Allgäu – „ich wollte schon immer in die Berge und das Lebensgefühl nicht nur für ein Wochenende erleben“, sagt Beckmann. Dieser Wunsch zog ihn letztlich nach Oberstdorf.

Im Oberallgäu hat der Mountainbiker, der für sein Heimat-Team, den DDMC Güldenmoor in Solling startet, gelernt, sich selbst anzutreiben. Beckmann trainiert alleine, Heim-Trainer Jörg Redeker übernimmt Organisation, Saisonplanung, Auswertung der Rennen und die Leistungssteuerung aus der Ferne. Sechs Tage die Woche, zwei Stunden täglich lautet das Pensum – neben der täglichen Arbeit.

Schriftliche Bewerbung beim Bundestrainer: Dann geht alles schnell

Bis zu Beginn dieses Jahres. Beckmann war zur Vorbereitung auf die Saison beim Bundesliga-Rennen in Obergessertshausen angetreten und hatte „immer mehr Lust darauf, mal ein Cross-Country-Rennen zu fahren. Mein Plan war eigentlich, irgendwann bis 2023 im Nationaltrikot zu fahren“, sagt der 22-Jährige. Es sollte bedeutend schneller gehen.

Der 22-jährige Oberstdorfer Vincent Beckmann bei seiner Weltcup-Premiere im Nationaltrikot.
Der 22-jährige Oberstdorfer Vincent Beckmann bei seiner Weltcup-Premiere im Nationaltrikot.

Beckmann fasste sich ein Herz, bewarb sich schriftlich um einen Weltcup-Platz beim Bundestrainer der Mountainbiker, Peter Schaupp. Dieser darf für jeden Weltcup einen Pool aus Fahrern nominieren, die noch keine Weltranglisten-Punkte haben. Bis heute weiß Beckmann nicht so recht, weshalb er ausgewählt wurde – „aber ich habe mich riesig über Chance gefreut.“

In einer hochemotionalen Premiere auf der großen Weltcup-Bühne wurde der Oberstdorfer in Leogang 105., startete drei Wochen später auch noch in Les Gets und landete hier auf Rang 98. Durch die Platzierung in der Region Auvergne-Rhône-Alpes kletterte Beckmann in der Weltrangliste um 104 Plätze – auf Rang 890. Ist das ein Shootingstar? „Eben nicht. Ich bin auch kein Überraschungsfahrer, sondern nur ein Sportler, der sich seinen Traum so sehr in den Kopf gesetzt hat, dass er zum Ziel wurde“, sagt Beckmann. „Es gehört viel dazu, den ersten Schritt zu wagen. Ich spüre so langsam, dass sich jeder noch so harte Schritt auszahlt.“ Und diese brauchen Zeit.

Vincent Beckmann scheint mit 22 Jahren das richtige Maß an Demut und die Einordnung von Erfolg und Misserfolg gelernt zu haben. „Ob ich auf Weltranglistenplatz 890 oder 600 liege, ist mir egal. Bis zu den nächstbesseren 100 sind es Welten, das weiß ich allzu gut. Ich denke also nicht an Titel oder Weltcupstarts – sondern an Erinnerungen“, sagt Beckmann. „Was ich erlebe, ist alles, nur nicht 08/15. Es ist mir mehr wert, dass ich eines Tages meinen Enkeln erzählen kann, dass ich tolle Orte auf der Welt kennengelernt habe. Denn ich kann überall gewinnen oder ausscheiden: Aber wenn ich besondere Erlebnisse mitnehme, sind die durch nichts zu ersetzen.“