Entwicklung des Radsports

Aus Willenskraft wird Wissenschaft: Der Radsport im Wandel der Zeit

Sport, Oberallgäu, Serie Sport im Wandel, Radsport beim RSV Sonthofen Ottmar Hindelang und Anneliese und Bernhard Baldauf

Ottmar Hindelang Anfang der 1980er Jahre: "Radeln früher bestand aus unglaublichem Willen und irrsinnigem Trainingsfleiß", sagt der 65-Jährige. "Was damals Willenssache war, ist heute viel mehr zur Wissenschaft geworden."

Bild: Toni Nessler

Ottmar Hindelang Anfang der 1980er Jahre: "Radeln früher bestand aus unglaublichem Willen und irrsinnigem Trainingsfleiß", sagt der 65-Jährige. "Was damals Willenssache war, ist heute viel mehr zur Wissenschaft geworden."

Bild: Toni Nessler

Mit dem Aufkommen von Mountainbikes und E-Bikes hat sich die Rad-Szene gewandelt. Die Folgen für den Radsport sind zweigeteilt: sowohl Fluch als auch Segen.

Von Marion Bässler
30.07.2020 | Stand: 06:30 Uhr

Aus Holz-Tennisschlägern wurden Karbon-Rackets, aus massiven Drahteseln ultraleichte Rennmaschinen, präzise Arbeit mit dem Maßband ist von moderner Lasertechnik abgelöst. In vielen Bereichen des Sports gilt heute: höher, schneller, weiter. In unserer neuen Serie „Sport im Wandel“ blicken wir auf Ursprünge und Entwicklungen von Sportarten, auf neue Trends und Strömungen, und wir lassen Generationen des Oberallgäuer Sports ihre Geschichten erzählen.

Als Ottmar Hindelang mit dem aktiven Radsport begann, war der Begriff gleichbedeutend mit „Rennradsport“. Abgesehen von den Leistungssportlern auf Rennrädern waren nur solche Radler unterwegs, die ihren Drahtesel als reines Fortbewegungsmittel nutzten. Hindelang, später Vorstand des RSV Sonthofen, war als Kind von seinem zwei Jahre älteren Bruder angespornt worden, in die Pedale zu treten. Motiviert haben ihn die Erfolge von „echten Radsport-Größen“, wie dem belgischen Profi Eddy Merckx, von dem er noch heute ehrfurchtsvoll spricht: „Die Schinderei und Quälerei, die sie damals auf sich genommen haben, hat mich beeindruckt – ich wollte auch gerne so radfahren können“, erinnert sich der 65-Jährige.

Die körperlichen Voraussetzungen, die damals nötig waren, hat Ottmar Hindelang in Form von „unglaublichem Willen und irrsinnigem Trainingsfleiß“ schnell auf den Punkt gebracht. Die Sportler damals mussten ohne Leistungsdiagnostik und die heute gängigen Trainingsmethoden klarkommen – daher verlief im Training viel nach dem Versuchs- und Irrtumsprinzip. „Was damals Willenssache war, ist heute mehr zur Wissenschaft geworden“, sagt Hindelang. Früher sei es auf die Intuition angekommen, die Signale des Körpers richtig zu deuten, während heute Computer mithilfe von Laktatwerten und Diagnostik sagen, wie man sein Training aufbauen solle. Er selbst führte seinerzeit noch ein handschriftliches Trainingstagebuch, das er selbst auswertete. Aber obwohl Hindelang die früheren Zeiten als „spannender und weniger planbar“ bezeichnet, würde es ihn auch reizen, in der heutigen Zeit zu fahren. „Mit den Methoden würde ich viele Fehler von damals nicht machen und mir manch leidvolle Erfahrung ersparen“, sagt er. Die Abhängigkeit von technischen Hilfsmitteln sieht er aber als Nachteil.

