Buch über ein dunkles Kapitel der Kirchengeschichte

Pfarrer fordert Reformen der Kirche: „Menschen sind auf der Suche wie nie zuvor“

„Man kann den Glauben faszinierend vermitteln“, sagt Dr. Richard Kocher, Programmdirektor von Radio Horeb und Pfarrer der Gemeinde Balderschwang.

„Man kann den Glauben faszinierend vermitteln“, sagt Dr. Richard Kocher, Programmdirektor von Radio Horeb und Pfarrer der Gemeinde Balderschwang.

Bild: Ralf Lienert

„Man kann den Glauben faszinierend vermitteln“, sagt Dr. Richard Kocher, Programmdirektor von Radio Horeb und Pfarrer der Gemeinde Balderschwang.

Bild: Ralf Lienert

Radio-Horeb-Programmdirektor Dr. Richard Kocher beschreibt in seinem Buch die Verunsicherung der Menschen durch Krisen und warnt davor, dem Zeitgeist zu folgen.
11.12.2022 | Stand: 05:30 Uhr

Die Energie-Krise, der Krieg in der Ukraine, aber auch Entwicklungen in der Gesellschaft und der Kirche verunsichern derzeit viele Menschen. Pfarrer Dr. Richard Kocher aus Balderschwang versucht in seinem Buch „Zeitgeist oder Geist der Zeit“ eine Antwort auf die Frage zu geben, was in der heutigen Zeit noch Bestand hat und den Menschen Halt geben kann. Die erste Auflage des Buches mit 2500 Exemplaren war in wenigen Wochen ausverkauft. Der Autor stellt mit biblischen und historischen Untersuchungen die These auf, dass die Anpassung an den Zeitgeist die christliche Botschaft verfälscht und die Menschen in die Irre führt. Zudem stellt der Programmdirektor des Senders Radio Horeb die derzeitige Praxis der Sakramentsprechung infrage. Im Interview spricht er über die Ängste der Menschen, dunkle Kapitel in der Kirchengeschichte und notwendige Reformen.

Als Programmdirektor von Radio Horeb erhalten sie täglich 50 bis 60 Rückmeldungen von Hörern. Welche Nöte und Sorgen beschäftigten die Menschen?

Pfarrer Richard Kocher: Ich spüre eine große Verunsicherung - Ängste bis hin zu Depressionen. Es gibt viele Menschen, die durch die Corona-Krise und die Teuerung Existenzängste haben. Hinzu kommt jetzt noch der Krieg; die Menschen kommen aus der Angst nicht mehr heraus. Auch innerkirchliche Streitereien tragen zur Verunsicherung bei.

Wie kann die Kirche dieser Verunsicherung begegnen?

Kocher: Ich erlebe den Glauben als Zuversicht, als inneres Getragensein. Das ist auch der Inhalt meiner Doktorarbeit gewesen: Die Vorsehung, also das Wissen, dass Gott uns durchs Leben geleitet und dass man den Weg nicht alleine gehen muss, kann sehr befreiend wirken. Das trägt wesentlich dazu bei, dass man von der Angst befreit wird und einen klaren Kopf behält. Das ist etwas, das der Glaube bewirken kann. Es tut mir innerlich weh, wenn die Kirche nur noch mit Missbrauchsskandalen in Verbindung gebracht wird. Das Entscheidende gerät unter die Räder.

Aber auch die Vorsehung ist in Verruf geraten?

Kocher: Die Vorsehung galt lange als eine uninteressante Provinz der theologischen Forschung, weil sie in der Geschichte missbraucht worden ist. So musste ich in meiner Doktorarbeit die Reden von Adolf Hitler analysieren. Er hat ständig - in seinem schnatternden und aggressiven Ton - von der Vorsehung gesprochen. Es war natürlich nicht die Vorsehung Gottes, sondern die Vorsehung des Bösen.

Aber dennoch haben Sie sich in ihrer Doktorarbeit und jetzt in ihrem neuen Buch mit der Vorsehung beschäftigt?

