Literaturpreis-Vergabe in Sonthofen

Berliner Schriftstellerin nimmt in Sonthofen ersten Sebald-Preis entgegen

„Die Erinnerung, das sind wir selbst“: Die Berliner Schriftstellerin Esther Kinsky hat jetzt in Sonthofen den mit 10.000 Euro dotierten W. G. Sebald-Preis erhalten.

„Die Erinnerung, das sind wir selbst“: Die Berliner Schriftstellerin Esther Kinsky hat jetzt in Sonthofen den mit 10.000 Euro dotierten W. G. Sebald-Preis erhalten.

Bild: Stadt Sonthofen/Alexandra Schäfer

„Die Erinnerung, das sind wir selbst“: Die Berliner Schriftstellerin Esther Kinsky hat jetzt in Sonthofen den mit 10.000 Euro dotierten W. G. Sebald-Preis erhalten.

Bild: Stadt Sonthofen/Alexandra Schäfer

Die Berliner Schriftstellerin Esther Kinsky erhält in Sonthofen den W. G. Sebald-Preis. Der ausgezeichnete Text erinnert an eine verheerende Katastrophe.
24.05.2022 | Stand: 11:30 Uhr

„Die Erinnerung ist etwas, an dem ständig gewoben wird. Alles, was man also sieht und hört und denkt und riecht, ist wie ein Faden in diesem gewebten Erinnerungstuch.“ Solche Sätze charakterisieren Olga. Olga ist eine Figur aus „Rombo“, dem neuen Roman von Esther Kinsky, einer Schriftstellerin, die für ihre Übersetzungen und ihre Literatur seit dem Jahr 2000 Preise und Auszeichnungen nur so sammelt. Einer der jüngsten in der langen Liste ist der erstmals vergebene W. G. Sebald-Preis. Ihn, der nach dem 1944 in Wertach geborenen und 2001 in seiner Wahlheimat England verstorbenen Schriftsteller W. G. Sebald benannt ist, hat die in Berlin lebende und 1956 im Bergischen Land geborene Autorin jetzt im Sonthofer Allgäu-Stern-Hotel entgegengenommen.

Ein Mosaik von Katastrophe und Zerstörung

Dabei liest sie auch aus jenem Text, der ihr den Preis einbrachte und der Teil ihres neuen Romans ist: „Kalkstein“. Er führt in das Jahr 1976 zurück, als ein schweres Erdbeben das Friaul erschüttert: Fast tausend Menschen sterben, 45.000 Menschen verlieren ihre Häuser oder Wohnungen. Welche Spuren die Katastrophe im Leben der Überlebenden hinterlassen hat, das schildert Esther Kinsky in ihrem Roman anhand von sieben Bewohnerinnen und Bewohnern eines abgelegenen Bergdorfs. Und schon der kurze Ausschnitt, den sie in Sonthofen vorträgt, offenbart die Dramaturgie des Textes: In kleinen Bruchstücken bildet er ein Mosaik von Katastrophe und Zerstörung.

Ein Text mit Verführungskraft

Dabei habe der Text in seiner Kombination aus Distanz und Nähe zu den Ereignissen und Figuren eine „Verführungskraft entwickelt“, erklärt Laudator Professor Dr. Jürgen Ritte von der Universität Sorbonne Nouvelle in Paris, „der wir bald erlegen sind“. Jürgen Ritte, dessen Laudation an diesem Abend – aus privaten Gründen – nur als Videoeinspielung zu erleben ist, war Mitglied der Jury, die sich aus fünf Personen zusammensetzte, darunter Dr. Kay Wolfinger von der Ludwig-Maximilians-Universität. Der Sonthofer erläutert an diesem Abend, wie sich die Jury durch die 900 eingereichten Beiträge kämpfte, und unterhält sich mit der Preisträgerin über ihre Arbeit, die Beteiligung an dieser Preis-Ausschreibung und W. G. Sebald.

Anschreiben gegen Vergessen und Verschwinden

Wie kam es dazu, dass sich eine renommierte Autorin wie sie überhaupt an der Ausschreibung beteiligte?, fragte Wolfinger: Der Suhrkamp-Verlag habe seine Autoren dreimal dazu aufgefordert, sich um diesen Preis zu bewerben, erklärte Esther Kinsky. Mit Sebald teile sie die Zuneigung zur Landschaft, das Anschreiben gegen Vergessen und Verschwinden, die Begeisterung für die Küste von Sussex, der Sebald in seinem Buch „Die Ringe des Saturn“ ein literarisches Denkmal gesetzt habe. An einem anderen Sebald-Werk allerdings sei sie gescheitert, bekennt Esther Kinsky, dem Roman „Austerlitz“. Außerdem schätzen Autoren es wenig, mit anderen verglichen zu werden.

Improvisationen

In der Tat pflegt Esther Kinsky einen gänzlich anderen Sprachstil als Sebald. Sie bevorzugt kurze, prägnante Sätze. Allerdings fügen diese sich nicht zu einer linearen Erzählung, sondern mäandern wie bei Sebald scheinbar spontan von Gedanke zu Gedanke. So entsteht der Eindruck einer Improvisation. Improvisiert aus dem Augenblick ist auch die musikalische Begleitung dieser Feierstunde, für die das Oberallgäuer Duo Anim mit Anja Heinz-Civelek und Achim Rinderle sorgt.

Das Werk der Stunde

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Der Sebald-Preis wurde von der Deutschen Sebald-Gesellschaft unter dem Motto „Erinnerung und Gedächtnis“ ausgeschrieben und ist mit 10.000 Euro dotiert. Er soll alle zwei Jahre vergeben werden, sagt Sonthofens Bürgermeister Christian Wilhelm bei der Begrüßung. Die Deutsche Sebald-Gesellschaft habe sich zum Ziel gesetzt, eine breite Öffentlichkeit auf die Bedeutung des Schriftstellers W. G. Sebald aufmerksam zu machen, der zwar Weltliteratur geschrieben habe, aber im Allgäu fast in Vergessenheit geraten sei. Das erklärt Gründungsvorsitzender Professor Dr. Ricardo Felberbaum bei der Preisverleihung. Er nannte Esther Kinskys Roman „Rombo“ das Werk der Stunde: Wenn das, was wir jetzt mit dem Krieg in der Ukraine erleben, nur die Vorankündigung einer noch größeren Katastrophe sei, dann sehe die Zukunft düster aus, dann gnade uns Gott.

Das unheilvolle Grollen

Das Wort „Rombo“ beschreibe das unheilvolle Grollen, das einem schweren Erdbeben vorausgehe, erläutert Esther Kinsky. Zwar ist sie auch mit dem Deutschen Preis für Nature Writing ausgezeichnet worden, aber ihr gehe es beim Schreiben nicht um die Natur, sondern immer um den Menschen. In ihrem Werk spüre sie der Frage nach: Was ist Erinnerung? Was überlebe als kollektive Erfahrung? Olga in „Rombo“ bilanziert die Frage so: „Die Erinnerung, das sind wir selbst.“

Der Schriftsteller W. G. Sebald.

Die Deutsche Sebald-Gesellschaft.

Die Schriftstellerin Esther Kinsky.

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