Buchpräsentation in Tannheim

Bergbahnen, Gewerbegebiete und Eventtourismus: So hat sich die Alpenlandschaft im Oberallgäu verändert

Ein Blick von der Kanzel am Oberjoch über Bad Oberdorf zum Imberger Horn, das sich heute größtenteils bewaldet präsentiert. Eine Aufnahme im Buch „Allgäuer Alpen im Wandel“ aus dem Jahr 1934 zeigt das Imberger Horn mit viel weniger Wald. Damals waren mehr Weideflächen am Berg als heute.

Ein Blick von der Kanzel am Oberjoch über Bad Oberdorf zum Imberger Horn, das sich heute größtenteils bewaldet präsentiert. Eine Aufnahme im Buch „Allgäuer Alpen im Wandel“ aus dem Jahr 1934 zeigt das Imberger Horn mit viel weniger Wald. Damals waren mehr Weideflächen am Berg als heute.

Bild: Silvia Reich-Recla/AZ-Montage

Ein Blick von der Kanzel am Oberjoch über Bad Oberdorf zum Imberger Horn, das sich heute größtenteils bewaldet präsentiert. Eine Aufnahme im Buch „Allgäuer Alpen im Wandel“ aus dem Jahr 1934 zeigt das Imberger Horn mit viel weniger Wald. Damals waren mehr Weideflächen am Berg als heute.

Bild: Silvia Reich-Recla/AZ-Montage

Die Autoren von "Alpen im Wandel" und ein Professor kritisieren dabei unter anderem die Förderung von Bergbahnen und die Flächenversiegelung.
25.05.2022 | Stand: 18:30 Uhr

Der „Alpenprofessor“ Werner Bätzing warnt in Tannheim (Tirol) vor „einem unendlichen Wirtschaftswachstum auf einem begrenzten Planeten“. Als er das sagt, referiert er nicht etwa vor Unternehmern. Sein Publikum sind Landwirte aus der Region, Bürgermeister und Tourismusfachleute aus der Region. Es geht um „Allgäuer Alpen im Wandel“. So ist der Titel eines überarbeiteten Buchs aus dem Jahr 2006 (Allgäu im Wandel).

Die Autoren sind der Diplom-Geologe Andreas Güthler (53) und Markus Pingold (45), der an der Uni in Erlangen für die Lehrerausbildung mit zuständig ist. Diese beiden beschäftigen sich mit Vergleichen, die zeigen, wie sich Landschaft, Lebensweise und Einstellungen im Laufe der Zeit ändern. Pingolds Resümee: „Landwirtschaft und Tourismus müssen zwingend zusammenarbeiten.“ Es sei wichtig, die Kulturlandschaft zu erhalten und Alpweiden zu bewirtschaften. Auch, wenn das auf Anhieb nicht jeder verstehe.

Befragung von Touristen in Bad Hindelang zu Bild der Alpen

Pingold ging auf eine Befragung von 16 Touristenpaaren der Gemeinde Bad Hindelang ein. Sie bewerteten „die Zunahme des Waldes auf vorgelegten Bildvergleichen zunächst ausnahmslos positiv“. Viele Urlauber und auch Einheimische gingen davon aus, dass „Wälder generell gefährdet sind und folgern daraus, dass auch die Waldflächen zurückgehen“. Das sei in unserer Region nicht der Fall – im Gegenteil. Mehr Wald bedeute im Oberallgäu, dass traditionell bewirtschaftete Bergweiden verloren gehen. Der Wechsel von Wald und Weide sei die Landschaft, die sich Touristen und Einheimische wünschten. (Lesen Sie auch: Oberstdorf will Besucher digital lenken und Schilder abbauen)

„Aber der Klimawandel wird das Gesicht unserer Landschaft verändern“, sagt Pingold. Es sei „Fakt, dass sich die Temperatur bis 2050 um zwei bis drei Grad gegenüber vorindustriellen Zeiten erhöhen wird“. Das werde zu mehr Windwurf führen und zu Unwettern, aber auch zu mehr Sommertrockenheit und zu mehr geschwächten Fichten. Ein Waldumbau sei dringlich hin zu Mischbeständen und weg von der Fichten-Monokultur.

Die neue Murfangsperre am Zillenbach in Bad Hindelang zum Schutz des Orts.
Die neue Murfangsperre am Zillenbach in Bad Hindelang zum Schutz des Orts.
Bild: Klaus Kiesel

Blumenreiche Bergwiesen sollen weiter gefördert werden

Auch sei das Vertragsnaturschutzprogramm für bäuerliche Betriebe wichtig. Ohne staatliche Zuschüsse werden „die meisten wertvollen Hang-, Trocken- und Feuchtflächen im Allgäu aufgegeben“. Allerdings könnten sich Programme schnell ändern. EU-weit sei zudem die Förderung an die bewirtschaftete Fläche geknüpft. Pingold mahnt ein Umdenken an, weg von der Fläche hin zur „Honorierung von wertvollen gesellschaftlichen und ökologischen Leistungen“.

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Landwirtschaft

Warum auch Bergwiesen gemäht werden

Wenn Landwirte blumenreiche Bergwiesen pflegen, tragen sie dazu bei, die Region als attraktives Urlaubsziel zu erhalten, sagte Güthler. Honoriert werden könnte das „mit einem unbürokratischen Beitrag aus der Kurtaxe“. Schon wenige Cent könnten viel bewegen bei jährlich fast sieben Millionen Übernachtungen im südlichen Oberallgäu und im Tannheimer Tal. (Lesen Sie auch: Neues im Kreislehrgarten Oberallgäu für Bienen, Vögel und das Herz der Gärtner)

Fast 30 Prozent Zweitwohnsitze in Oberstdorf

Authentische Naturerlebnisse würden im Trend liegen. Güthler sagt: „Eine Region, die sich über eine einzigartige Kulturlandschaft und regionale Spezialitäten profiliert, kann künftig dem allgegenwärtigen Eventtourismus den Rang ablaufen.“ Er wies darauf hin, dass immer mehr gebaut werde, sprach von „einem Prozent Wachstum der Siedlungsfläche im Jahr“. Da komme im Laufe der Zeit einiges zusammen. Bei Gewerbegebieten sei der Zuwachs noch größer. In Oberstdorf gebe es fast 30 Prozent Zweitwohnsitze. „Darauf sollte man mehr Augenmerk legen“, sagt Güthler vor dem Hintergrund, dass immer mehr Fläche versiegelt werde.

Kritisch betrachtet er auch die Bergbahnförderung. 157 Millionen Euro seien von 2010 bis 2020 in die Infrastruktur investiert worden, weitere 98 Millionen Euro für die nächsten zehn Jahre geplant. Jeder Steuerzahler zahle mit, weil es 30 Prozent staatliche Förderung gebe.

Wie sich die Allgäuer Alpen verändert haben

„Die Landschaft muss in unserem Bewusstsein einen eigenen Wert erhalten“, schreiben die beiden Autoren in ihrem Buch „Allgäuer Alpen im Wandel“. Das stellt historische Aufnahmen aus dem oberen Allgäu und dem Tannheimer Tal neben aktuelle Fotos mit fast dem gleichen Bildausschnitt. Finanziert wurde die Neuauflage von der Gemeinde Bad Hindelang und dem Tiroler Tannheim mit Unterstützung von Obermaiselstein, Balderschwang und Ofterschwang.

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