Kocher: Es ging mir darum, das erst einmal sozusagen freizuschaufeln. Dabei bin ich auf den Ersten Weltkrieg gestoßen. Das „Eiserne Kreuz“, eine Auszeichnung für Tapferkeit, trug damals die Inschrift „Gott mit uns“. Aber war Gott wirklich mit den deutschen Soldaten? War er nicht auch bei den Franzosen und Engländern? Was ich in den Archiven der Bibliotheken an Vorsehungsliteratur gefunden habe, war schockierend. Es hat kaum einen theologischen Begriff gegeben, der nicht für den Krieg instrumentalisiert worden ist.

Geben Sie ein konkretes Beispiel?

Kocher: Theologen schreiben etwa, die Generalmobilmachung Deutschlands sei ein Pfingstereignis. Dabei ging es darum, einen modernen Krieg zu führen. Der Vergleich sollte zeigen: Beim Pfingstereignis wurden alle Kräfte für die Verbreitung des Glaubens mobilisiert - und jetzt werden alle Kräfte mobilisiert, um den Gegner militärisch niederzuringen. Das hat mich geprägt für den Rest meines Lebens, dass man so etwas nie tun darf.

Gibt es Parallelen zur Gegenwart?

Kocher: Ein Freund aus Russland hat mir erzählt, dass dort die russisch-orthodoxe Kirche genau das Gleiche tut. Er bekommt das im ganzen Land mit. Es geht angeblich um eine „heilige Mission“ und darum, dass Putin das einzig Richtige tut. Das ist – heute wie damals im Ersten Weltkrieg – Verrat am Glauben. Denn die Pflicht der Christen wäre es, zum Frieden zu mahnen.

Was war Ihr Antrieb sich mit diesem dunklen Kapitel der Kirchengeschichte zu beschäftigen?

Kocher: Mir geht es nie um eine reine Geschichtsbetrachtung, sondern immer um das Heute. Was geschehen ist, sollte uns nachdenklich machen. Wir wollen immer unter allen Umständen anschlussfähig sein. Müssen wir das wirklich? Für mich gibt es nur eine Anschlussfähigkeit, und das ist die an Jesus Christus - das ist für uns verpflichtend. Dafür müssen wir uns einbringen, auch wenn es manchmal unbequem ist, aber das ist unsere Aufgabe.

Welche Rolle kommt einem christlich geprägten Radio-Sender dabei zu?

Kocher: Dieses Medium ist wichtig, weil wir über die Kirchenzeitungen nicht mehr so viele Menschen erreichen wie früher. Die Zukunft der Medien ist trimedial: Audio, Video und Internet. Die Hörerzahl von Radio Horeb hat sich in der Corona-Zeit verdoppelt. Man muss auf der Höhe der Zeit sein. Wenn man nicht aufpasst, ist man schnell weg vom Fenster. Junge Menschen konsumieren beispielsweise Medien fast nur noch über das Smartphone. Wenn ich sie erreichen will, brauche ich kurze Clips, von jungen Leuten gemacht, die auch in den sozialen Internet-Netzwerken angenommen werden.

Zurück zu ihrem Buch. Wie kann die Kirche sich reformieren und die Herausforderungen der Zeit meistern, ohne doch dem Zeitgeist zu folgen?

Kocher: Man muss den Menschen das Evangelium mit modernen Mitteln nahebringen. Ein gutes Beispiel sind die Alpha-Kurse. Dort werden beispielsweise mit gut gemachten Filmen die wesentlichen Inhalte des Glaubens nahegebracht: Warum bin ich hier? Warum muss ich leiden? Was heißt Erlösung? Die Leute wollen Gemeinschaft erleben, gemeinsam essen und miteinander sprechen. Dieses Format hat sich als erfolgreich herausgestellt. Denn die Menschen sind auf der Suche wie nie zuvor.

Wie wollen sie die Menschen erreichen?