Anneliese und Bernhard Baldauf nutzen E-Bikes seit einigen Jahren - sehen aber die technische Entwicklung als "Fluch und Segen" zugleich.
Anneliese und Bernhard Baldauf nutzen E-Bikes seit einigen Jahren - sehen aber die technische Entwicklung als "Fluch und Segen" zugleich.

Auch das Terrain war ein anderes. Da das Rennrad die Fahrer e auf asphaltierte Strecken gezwungen hat, war es zu der Zeit im Gelände „noch ruhig“ – der erste Wandel zu Querfeldein-Fahrern“ hat sich mit dem Aufkommen der Mountainbikes in den 1990er Jahren vollzogen. Durch das Mountainbiken sowie Parallel-Sportarten wie Downhill, ist „der Radsport breiter geworden“, weiß Hindelang. Die Erfindung der E-Bikes letztlich war ein Meilenstein der Rad-Szene, der Neueinsteiger wie auch Wiedereinsteiger in den Sattel gebracht hat.

Ottmar Hindelang: „Einsatz mit Maß und Ziel“

Grundsätzlich sieht der 65-Jährige die E-Bikes als „tolle Erfindung“, allerdings nur in Bezug auf die, die sie „sinnvoll einsetzen“. Als Auto-Ersatz, um zur Arbeit oder zum Einkaufen zu kommen, seien sie genauso „grandios“, wie für die Radler, die nicht mehr so fit sind, aber dank E-Bikes noch ihre geliebten Strecken fahren können. „Als Fortbewegung sind sie eine Bereicherung für die Gesellschaft, aber ihr Einsatz muss Maß und Ziel haben“, betont Hindelang.

Da die Gefährte durch ihren Elektromotor eine andere Zielgruppe ansprechen, gäbe es Anfänger, denen Erfahrung fehle und die mit der anderen Schwerpunktbewegung des schweren Gefährts überfordert seien – eine Gefahr für andere Verkehrsteilnehmer, und damit „Fluch und Segen zugleich“, sagt Hindelang. Dieser Aussage pflichtet Anneliese Baldauf bei, obwohl sie und ihr Mann Bernhard selbst 2016 aufs E-Bike umgestiegen sind.

„Es radeln viele, die früher nicht geradelt sind und die das E-Bike nicht beherrschen. Das macht die Sache gefährlich“, sagt Baldauf. Die 56-Jährige möchte ihr E-Bike nicht mehr missen, obwohl sie sich lange dagegen gesträubt hat. „Wenn ich radle, will ich selbst was tun“, entgegnete sie ihrem Mann, als dieser mit dem neuen Gefährt liebäugelte. Als Bernhard Baldauf auf seinen Radtouren aber immer mehr E-Biker traf, war sein Entschluss gefallen. Von ihren Kindern dazu animiert, probierte es auch seine Gattin aus. Seither ist ihre erste Wahl fast immer das E-Bike.

"Strecken fahren, die früher nicht möglich gewesen wären"

Während sie bei ihrer ersten Tour noch an die Leute dachte, die das Elektro-Rad abfällig belächeln, überwog schnell die Freude. „Wir radeln schon immer viel und jetzt kann ich Strecken fahren, die früher nicht möglich gewesen wären“, erzählt sie. Oft nutzt sie das Rad auch als Auto-Ersatz und fährt zum Einkaufen. Selbst ihre Tochter, die für gewöhnlich mit Rennrad und Mountainbike aktiv ist, leiht sich manchmal ihr E-Bike für eine Tour – „und genießt den Unterschied“, verrät Anneliese Baldauf. In Sachen Technik kümmern sich die Söhne um die Wartung. Der im wahrsten Sinne des Wortes gewichtige Nachteil sei das schwere E-Bike. „Es hochzuheben, um es bei einer Tour über einen Zaun zu heben, ist für vor allem eine Frau kaum machbar“, sagt Baldauf. Zudem sei man sehr vom Akku abhängig. Eben: Fluch und Segen der Wissenschaft.