Kocher: Ein wichtiger Weg, wenn auch nicht der Einzige, die Menschen noch zu erreichen, sind die Social Media. Hirten der Kirche hatten im Lockdown Klickzahlen bis zu 80.000 bei einzelnen Beiträgen. Das dürfen wir jetzt nicht mehr zurückfahren. Wir müssen die digitalen Medien nutzen, so wie man früher die Römerstraßen benutzt hat, um das Evangelium zu verbreiten. Auf diesen Wegen müssen wir die Menschen für die Evangelisierung erreichen.

Sie stellen in Ihrem Buch infrage, ob es wirklich das Ziel der Kirche sein muss, möglichst viele Menschen zu erreichen oder ob sie sich nicht auf wenigen Menschen konzentrieren sollte, die wirklich den Glauben leben wollen?

Kocher: Das ist eine der schwierigsten Fragen, die es überhaupt gibt. Die Problematik liegt zwischen Rigorismus – auf die kleine Herde zusteuern und sich auf diese zu konzentrieren – und der Masse der Menschen. Den Spagat zu finden, ist sehr schwierig. Ich habe diese Frage in meinem Buch offen gelassen.

Aber Sie äußern im Buch Zweifel, ob es Sinn macht, das Sakrament der Firmung zu spenden, wenn die jungen Menschen die folgenden Jahre nicht mehr in die Kirche gehen. Aber vergibt die Kirche da nicht die Chance, dass die jungen Menschen eines Tages zurückkehren?

Kocher: Der Weg der Kirche kann es nicht sein, alle auszuschließen, die nicht hundertprozentig mitmachen. Denn vielleicht erinnern sich die Menschen später einmal daran, was sie gehört haben. Auf der anderen Seite glaube ich, dass wir eine andere Form der Vorbereitung brauchen. Jeder will erfolgreich sein: Der Fischer möglichst viele Fische, der Bauer eine reiche Ernte und der Hirte möglichst viele Kühe oder Schafe. Wenn wir über Jahrzehnte hinweg weithin in dem Sinn Misserfolg haben, dass die Jugendlichen sich nach dem Empfang des Sakraments der Firmung fast vollständig von der Kirche verabschieden (es sind sicher mehr als 90 Prozent) und das trotz intensiver und hingebungsvoller Vorbereitung von einem halben Jahr, dann müssen wir uns überlegen, ob wir etwas ändern müssen, wie dies in Italien oder Frankreich schon mit Erfolg stattfindet.

Was stimmt nicht?

Kocher: Ich plädiere dafür, dass wir unter anderem über andere Formen der Vorbereitung nachdenken, zum Beispiel mit Medien; das ist ja mein Metier. Warum lassen wir die jungen Leute nicht einen Film drehen? Sie könnten in die Fußgängerzone gehen und die Menschen fragen, wie sie zum Glauben stehen. Aber der erste Schritt wäre ein „Pisa-Test“, um zu erfahren, was die Jugendlichen nach neun Jahren Glaubensvermittlung an Schulen noch wissen.

Mit welchem Ergebnis rechnen Sie?

Kocher: Das Ergebnis wäre wahrscheinlich katastrophal. Wir müssen nach dem Warum fragen: Warum hat es etwa an einer Schule besser funktioniert als an anderen? Hängt das mit dem Lehrplan zusammen? Liegt es an den Lehrern? Funktioniert Glaubensweitergabe nur da, wo jemand selbst dahinter steht und dafür brennt? Was sind die Gründe? Ich habe es selbst geliebt, die Kinder zu unterrichten. Man kann den Glauben faszinierend vermitteln. Aber man muss sich auf den Weg machen. Das Ziel sind mündige, reife Christen. Also, was muss ich tun? So weitermachen wie bisher sollten wir nicht. Wir brauchen eine neue Art eines Katechumenats, eine längere Einführung.

Das Buch „Zeitgeist oder Geist der Zeit“ ist beim Verlag Media Maria erschienen. Den Erlös aus dem Verkauf des Buches will Pfarrer Richard Kocher spenden.